Berlin - Manche nennen es angeblich Waschmaschine, andere sprechen vom Weißen Haus an der Spree, doch am gebräuchlichsten ist sein eigentlicher Name: Bundeskanzleramt, 2001 eingeweiht. Es ist ein raumgreifender Komplex, mit Ehrenhof, Kanzlergarten und Kanzlerpark, angelegt wie ein klassisches Palais im modernen Gewand. Acht Etagen, 350 Büros, 500 Schreibtische, 500 Mitarbeiter: das sind die Fakten der deutschen Regierungszentrale mit der Adresse Willy-Brandt-Straße 1, die übrigens eine der größten der Welt ist – acht Mal so groß wie das Weiße Haus in Washington, zum Beispiel.

Angela Merkel, so viel weiß man, mag das nüchterne, moderne, durchkomponierte Haus, dessen Leitfarbe innen ein leichtes Mintgrün ist. Es ist nicht protzig, sondern allenfalls respektheischend und entspricht in seiner schlichten Kraft durchaus ihrem unprätentiösen, aber doch zielgerichteten Regierungsstil.

Sie arbeitet jetzt seit genau zehn Jahren hier. Wenn sie Staatsgäste im Ehrenhof empfängt, geht sie mit ihnen auf dem Weg ins Amt an der Bronzestatue „Die Philosophin“ von Markus Lüpertz vorbei. Die stehende, in die Ferne hinüber zum Reichstag schauende Philosophin gilt als Inbegriff des nachdenklichen Menschen. Sie steht hier als Mahnung an die Mächtigen: Dass die Macht nicht gedankenlos sein soll. Wenn man nicht so genau hinschaut, erinnert die Statue sogar ein wenig an Angela Merkel.

Anschließend geht es mit einem der Fahrstühle hinauf in die siebte Etage, wo die Leitungsebene mit dem Kanzlerinnenbüro angesiedelt ist. Die inzwischen schon ein wenig ramponiert aussehenden Fahrstühle gehören zu den besonderen Effekten im Haus, sie sind rund und tragen trotz ihrer grünen Farbe den Spitznamen Coladosen. Das zentrale Treppenhaus ist in sechs verschiedenen „Farbräumen“ gestaltet, deren Farben bestimmte klassische Tugenden symbolisieren sollen: Blau (Weisheit), Umbra (als Löwenfarbe für Kraft und Stärke), Rot (Tapferkeit), Ocker-Gold (Gerechtigkeit) und Grün/Weiß (Klugheit).

Aus den Fenstern ihres 150 Quadratmeter großen Arbeitszimmers schaut Angela Merkel auf den Reichstag und das Brandenburger Tor, es sind spektakuläre Blicke. Der fest eingebaute, mächtige Schreibtisch, an dem schon Gerhard Schröder gesessen hat, bleibt meistens unbenutzt. Merkel arbeitet lieber an ihrem Besprechungstisch. Aber hinter dem Schreibtisch hängt ein Porträt des ersten Bundeskanzlers, Konrad Adenauer.

Besucher führt sie gern auf die Dachterrasse, von wo aus sie den früheren Grenzverlauf, das Zusammenwachsen von Ost und West erläutert und darauf hinweist, dass sie auf der anderen Seite der Grenze gewohnt hat. Das sind Eindrücke, die niemanden unberührt lassen.

„Wir arbeiten hier hoch über der Stadt, hinter dicken Glasscheiben, wie in einem Aquarium“, sagt eine der dort Beschäftigten. „Die Menschen, die Autos, die Züge sehen aus wie Spielzeugfiguren. Da muss man schon aufpassen, nicht abzuheben.“ Das gilt zumal für jene, die oben in der lichten, weitläufigen Leitungsebene des Kanzlerkubus arbeiten. Aber auch jene, die ihre Büros in den beiden Flügelbauten haben, in 300 kleinen, identisch eingerichteten Bienenwaben, haben Anteil am besonderen Nimbus des Kanzleramtes.

Jeder Besucher, der nicht vom Ehrenhof aus, sondern durch den Alltagseingang an der Nordseite das Gebäude betritt und dann die Treppe in die erste Etage mit dem großen Konferenzsaal und dem Pressebereich mit 200 Sitzplätzen für Journalisten hinaufgeht, kommt an einer Galerie vorbei. Es sind die Porträts aller bisherigen Kanzler. Angela Merkel kann jeden Tag sehen, wo eines Tages ihr Bild hängen wird.