Eigentlich würde der kleine Opel, der in einer Seitenstraße am Tempelhofer Feld geparkt ist, nicht weiter auffallen. Das Wägelchen ist ordnungsgemäß zugelassen, steht auf einem regulären Parkplatz. Doch in und um das Auto herum hat der Besitzer seinen Hausstand und allerlei Gerümpel ausgebreitet. Der 77-jährige Ivan P. fährt nicht nur mit seinem Auto – er wohnt darin. Eigentlich lebt der Mann in einem Wohnwagen. Doch den hat der Pfandflaschensammler so zugestellt, dass vorerst kein Platz mehr für ihn darin ist.

Kein Platz mehr für Ivan und die anderen

Erst vor wenigen Tagen berichtete die Berliner Zeitung über eine Frau, die seit Monaten in ihrem Auto in Köpenick wohnt. Sabine, so soll die Frau heißen, sei auf der Flucht vor ihrem Mann und komme ursprünglich aus Hannover, sagen Anwohner. Doch wo die Auto-Nomadin, die mit niemandem sprechen und sich laut Nachbarn auch nicht helfen lassen will, derzeit ist – unklar. 

Nicht so Ivan. Der gebürtige Kroate ist sogar erfreut, als der Reporter der Berliner Zeitung ihn vor seinem Wohn-Opel anspricht. Und erzählt seine unglaubliche und zugleich tieftraurige Geschichte. Seit über 30 Jahren sei er schon in Deutschland.

Einen Großteil davon habe er in Berlin verbracht, sagt der Mann, der deutlich jünger wirkt als 77. Ein Freund von „kleinen, engen Wohnungen in riesigen Häusern“ sei er noch nie gewesen. Und so sei er kurz nach der Wende in die damalige Wohnwagen-Kolonie am Potsdamer Platz gezogen. Als sich das Areal in der Nachwendezeit von der Brache zum Filetgrundstück wandelte, war hier aber kein Platz mehr für Ivan und die anderen. 

„Man findet Arbeit, wenn man will“

Doch während sich Ivans Kumpels mit der neuen Situation arrangierten, verlor der Kroate die Kontrolle über sein bis dahin zwar spezielles, aber auf eine gewisse Art und Weise doch geordnetes Leben. Ivan begann zu sammeln. Schrott, Plastiktüten, alte Fahrradteile, Pfandflaschen – alles fand den Weg in Ivans Wohnwagen. Bis der so voll war, dass für den 77-jährigen selbst kein Platz mehr war. Also zog er in sein Auto. 

Mit dem klassischen Obdachlosen, der erst in der Abwärtsspirale aus Suff und Schulden und schließlich auf der Straße gelandet ist, hat P. jedoch nichts gemein. Der Mann, der nach eigenen Angaben Pädagoge ist, habe „immer gearbeitet, das garantiere ich. Mal auf dem Bau, mal als Kellner, was halt so anfiel. Man findet Arbeit, wenn man will“, sagt der 77-Jährige und strahlt trotz der Müllberge, die sich neben seinem Auto auftürmen, eine gewisse Würde aus.

Als Kind habe er in seiner Heimat Kroatien zudem gesehen, „was Alkohol aus Menschen machen kann.“ Deswegen habe er „nie getrunken oder Drogen genommen“, strikter Nichtraucher ist er auch. 

Ein Heim für behinderte Kinder

Und trotzdem sitzt Ivan auf der Straße – weil er nicht aufhören kann, Müll zu sammeln. Freunde sagen, sie hätten bereits Sozialdienste und zuständige Ämter um Hilfe gebeten. Weil Ivan aber weder für sich noch für andere eine Gefahr darstellen würde und sein Auto zudem ordentlich zugelassen sei, könne man nichts machen. 

Dann stellen wir die Frage, die man einem „Messi“ einfach stellen muss: Warum sammeln Sie alles, was Sie finden? „Mein Traum ist es, ein Heim für behinderte Kinder in Kroatien aufzubauen“, sagt der Mann mit fester Stimme und klarem Blick. „Ich sammele auch Flaschen und spare das Pfandgeld, um irgendwann genug Geld für das Heim zu haben.“ Als er von seinem Traum erzählt, wirkt Ivan euphorisch, nicht verbittert. Und geht dann zurück zu seinem kleinen roten Opel.