Besucher auf dem Wochenmarkt am Maybachufer in Neukölln. Der Bezirk führt seit Tagen die Liste der deutschen Kreise und Bezirke mit dem höchsten Inzidenzwert an.
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BerlinEs ist ein trauriger Spitzenplatz. Seit Tagen steht Neukölln bundesweit ganz vorne bei der Anzahl der Corona-Neuinfektionen, aufgeschlüsselt nach Landkreisen beziehungsweise Bezirken. Am Donnerstag wurden 170 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in dem Bezirk gezählt, der sich in den vergangenen Jahren zum international attraktivsten Berliner Bezirk für Menschen aus aller Welt gemausert hat. 

Das Virus hat sich in Neukölln schon so stark verbreitet, dass das bezirkliche Gesundheitsamt nicht mehr einzelne Herde lokalisieren oder Infektionsketten komplett nachvollziehen kann. Zwar werden weiterhin täglich Neuköllner, die infiziert sind oder mit Infizierten engen Kontakt hatten, in pauschale Quarantäne geschickt – genauso sicher ist aber auch, dass eine unbekannte Anzahl von Menschen, die mit dem Virus Kontakt hatten, gar nicht registriert wird. Das heißt: Das Virus ist außer Kontrolle.

„Im Bezirk können wir nicht mehr von einzelnen Hotspots sprechen. Wir haben längst ein diffuses Infektionsgeschehen“, sagte Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) am Freitag im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Inzwischen sei das Virus derart in der breiten Bevölkerung verteilt, dass man unmöglich noch sagen könne, wo die Infektionen im Einzelnen herkämen. Der Zeitung B.Z. sagte der Kommunalpolitiker: „Bei 70 Prozent der Fälle können wir nicht mehr genau nachvollziehen, wo die Infektionen ihren Ursprung haben.“

Liecke lässt im Gespräch mit der Berliner Zeitung keinen Zweifel daran, wen er für die Entwicklung verantwortlich macht: „Das sind Neuköllner und Besucher des Bezirks, die sich nicht um die Regeln scheren.“ Für diesen sorglosen Umgang mit dem Virus erhalte man jetzt die Quittung. „Da kann ich nur sagen: Vielen Dank“, sagte der Stadtrat sarkastisch.

Doch das Neuköllner Gesundheitsamt will die Krise nicht einfach über sich hinwegrasen lassen, sondern hat sich der Lage angepasst. Man sei wieder dazu übergegangen Schwerpunkte zu setzen, sagte Amtsarzt Nicolai Savaskan der B.Z.: „Wir behandeln prioritär alte und kranke Menschen, Risikogruppen, systemrelevante Berufsgruppen.“

Verdachtsfälle müssen 14 Tage in Quarantäne

Stefan Berg hält diese Strategie für genau richtig. Der Sprecher des Neuköllner Bezirksamts verweist im Gespräch mit der Berliner Zeitung darauf, dass vor allem zum Ende der Sommerferien grobe Fehler gemacht wurden, als sich die Reiserückkehrer „freitesten“ konnten, wie er es nennt. Das habe dazu beigetragen, dass das Virus in die ganze Stadt eingesickert sei. Jetzt reagiere man knallhart: „Verdachtsfälle müssen jetzt 14 Tage in Quarantäne“, so Berg.

Genau wie Stadtrat Liecke wehrt sich auch Berg gegen Unterstellungen, das Bezirksamt habe nicht genug gegen die Ausbreitung von Corona getan. So habe man vor einigen Tagen eine Allgemeinverfügung erlassen. Demnach entscheiden dafür ausgebildete und verantwortliche Gesundheits- und Hygieneaufseher darüber, ob jemand in Quarantäne müsse. Die Mitteilung per Telefon darüber dürften nun zum Beispiel aber auch die Bundeswehrsoldaten überbringen, die beim Gesundheitsamt aushelfen. Das gleiche gelte für Schulen, so Berg. Da dürfe nun die Schulleitung nach Auftrag des Gesundheitsamts Eltern und Lehrer benachrichtigen, dass zum Beispiel eine Klasse komplett in Quarantäne müsse. „Das entlastet die Gesundheitsämter“, sagte Berg.

Außerdem warnte der Bezirksamts-Sprecher davor, die Besucher großer orientalischer Hochzeiten als alleinige Schuldige für das unkontrollierte Verbreiten des Virus auszumachen, wie es zuletzt häufiger zu hören war. Es habe bis vor einigen Tagen in mehreren Bezirken große private Veranstaltungen gegeben, nach denen es jeweils Dutzende Positiv-Getestete beziehungsweise deren Kontaktpersonen gegeben habe – und in allen Fällen seien Neuköllner darunter gewesen. Das alles seien aber keine Beweise dafür, dass sich etwa eine bestimmte ethnische Gruppe nicht an die Regeln halte. Eine grundsätzliche Unterstellung sei falsch.

Auch die Sprache sei in dem Bezirk mit seinen 150.000 Einwohner mit nicht-deutscher Muttersprache nicht das eigentliche Problem, so Berg. Ob Stadtteilmütter oder interkulturelle Aufklärungsteams, die 13 Sprachen abdecken – „wir haben alles auf der Straße, was unterwegs sein kann“, sagte er. Man habe keine einzige Rückmeldung darüber erhalten, dass irgendwer wegen eines Informationsdefizits nicht wüsste, wie er sich verhalten müsste. „,Ich wusste das nicht‘, gilt nicht mehr“, so Berg.