Mario Flach (links) vor seiner Mostquetsche. Auch Gerald Thomas gehört zu den Kunden.
Foto: Berliner Zeitung / Thomas Uhlemann

BerlinDie Kleingarten-Zeit nähert sich dem Ende, doch jetzt, im Herbst, freuen sich viele Hobby-Gärtner über kiloweise Äpfel und Birnen. Es ist der große Auftritt für den kleinsten Saftladen Berlins – und er ist der Chef: Mario Flach betreibt die „Mobile Mostquetsche“, eine Mosterei auf Rädern. Mit dem High-Tech-Wagen fährt er durch Berlin, verarbeitet die Ernten der Laubenpieper zu Saft. Und belebt damit ein beinahe verloren gegangenes Handwerk völlig neu.

Gerald Thomas hält mit seinem Pkw auf dem Besucherparkplatz der Späthschen Baumschule in Treptow. Der Kofferraum geht auf – und darin: Birnen über Birnen, verpackt in Kisten. „Ich habe ein Grundstück in Altglienicke, dort steht ein einziger Birnbaum“, sagt der 70-Jährige. „Voriges Jahr waren nur zehn Kilo Früchte dran, aber in dieser Saison hat er wesentlich besser getragen.“ 200 Kilogramm Birnen konnte der Rentner ernten. „Ein paar haben wir verschenkt und selbst gegessen – aber so viel schafft ja niemand!“ Er schnappt sich eine Kiste mit Birnen, schüttet die Früchte auf ein Laufband an einer Seite der „Mobilen Mostquetsche“.

Aus 140 Kilogramm Birnen werden rund 90 Liter Saft

Mario Flach steht schon bereit, spritzt die Früchte mit einem Wasserschlauch ab. Über ein Band laufen sie ins Innere des Wagens. Es rattert und rattert. Flach, 48 Jahre alt, Gummistiefel, Strohhut, kurze Hosen, legt den Schlauch beiseite, schnappt sich einen Pappbecher, dreht einen Hahn auf. Goldener Saft läuft in den Becher, er reicht ihn an Thomas weiter. Der Rentner probiert, nickt glücklich und lächelt. „Den machen Sie im Winter einfach schön warm und schütten noch einen Willi dazu“, sagt Mario Flach. Auf der anderen Seite des Wagens füllt ein Mitarbeiter den Saft in Fünf-Liter-Beutel ab. Thomas ist mit 140 Kilo Birnen gekommen – und verlässt mit 90 Litern Saft das Grundstück. Und während er noch packt, stehen die nächsten Autos schon in der Schlange. Obwohl es früh am Morgen ist, an einem Sonntag. Und der kalte Wind allen um die Ohren pfeift.

Andrea Schmohl gehören zu den Kunden - heute hat sie rund 100 Kilogramm Äpfel im Gepäck.
Foto: Berliner Zeitung / Thomas Uhlemann

Auf die Idee, sich mit einer mobilen Mosterei selbstständig zu machen, kam Mario Flach bereits 2013. „Ich bin eigentlich Koch und Gastronom – und hatte damals vor, eine Brauerei mit Biergarten zu eröffnen“, sagt er. „Aber ich fand kein passendes Grundstück. Irgendwann saß ich deprimiert in meinem Garten in Heinersdorf und mir fielen die Äpfel auf den Kopf.“ Mit einem Glühweinkocher stellte er den ersten Apfelsaft her, Nachbarn im Garten waren angetan von der Idee. Er investierte Geld, ließ sich von einer Spezialfirma den Most-Wagen bauen. Die Investitionen lohnten sich: Heute zieht Flach mit seiner Mostquetsche durch Berlin und Brandenburg – und ist beliebter Anlaufpunkt für alle, die privat ernten. „Denn Mostereien gab es früher überall, heute sind sie aber sehr selten geworden“, sagt der Geschäftsmann. „Und viele Kleingärtner wissen nicht, wohin mit ihren Äpfeln.“ Wie zum Beweis klingelt das Telefon. Er nimmt ab. „Flach, Mostquetsche!“ Gesprächsfetzen. „Wie viele Äpfel haben Sie? … Wild gepflückt? … „Kommen Sie um 12.15 Uhr. Nicht später, denn danach kommt jemand mit zwei Tonnen, da habe ich keine Zeit mehr.“

Mario Flach mit Freyja Castles (50) - auch sie will, dass aus ihren Äpfeln Saft wird.
Foto: Berliner Zeitung / Thomas Uhlemann

100 Kilo sollte ein Kleingärtner mindestens bringen, damit Flach seine Quetsche anschmeißt. Bei viel weniger ist es technisch kaum möglich, denn allein der Durchlauferhitzer, in dem der Saft von Keimen befreit und haltbar gemacht wird, ist 28 Meter lang, sagt Flach. Bei Andrea Schmohl passt alles. „Es müssten an die 100 Kilo sein“, sagt sie, als sie einen Apfel-Sack nach dem anderen in die Mostquetsche kippt. Die 53-Jährige kommt aus Königs Wusterhausen, hat einen Garten – und arbeitet in einer Lagerhalle bei Großbeeren. „Dort wurden als Ausgleichspflanzungen Apfelbäume angepflanzt – die Früchte dürfen die Mitarbeiter mitnehmen.“ Kuchen hat sie schon gebacken, Mus gekocht, der Rest wird zu Saft. Jedes Jahr kommt Schmohl  zur Quetsche. „Denn da weiß ich, was ich habe“, sagt sie. „Und bei eigenen Früchten kenne ich jede Made persönlich.“

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Das ist es, was sei Geschäft so zuträglich macht, sagt Flach. „Lebensmittelskandale gibt es reichlich. Hier wissen die Leute, was sie bekommen.“ Zusätze kommen nicht in den Saft – nur etwas Zitronensaft bei Birnen, um die Most haltbarer zu machen. „Und die Kunden können dabei zugucken, wie ihr Saft entsteht. Da kann ich nicht bescheißen und irgendwas abzwacken.“ Pro Drei-Liter-Beutel Saft zahlen Gärtner 4,50 Euro, für einen Fünf-Liter-Beutel 6,50 Euro. Am kommenden Sonntag steht Flach mit seiner Mostquetsche wieder bei den Späthschen Baumschulen. Wer mosten will, muss sich vorher allerdings anmelden (0176 96321928).