Berlin - An einem klaren Dienstagmorgen biegt um sieben Uhr dreißig ein dunkler VW-Caddy in eine Straße in Berlin-Moabit ein. Der Wagen parkt gegenüber einem Haus mit hellbrauner Kratzputzfassade. Aus dem Auto steigen drei Kommissare der Polizeidirektion Mitte. Sie tragen schusssichere Westen und haben einen Durchsuchungsbefehl dabei. Hundert Meter entfernt steht ein Mannschaftswagen der Polizei. Auf ein Zeichen der Kommissare hin springen zehn bewaffnete Schutzpolizisten in voller Montur auf das Pflaster und laufen dicht an die Hausfassade gedrängt in einer Reihe bis zum Hauseingang vor.

Der Einsatz an diesem Morgen wird als gefährlich eingeschätzt. Es geht darum, eine Wohnung im zweiten Stock zu durchsuchen, in der eine Familie lebt, deren ältester Sohn wegen Einbrüchen und Körperverletzung bereits mehrfach mit der Polizei zu tun hatte. Jetzt wurden Fingerabdrücke des 18-Jährigen in einer kürzlich aufgebrochenen Wohnung in Moabit gefunden. Die Beamten suchen nach einem Fernseher der Marke Loewe und einem Sony-DVD-Player, die bei dem Einbruch entwendet wurden. Es ist eigentlich eine reine Routine-Aktion, aber die kann leicht aus dem Ruder laufen, wenn einer aus der Familie ausrastet, wenn Verwandte aus anderen Wohnungen dazukommen. Wenn auf einmal Schusswaffen gezogen werden.

Die Kommissare betreten den Hausflur und pirschen sich, gefolgt von den Schutzpolizisten, die Treppe empor. Eine Mutter und ein Kind sind gerade im Treppenhaus und erstarren vor Schreck angesichts dieses martialisch wirkenden Einsatzkommandos. Die Kommissare klingeln, die Wohnungstür öffnet sich, die Beamten stürmen in die Wohnung, besetzen jedes Zimmer.

Zwei Erwachsene und acht Kinder leben in der Wohnung, einige schlafen noch. Der Vater, ein massiger Typ in Muskelshirt und Jogginghose, steht mit ausdruckslosem Gesicht im Flur. Die verschleierte Mutter sitzt mit den Kleinsten im Wohnzimmer. Die Kinder lachen und winken den Kommissaren zu. Keiner hier scheint besonders überrascht oder aufgeregt zu sein angesichts dieses morgendlichen Polizeieinsatzes. Es ist ja auch nicht der erste in dieser Wohnung.

Noch recht verschlafen kommt der älteste Sohn herbei. Er grinst die Beamten an, scheint sich sehr sicher zu fühlen. Selbst als er hört, dass seine Fingerabdrücke an einem Tatort gefunden wurden, schüttelt er nur gelangweilt den Kopf. Die Polizisten durchsuchen die ganze Wohnung. Ein Laptop ohne Seriennummer und eine Schreckschusspistole werden gefunden. Vom Diebesgut keine Spur. Die Beamten rücken ab, der tatverdächtige Junge wird nicht festgenommen, weil keine Fluchtgefahr besteht. In ein paar Wochen wird er wieder mal vor dem Richter erscheinen.

Noch vor ein paar Jahren hätte es eine Polizeiaktion wie an diesem Morgen in Moabit wohl nicht gegeben. Man hätte sich nicht die Mühe gemacht, wegen eines Einbruchs solche Truppen in Bewegung zu setzen. Wohnungseinbrüche galten als minderschweres Delikt. Es gab andere Dinge, die wichtiger waren. Drogenhandel, Raub, organisierte Kriminalität.

12.000 Einbrüche wurden 2012 erfasst

Das hat sich verändert, seit einiger Zeit gehört der Kampf gegen Wohnungseinbrüche in Berlin zu einer der Prioritäten der Polizei, was vor allem damit zu tun hat, dass keine andere Form der Kriminalität sich in den letzten Jahren so explosionsartig entwickelt hat. Seit 2005 hat sich die Zahl der Wohnraumeinbruchdiebstähle in Berlin verdoppelt. Mehr als 12.000 Einbrüche wurden 2012 erfasst, fast vierzig Prozent mehr als noch im Jahr 2010.

