Ein russischer „Strafisolator“ steht jetzt vor der russischen Botschaft

Eine Installation rekonstruiert die brutalen Bedingungen russischer Einzelhaft. Alexej Nawalnys Team will, dass sie auch Hoffnung für ein neues Russland gibt.

Oleg Nawalny am Dienstag vor der russischen Botschaft. Hier wurde eine Replik der Haftzelle seines Bruders errichtet, des Dissidenten Alexej Nawalny.
Oleg Nawalny am Dienstag vor der russischen Botschaft. Hier wurde eine Replik der Haftzelle seines Bruders errichtet, des Dissidenten Alexej Nawalny.Emmanuele Contini

Die Straße Unter den Linden vor der russischen Botschaft ist seit fast einem Jahr zu einem Raum für Protest gegen den russischen Angriffskrieg geworden. Seit Beginn des Angriffskrieges von Russland steht hier eine kerzenbeleuchtete Mahnwache für die Kriegsopfer in der Ukraine, und demnächst soll hier ein ausgebrannter Panzer stehen. Am Dienstag ist ein weiteres Exponat hinzugekommen: ein Betoncontainer, in dem die Gefängniszelle des russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny nachgebaut wird.

Nawalny sitzt seit seiner Rückkehr nach Moskau vor zwei Jahren in einer russischen Strafkolonie; davon hat er 105 Tage im sogenannten Schiso (vom russischen „Schtrafnoj isoljator“, auf Deutsch „Strafisolator“) verbracht. Dabei handelt es sich um eine besonders strenge Abteilung einer russischen Strafkolonie für Insassen, die der Verletzung der Gefängnisordnung beschuldigt werden.

Dort werden die Gefangenen bis zu 15 Tage lang in Einzelzellen festgehalten. Ihnen ist jeder Kontakt zur Außenwelt untersagt, ob durch Telefonate, Post oder Pakete; nur ein kleines vergittertes Fenster lässt Licht herein. Die Gefangenen dürfen sich auch nur eine begrenzte Zeit pro Tag hinsetzen. Russische Menschenrechtsaktivisten weisen auf die schweren psychischen Folgen solcher Haftbedingungen hin – und darauf, dass die „Schiso“-Zellen von Gefängniswärtern auch benutzt werden, um die Insassen zu misshandeln und zu foltern.

Bruder von Alexej Nawalny: „Das hat Putin für die ganze Welt vorbereitet“

Eröffnet haben die Installation am Dienstag Nawalnys Bruder Oleg, der für die Unterstützung seines Bruders ebenso eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren verbüßt hat, sowie sein politischer Vertrauter und Stabschef Leonid Wolkow. „Der Schiso ist ein Symbol für das qualvolle Strafsystem Russlands, dem mehrere Hundert politische Aktivisten gerade ausgesetzt werden“, sagte Oleg Nawalny. „Aber er zeigt uns auch die Zukunft, die Putin für Russland und die ganze Welt vorbereitet hat – mit Gewaltherrschaft und Brutalität statt Hoffnung.“

Oleg Nawalny hat selbst beim Entwurf und bei der Konzipierung der Installation mitgemacht: Im düsteren Inneren der rekonstruierten Zelle kann der Besucher das Klappbett aus Holz und das Waschbecken sehen, mehr gibt es nicht. Über eine knisternde Sprechanlage hört man die strenge Stimme des Gefängniswärters, die daran erinnert, dass das Sitzen verboten sei. Man soll sich dabei nicht nur in die Lage Alexej Nawalnys versetzen können, sondern auch in die Situation von allen politischen Gefangenen in Russland. Die Installation wird noch vier Wochen vor der russischen Botschaft stehen, dann wird sie in anderen europäischen Städten ausgestellt.

Nawalny-Vertrauter: „Er symbolisiert die Hoffnung auf ein neues Russland“

Alexej Nawalny selbst weiß noch nichts von der Aktion, sagte Leonid Wolkow. Erst in einer Woche, nach seiner Freilassung aus dem „Schiso“, werde er wohl durch einen Brief davon erfahren. Für Wolkow ist Nawalny ein Held, aber eben auch ein Politiker, der das Zeug habe, so glaubt Wolkow, Präsident eines neuen freien Russlands zu werden. Nawalny symbolisiere mit seinem Kampf für alle Russen die Hoffnung, dass es nach Wladimir Putin diese Zukunft überhaupt geben kann, auch für die Menschen, die nicht mit seiner Politik einverstanden sind. „Ohne diese Hoffnung können wir genauso gut aufgeben und sagen, Russland wird immer so ein faschistisches Reich bleiben, das seine Nachbarn bedroht“, sagte Wolkow der Berliner Zeitung. „Dann haben wir schon verloren.“ Diese Hoffnung zu vermitteln, sei also ein weiteres Ziel der Installation.

Was aber zunächst passieren muss, damit ein freies Russland ohne Putin entstehen kann, ist für Leonid Wolkow eindeutig klar: Russland muss seinen Krieg in der Ukraine verlieren. „Dieser Krieg ist so ungerecht, so verbrecherisch, dass kein anderer Ausgang als ein Sieg der Ukraine zu wünschen ist“, sagte er. „Putins Armee muss verlieren, die international anerkannten Grenzen der Ukraine müssen wiederhergestellt werden. Anders kann es keine Hoffnung für die Zukunft geben.“