Berlin - Frühtau perlt an den Scheiben der geparkten Autos herunter, als ich aufbreche. Auf Berlins Straßen ist noch wenig Verkehr, die Sonne kämpft sich durch einen milchigen Himmel. Es ist Sonntag, kurz vor acht Uhr. Frühaufsteher und Spätheimkehrer teilen sich die S-Bahn nach Strausberg. Die einen – bekleidet mit Netzhemd und Hotpants – sind auf dem Weg ins Bett. Die anderen zieht es ins Grüne. Sie tragen wie ich feste Schuhe und Regenjacken. Ob sie auch zu der Halbtagestour der Cöpenicker Wanderfreunde wollen?

Lust und Frust

Wandern ist die beliebteste Freizeitaktivität der Deutschen, hat eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie herausgefunden. 69 Prozent der hiesigen Bevölkerung tun es inzwischen, 2010 waren es 56 Prozent. Zunehmend begeistern sich jüngere Leute dafür. Die „neue Wanderlust“ war dem Stadtmagazin Tip kürzlich eine Titelgeschichte wert.

Etwa 30 Leute überwiegend im Rentenalter sind es, die an diesem Morgen zum Treffpunkt am S-Bahnhof Strausberg kommen. Sie scharen sich um Wanderleiterin Ingrid Lindner, einer älteren Frau mit kurzen, rotblonden Locken und Gamaschen an den Füßen, die die Hosenbeine vor Feuchtigkeit schützen. Unter ihrer Regie wird sich die Gruppe gleich aufmachen zum Großen Stienitzsee und an dessen Ufer entlang weiter nach Rüdersdorf wandern. Mit 15 Kilometern Länge und einem Tempo von 4,5 Kilometern pro Stunde ist Ingrid Lindners Tour im Übersichtsheft „Berlin-Brandenburger Wanderplan“ verzeichnet.

Altersdurchschnitt liegt bei über 65

21 Wandervereine gibt es in Berlin, sie zählen 2200 Mitglieder. Tendenz: fallend, auch altersbedingt. Bei über 65 läge der Altersdurchschnitt, schätzt Wolfgang Pagel, der Präsident des Berliner Wanderverbandes. „Aber das Interesse an unseren geführten Touren nimmt zu.“ Manchmal kämen bis zu hundert Wanderer, besonders wenn die Touren nicht zu früh begännen, die Strecke nicht zu lang sei und das Tempo nicht zu hoch.

Wolfgang Pagel, 73, kümmert sich nicht nur um die traditionellen Wandervereine, er tastet sich auch an die junge Wanderszene Berlins heran. An die rund 700 Mitglieder zählende Facebook-Gruppe „Earn your bacon“ beispielsweise.

Blasen und Speck

Einige von ihnen starten an diesem Sonnabend zu einer 50-Kilometer- Tour, die Pagel für die Berliner Frühjahrswanderung im April ausgetüftelt hat. Die leistungsbetonten Wandersleut’ von „Earn your Bacon“ bevorzugen Langdistanzwanderungen mit zehn und mehr Stunden Gehzeit sowie Märsche mit zackigem Tempo, scheuen kein Wetter und rühmen sich ihrer Blasen.

„Das ist eine ganz andere Welt, ganz andere Strukturen“, sagt Wolfgang Pagel. Der promovierte Mathematiker ist Realist genug, um nicht zu hoffen, dass diese jungen Leute einmal die Vereine auffüllen und dort als Wanderleiter Verantwortung übernehmen werden. Aber ihn interessiert diese Welt, bietet er doch selbst noch ab und an 100-Kilometer-Touren an. Die Wanderung in der Lausitz, die er an diesem Wochenende führt, ist dagegen „nur“ 33 Kilometer lang. Treffpunkt: 6.35 Uhr am Bahnhof Friedrichstraße.

Dagegen ist die Startzeit meiner Tour – 9 Uhr am Bahnhof Strausberg – noch zivil. Als alle Nichtvereinsmitglieder den Gastbeitrag von einem Euro bezahlt haben, setzt sich die Gruppe mit zügigem Schritt in Bewegung. Schon bald verlassen wir die Straße und steigen auf einem schmalen, unbefestigten Weg hinab in ein Waldstück. Rechter Hand fließt das Bächlein Anna, linker Hand blühen erste Anemonen. Kaum sind wir etwas tiefer im Wald, trennt Ingrid Lindner die Gruppe vorübergehend nach Geschlechtern. „Buschpause!“, ruft sie und schickt die Männer nach vorne zum Pinkeln, während sich die Frauen bei Bedarf rechts und links in die Büsche schlagen.

Plaudernd durch den Wald

Männer sind nur schwach vertreten, vier Fünftel der Gruppe sind Frauen. Das ist nicht ungewöhnlich, berichten regelmäßige Teilnehmer. Viel der Frauen scheinen sich von vorangegangenen Touren zu kennen und sprechen miteinander wie Freundinnen. Plaudernd wandert die Gruppe durch den Wald. Auch ich werde in ein angeregtes Gespräch verwickelt, der Altersunterschied spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Nach nicht einmal zwei Stunden erreichen wir den Stienitzsee. Die Gruppe schreckt einen Angler auf, der den kleinen Sandstrand bis dahin für sich alleine hatte. Nicht wenige gönnen sich eine erste Stärkung – Äpfel und Stullen werden aus den Rucksäcken hervor geholt. Auch ich beiße mit Genuss in mein Käsebrot. Den Rest spare ich mir für die große Pause später auf. Doch jetzt geht es erst mal weiter durch das hügelige Gelände am Ufer. Manchmal sind die Wege so schmal, dass wir im Gänsemarsch hintereinander gehen müssen. Die Gruppe in ihren vielfarbigen Jacken zieht sich wie eine bunte Perlenkette durch den Wald.

Witwen und Blümchen

„Guckt mal, Leberblümchen“, ruft die Wanderleiterin und weist auf Blümchen am Wegesrand hin, von denen einige blau und andere rosa blühen. Gewandert ist Ingrid Lindner schon immer gern, früher mit ihrer Familie. Erst nach dem Tod ihres Mannes 1992 hat sie sich den Cöpenicker Wanderfreunden angeschlossen, wo die Rentnerin erst normales Mitglied war und später selbst Touren anbot. Ingrid Lindner ist kein Einzelfall: Viele der Frauen auf der Tour sind verwitwet oder alleinstehend.

Nach gut vier Stunden erreichen wir Rüdersdorf. Die Straßenbahn lässt auf sich warten. Uschi und Gerd stehen an der Haltestelle. Sie hat solche Touren schon öfter gemacht, ihr Bekannter war erstmals dabei. „Ich mach’ bestimmt noch mal eine mit“, sagt der 66-Jährige. „Aber diese Länge reicht völlig. Wandern ist anstrengender als Radfahren.“ Dann holt er eine kleines Fläschchen hervor und trinkt es aus. Auch ich freue mich auf eine Stärkung. Und einen Sitzplatz in der Straßenbahn.