Markus Henninger ist 46 Jahre alt, Kriminaloberrat, Leiter der Kriminalinspektion II für Eigentumsdelikte in Mitte. Henninger ist ein durchtrainierter Typ mit einem kräftigen Händedruck. Er hat früher das mobile Einsatzkommando beim LKA geleitet und ist seit Kurzem zentraler Ansprechpartner für das Thema Wohnraumeinbruch in Berlin. Henninger sitzt in seinem kargen, von der Sonne aufgeheizten Büro in der Perleberger Straße, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und überlegt. Die Frage war, ob man den Kampf gegen die Einbrecher überhaupt gewinnen kann. „Ich merke, dass man was bewegen kann“, sagt Henninger.

„Ja klar, das merkt man“, sagt Ernst Müller. „Es tut sich was.“ Müller ist 54 Jahre alt, gelernter Schlosser und Chef von Müller-Sicherheitstechnik. An diesem Vormittag sitzt er in seinem weißen Renault Kangoo und fährt über die Stadtautobahn Richtung Steglitz. Er hat einen Kunden dort, der seine Alarmanlage mit Videokameras aufrüsten will. Tolle Sache, diese Kameras, sagt Müller. Nachtsichtmodus, eingebaute Bewegungserkennung. Man kann sogar die Körpergröße einstellen, auf die die Kamera reagieren soll, damit nicht jede Katze gleich Alarm auslöst. „Bevor die Knackis am Haus sind, ist die Polizei schon unterwegs“, sagt Müller und ein trockenes Lachen entfährt seiner Kehle.

Seit mehr als dreißig Jahren ist Müller jetzt im Sicherheits-Business. Es fing an mit einem Schlüsseldienst in Reinickendorf, den er zusammen mit seiner Freundin betrieben hat. „Damals war die Welt noch in Ordnung“, sagt er. West-Berlin war wie ein Dorf. Es gab ein paar Gelegenheitsdiebe, aber keine Einbrecherbanden wie heute. Auch deshalb, weil die Mauer da war und niemand ohne Kontrolle in die Stadt reinkam oder aus ihr flüchten konnte. „Damals hatten viele noch Buntbartschlösser in der Wohnungstür, die wurden dann nach und nach gegen Profilzylinder ausgetauscht.“ Das war die erste technische Revolution, die Müller erlebt hat.

In gewisser Weise führen Müller und Henninger gerade den gleichen Kampf. Sie werden dafür bezahlt, die Einbrecher nicht zum Erfolg kommen zu lassen, ihnen die Sache so schwer wie möglich zu machen. Der große Unterschied zwischen den beiden Männern besteht allerdings darin, dass Müller ohne Einbrüche ein Problem hätte, weil niemand mehr sein Zeug kaufen würde. Henningers Probleme aber beginnen, wenn die Einbrüche nicht bald weniger werden. Noch führen sie also den gleichen Kampf, aber irgendwann könnte einer von beiden auf der Strecke bleiben.

"Hoch professionell“

Henninger verschränkt die Arme und blickt hinaus in die diesige Sommerluft. Er sagt, es gäbe grundsätzlich zwei Tätergruppen: die Reisenden und die Ansässigen. Der große Anstieg bei den Wohnraumeinbrüchen in Berlin begann, als 2007 im Zuge der europäischen Integration die Reisefreiheit für Bürger etlicher osteuropäischer Staaten eingeführt wurde. Etwa die Hälfte der Einbrüche geht auf das Konto der reisenden Täter, die für ein paar Tage oder Wochen nach Berlin kommen. Sie werden von Auftraggebern gezielt zu bestimmten Zeitpunkten entsandt. Die Auftraggeber haben Ansprechpartner in Berlin, die reisende Täter unterbringen und mit Zieladressen versorgen. „Diese Netzwerke sind streng hierarchisch organisiert und arbeiten hoch professionell“, sagt Henninger.

