Berlin - Solche Tendenzen müssten wie Rassismus und Antisemitismus bereits in ihren Anfängen bekämpft werden, sagte der Leiter des schwulen Anti-Gewalt-Projekts Maneo, Bastian Finke, am Montag. Wenn Beleidigungen von Homosexuellen in der Öffentlichkeit normal würden, berge dies ein hohes Gefahrenpotenzial. In Schöneberg waren in der Nacht zu Samstag zwei Männer grundlos zusammengeschlagen worden.

Gegen die mutmaßlichen Schläger wurden am Montag Haftbefehle erlassen. Die zwei 31 und 33 Jahre alten Männer müssen sich nach Angaben der Polizei wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Der 33-Jährige kam in Untersuchungshaft, der andere blieb auf freiem Fuß. Sie hatten die beiden Männer im Alter von 23 und 37 Jahren beleidigt, verfolgt sowie mit Schlägen und Tritten attackiert.

SPD-Bundestagsabgeordnete Rawert. „Es ist traurig“

Obwohl die Opfer in ein Restaurant flüchteten, ließen die Angreifer nicht von ihnen ab und schlugen weiter auf sie ein, bis der 37-Jährige das Bewusstsein verlor. Die Täter flüchteten, konnten aber von der Polizei aufgegriffen werden. Die Beamten stellten bei ihnen Alkoholwerte von 1,4 und 1,7 Promille fest.

Mit den Ermittlungen werde für die Gesellschaft deutlich, dass schwulenfeindliche, homophobe Gewalt in Berlin auch von Polizei und Staatsanwaltschaft als das bewertet werde, was sie sei: eine Straftat, sagte die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert. „Es ist traurig, dass es in unserem grundsätzlich toleranten und lebenswerten Schöneberger Kiez noch immer zu solchen Gewalttaten kommt“, bedauerte die Kreisvorsitzende der Schwusos Tempelhof-Schöneberg, Petra Nowacki.

Zahl der Übergriffe und Diskriminierungen auf hohem Niveau

Nach Angaben von Finke bewegt sich die Zahl bekannt gewordener Übergriffe auf Homo- und Transsexuelle in Berlin nach wie vor auf hohem Niveau. Im ersten Halbjahr habe es etwa 200 Fälle und Hinweise auf körperliche Gewalt und Diskriminierungen gegeben und damit in etwa so viele wie im Vorjahreszeitraum. 422 waren es im gesamten Jahr 2011. Davon entfielen 30 Prozent auf Beleidigungen, 21 Prozent auf einfache und gefährliche Körperverletzungen. In 17 Prozent der Fälle wurden Opfer genötigt oder bedroht.

Die meisten Vorfälle (27 Prozent) wurden aus Schöneberg gemeldet, gefolgt von Kreuzberg mit 17 Prozent. Zu Beleidigungen und Übergriffen sei es überwiegend an öffentlichen Orten sowie in Bussen und Bahnen gekommen. Finke geht davon aus, dass bis zu 90 Prozent der homophoben Gewalttaten in Berlin nicht bekannt werden.

„Die Zahlen in Berlin zeigen, dass sich immer mehr Opfer an Beratungsstellen und die Polizei wenden“, erklärte der Soziologe. Die Hauptstadt sei nicht gefährlicher als Hamburg oder Köln. Das in Schöneberg ansässige Anti-Gewalt-Projekt mit dem „schwulen Überfalltelefon“ gibt es seit 22 Jahren. Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehören neben der Opferhilfe auch Präventions- und Aufklärungskampagnen, um für Toleranz gegenüber Homosexuellen in der Gesellschaft zu werben.