Ein YouTuber springt von der Berliner U-Bahn in die Spree: Ist das strafbar?

Ein selbst ernannter Urban Explorer aus Kanada verunglückte an der Oberbaumbrücke beinahe. Wir haben mit ihm, der BVG und der Polizei gesprochen.

Der YouTuber ChaseTO springt von der Oberbaumbrücke in die Spree. Kurz darauf verunglückt er beinahe tödlich.
Der YouTuber ChaseTO springt von der Oberbaumbrücke in die Spree. Kurz darauf verunglückt er beinahe tödlich.Screenshot YouTube

Es ist ein Video, das einem den Magen umdreht. Ein junger Mann, dessen Gesicht verschwommen zu sehen ist, fährt mit der U1 über die Oberbaumbrücke. Aber nicht in der Bahn, sondern auf ihr. Mit ihm sind zwei Freunde unterwegs; was als Nächstes passiert, wollen sie aus allen Perspektiven filmen. Sie ermutigen ihn: „Du schaffst das, Alter!“, hört man einen rufen. Der junge Mann dreht sich um, und nachdem der Zug den ersten Turm der Oberbaumbrücke hinter sich gelassen hat, stürzt er sich in die Spree. Dabei verpasst er den Sockel des zweiten Turms nur ganz knapp, entgeht gerade so einem tödlichen Unfall.

Der YouTube-Kanal, auf den das Video hochgeladen ist, wird von einem Mann betrieben, der sich ChaseTO nennt. Der Name beziehe sich auf seine Heimatstadt Toronto in Kanada, sagt er im Gespräch mit der Berliner Zeitung, dem er unter der Bedingung zustimmt, anonym bleiben zu können. Er bezeichnet sich als „Urban Explorer“ – als Stadterkunder. Das sei ein Zeitvertreib, der unter anderem mit dem Klettern auf hohe Gebäude, dem Laufen über Dächer und Bahnsurfen zu tun habe, also dem Fahren auf dem Dach oder an der Außenseite eines Zuges.

Chase hat als „Urbexer“ schon vieles getan, das nichts für schwache Nerven ist: Er ist auf das rund 150 Meter hohe Duga-Radarsystem in der Sperrzone rund um das Kernkraftwerk von Tschernobyl geklettert sowie auf Kräne und Brücken, die ebenso Hunderte Meter hoch sind, ohne Seil oder andere Sicherheitsausrüstung. Auch von diesen Aktionen gibt es Videos.

Es sind Aktionen mit hohem Risiko. Aber nie sei es so gefährlich gewesen wie jetzt in Berlin, sagt Chase. Er habe sich noch nie dem Tod so nah gefühlt wie bei seinem Sprung von der Oberbaumbrücke. Er klingt nicht, als habe er genau das erreichen wollen, im Gegenteil. Noch immer könne er das Video selbst kaum sehen, sagt er. Er hoffe, dass seine Eltern es nicht sehen. 

ChaseTO wendet sich gegen Nachahmungstaten

Er sagt auch, seine Zeit als Bahnsurfer sei nach diesem Vorfall vorbei. Er wolle sich auf das Klettern in Städten konzentrieren. So habe er einst angefangen. Er hoffe auch inständig, dass sein Sprung keine Nachahmer finde. „Ich kann nur dringend abraten. Ich kann nur sagen: Ihr habt keine Ahnung, was für eine schlechte Idee das ist.“ Er selbst habe mit dem Sprung ein in der Community bekanntes Video nachstellen wollen – in dem eine Gruppe deutscher Urbexer von der Oberbaumbrücke springe.

Seine Geschichte zeigt, wie sich eine kleine Szene zu immer riskanteren, wahnwitzigeren Stunts hinreißen lässt. Und welch große Gefahr von den Videos auf YouTube und anderen Kanälen ausgehen kann.

Das Video zeigt, wie ChaseTO zusammen mit zwei Begleitern auf dem Dach der U-Bahn reitet.
Das Video zeigt, wie ChaseTO zusammen mit zwei Begleitern auf dem Dach der U-Bahn reitet.Screenshot YouTube

Bahnsurfing gibt es schon seit Jahrzehnten. Auch früher wurden Aufnahmen verbreitet. In den letzten Jahren habe man im Berliner ÖPNV keinen besonderen Anstieg bei diesen Taten bemerkt, sagt ein Sprecher der BVG. Er äußert sich sehr besorgt über den Einfluss der Videos. „Rechtliche Konsequenzen sind das kleinste Risiko, das jemand eingeht, der so was unternimmt“, so der Sprecher. „Die Leute begeben sich schlichtweg in Lebensgefahr.“

Das ist keine Übertreibung. Im Juni starb in Berlin ein 15-Jähriger, als er beim Bahnsurfen mit dem Kopf gegen einen Signalausleger prallte und schwere Kopfverletzungen erlitt. Im Mai landete ein 16-Jähriger im „kritischen Zustand“ im Krankenhaus, nachdem er vom Dach eines Zugs der S1 gestürzt und von einem anderen Zug überrollt worden war.

Die Polizei ist im Video zu sehen – warum greift sie nicht ein?

Ein Sprecher der Berliner Polizei teilt mit, dass nach einer solchen Tat wegen des Verdachts des Hausfriedensbruchs und des gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr ermittelt werden könne. Wenn Polizeibeamte eine solche Tat wahrnehmen, haben sie „die Handlung zu beenden oder unterbinden“ und sollen „so weit wie möglich die Personen festhalten sowie deren Identität überprüfen“ sowie gegebenenfalls Ordnungswidrigkeiten feststellen oder Strafermittlungsverfahren einleiten.

Der YouTuber Chase erzählt allerdings, das ein Polizeiboot in der Spree gewesen sei, ganz in der Nähe der Oberbaumbrücke, als er sprang und fast verunglückte. Ein solches Boot ist auch in dem Video zu sehen, das er veröffentlicht hat. Die Beamten müssten ihn gesehen haben, sagt er. Als er nach dem Sprung am Ufer gestanden habe, sei das Boot an ihn herangefahren. Aber kein Polizist habe versucht, mit ihm zu reden. Nach seinen Angaben konnten er und seine zwei Begleiter in aller Ruhe den Ort verlassen.

Der Sprecher der Berliner Polizei widerspricht diesen Angaben. Es sei „fraglich“, ob das Polizeiboot überhaupt, wie im Video dargestellt, vor Ort gewesen sein. Es gebe Zweifel daran, „ob die Videoaufnahme des Polizeibootes im direkten Zusammenhang mit dem Vorfall steht oder nachträglich in das Videomaterial eingebunden wurde“. Chase legte der Berliner Zeitung allerdings Metadaten seiner Aufnahmen vor, die zeigen, dass das vom Ufer gefilmte Material mit dem Polizeiboot nur drei Minuten nach dem Material auf der Brücke gefilmt wurde. Er weist auch darauf hin, dass das Boot schon im Videomaterial seines „Surfs“ auf der Spree zu sehen ist.

Er wolle als Nächstes auf Gebäude in China und in seiner Heimatstadt Toronto steigen, sagt Chase. Wird er wirklich nur noch klettern? „Wenn man sich selbst sterben sieht und einem das Universum, Gott oder was auch immer eine zweite Chance gibt, dann ist es normalerweise klug, diesem Zeichen zu folgen“, sagt er.