Professionelle Täter erstellen Kosten-Nutzen-Analysen für ihre jeweiligen Zielgebiete. Berlin rangierte lange weit oben in den Rankings der internationalen Einbruchsbanden. Weil die Stadt groß und unübersichtlich ist. Weil sie nahe der polnischen Grenze liegt und somit schnelle Rückzüge möglich sind. Und nicht zuletzt, weil das Risiko nicht besonders hoch war, was vor allem an den begrenzten polizeilichen Möglichkeiten lag. Henningers Ansatz ist deshalb recht einfach: Er will die Kosten für die professionellen Einbrecher erhöhen. Mehr Aufklärung, mehr Verfolgung, mehr Festnahmen. „Es muss stressig für die werden, bei uns. Nur dann lassen sie von uns ab und fahren lieber woanders hin.“

Erste Erfolge haben Henninger und seine Kollegen bereits bei Sinti- und Roma-Banden erzielt, die den Hauptteil der reisenden Täter ausmachen. Deren Strategie besteht darin, Mädchen und junge Frauen zwischen 14 und 20 Jahren, die meist zum Familienkreis gehören, nach Berlin zu schicken und ganze Straßenzüge ablaufen zu lassen. Manche Täter schaffen bis zu acht Wohnungen pro Stunde. Sie haben Schraubenzieher und sogenannte „Flipper“ dabei, das sind flache Plastikkarten, mit denen sie in Sekundenschnelle zugezogene, aber nicht abgeschlossene Türen öffnen können. Sie nehmen nur Schmuck und Bargeld. „Kleinteilige Sachen, die sich am Körper verstecken lassen“, sagt Henninger. Das Diebesgut wird alle paar Stunden an Kontaktleute übergeben, die es über Hehler-Netzwerke weiterverkaufen.

Henningers Leute haben die jungen Täterinnen observiert und bis ins polnische Slubice verfolgt, wo sie ihr Quartier hatten. So gelang es den Polizisten, die Strukturen und das Vorgehen der Banden zu verstehen. Es gab etliche Festnahmen, Diebesgut wurde beschlagnahmt. Die Reaktion der Banden kam prompt: Sie machten erst mal einen Bogen um Berlin. Um später wiederzukommen, mit neuen Strategien.

Ernst Müller packt in Steglitz seine Sachen zusammen. Er weiß jetzt, wo die Kameras hinmüssen, die das beigefarbene Einfamilienhaus, das hier hinter einer mit Efeu bewachsenen Mauer und alten Eichen steht, künftig bewachen sollen. Jetzt geht es nach Mitte. In einer Etagenwohnung sollen die Eingangstüren mit Panzerriegeln, Aushebelschutz und Stahlblechen gesichert werden. „Mit dem Paket kann man sich schon ziemlich sicher fühlen“, sagt Müller. Die meisten Einbrecher versuchen maximal drei Minuten lang, eine Tür zu öffnen. Wenn das nicht klappt, gehen sie weiter. Müller steigt in seinen weißen Renault Kangoo und fährt los. Hinter den Autofenstern fliegt die Stadt vorbei. Jede Stunde werden in Berlin statistisch gesehen 1,4 Wohnungen aufgebrochen. Müller sagt, das Sicherheitsempfinden der Leute habe sich verändert. Weil die Medien und die Polizei heute viel mehr über Einbrüche berichten als früher, ist das Thema den Menschen präsenter. „Sie haben Angst, sie werden aufmerksamer, sie schützen sich. Das merkt man überall.“

Stangenschloss für 700 Euro

Allerdings scheitert es bei vielen an den Kosten. Ein gutes Stangenschloss ist nicht unter 700 Euro zu haben. Eine komplett gesicherte Tür kostet mindestens 1500 Euro. Das kann sich nicht jeder leisten. Nach Neukölln oder Wedding fährt Müller selten. Charlottenburg, Mitte, Pankow sind seine Bezirke. Die Banden konzentrieren sich auf die Gegenden, in denen die Wohnungen eher schlecht gesichert sind. Die Sinti- und Roma-Familien zum Beispiel sind fast ausschließlich in Neukölln, Moabit und Wedding unterwegs. Auch weil man die Täter dort weniger erkennt, als in den wohlhabenden, von vornehmlich hellhäutigen Menschen bewohnten Bezirken.

Müller sagt, die Maueröffnung habe viel verändert. Im Dezember 1990 hat er eine Anzeige in der Berliner Zeitung geschaltet, eine Woche später war sein Laden voll von Ostdeutschen, die Angst vor dem Westen hatten. Damals zahlte der Magistrat den Ostberlinern einen Zuschuss, wenn sie sich einbruchshemmende Türen und Zylinderschlösser einbauen ließen. Fünf Jahre lang hatte Müller damit zu tun, den Brüdern und Schwestern von drüben die Wohnungen zu sichern. Dann war im Osten und Westen der Stadt in etwa derselbe Sicherheitsstandard erreicht. Das war die zweite technische Revolution, die Müller erlebt hat.

Im zweiten Stock der Polizeidirektion in der Perleberger Straße sind die Abhörräume. Beamte mit Kopfhörern sitzen vor ihren Computern. Hier werden die Mitschnitte der Telefonüberwachung ausgewertet. Gerade läuft eine aufwändige Ermittlung gegen eine Einbrecherbande. Die Handys der mutmaßlichen Täter werden rund um die Uhr abgehört, vier Kommissare sind damit beschäftigt, gerichtsverwertbare Beweise aus den Aufzeichnungen zu filtern. Wenn genug Material gesammelt ist, werden Henningers Leute die Bande festnehmen.

Dass gegen Wohnraumeinbrecher mit Observationsteams und Telefonüberwachung vorgegangen wird, ist in Berlin noch ziemlich ungewöhnlich. Die Polizeidirektion, in der Henninger arbeitet, ist momentan die einzige, die seit drei Jahren alle diese Möglichkeiten hat. Und die Ergebnisse sind nicht zu übersehen. Die Anzahl der Festnahmen steigt, die Anzahl der Einbrüche sinkt. Hatte der Bezirk Mitte vor Jahren noch den Spitzenplatz bei Wohnraumeinbrüchen, gehört er mittlerweile zu den Gebieten mit den wenigsten Delikten. Deshalb sollen nun alle Polizeidirektionen dem Beispiel folgen und entsprechende Einheiten zusammenstellen. „Wir sehen, dass wir wirklich etwas bewegen können, dass wir mit dieser Arbeitsweise Erfolg haben“, sagt Henninger. „Wir haben es mit qualifizierter Bandenkriminalität zu tun und müssen unsere Polizeiarbeit darauf einstellen.“

Auch die Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft und den Ermittlungsrichtern hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Die Zahl der Haftanträge steigt seitdem deutlich, was auch für Henningers Kollegen motivierend wirkt. Früher war es so, dass die meisten Einbrecher, die gefasst wurden, sofort wieder auf freien Fuß kamen. Monate später lief dann schleppend das Gerichtsverfahren an. Heute werden die Täter in der Regel erst mal festgesetzt, wenn nötig dem Staatsanwalt vorgeführt und nach Möglichkeit sofort in Untersuchungshaft gebracht. „Das wirkt abschreckend“, sagt Henninger. „Die Täter merken, dass wir es ernst meinen.“

Ernst Müller ist auf dem Rückweg in seine Firma nach Charlottenburg. Es ist heiß, er schwitzt, die Lüfter in seinem Renault laufen auf Hochtouren. Müller erzählt von den Italienern und Spaniern, die gerade halb Berlin kaufen, um ihr Geld in Sicherheit zu bringen. „Ihre neuen Wohnungen rüsten die komplett mit Sicherheitstechnik aus“, sagt Müller. „Die sind das so gewohnt.“

"Sicherheit ist nie absolut“

Davon sind die Berliner noch weit entfernt, aber aufgerüstet wird, das ist sicher. Müller sagt, es würde nicht mehr lange dauern, bis alle ein Stangenschloss haben. Aber die Einbrecher rüsten auch auf. Es gibt jetzt Geräte, die wie ein Korkenzieher funktionieren und mit denen man sogar Hochsicherheits-Zylinder aus der Tür ziehen kann.

Die Antwort auf den Korkenzieher ist das Stangenschloss mit Kernschutz und elektronischem Schließzylinder, der nur mit einer Chipkarte geöffnet werden kann. Dazu empfiehlt Müller ein elektronisches Schließblech, das fünf Tonnen Hebelwirkung aushält und Alarm auslösen kann. Es soll eine kroatische Bande geben, die sogar solche Türen mit dem Laptop öffnet. „Na ja, Sicherheit ist nie absolut“, sagt Müller. Und auch Henninger sagt, es sei ein ewiger Wettlauf. „Die Verbrecher beobachten uns, wir beobachten die Verbrecher. So geht das immer weiter.“