Berlin - Ich kann mich an die Sekunde erinnern, als ich mich das erste Mal wie ein richtiger Deutscher fühlte. Es war ausgerechnet in den USA. Ich war im Urlaub im südlichen Texas bei meinen Eltern. Ich lief auf dem Bürgersteig, ein paar Straßen entfernt vom Haus, in dem ich aufgewachsen war. Ein Mann mit einem Hund an der Leine lief mir entgegen, er grinste breit, er winkte theatralisch, und er rief, nein, er schrie: „Hey buddy, how ya doin’?“

Ein wildfremder Texaner

Meine innere Reaktion könnte man panisch nennen: Woher kannte ich bloß diesen Typen? Ein Freund meiner Eltern? Ein ehemaliger Lehrer von mir? Es wollte mir einfach nicht einfallen. Erst als er fast an mir vorbei war, fiel es mir ein: Er ist ein wildfremder Texaner! So reden die Leute hier! Ich musste umdrehen und ihm hinterher brüllen: „I’m great! How are you?“ Da wirkte ich wie ein normaler Ami. Glaube ich zumindest. Gerade noch so.

Seit 2002 lebe ich in Berlin – bald wird das ein halbes Leben gewesen sein. Die Frage meiner Nationalität kann ich nicht mit Überzeugung beantworten. Was bin ich eigentlich? Der US-Comicautor Art Spiegelman („Maus“) nannte sich einen „entwurzelten Kosmopoliten“ – ein Mensch, der sich in jeder größeren Stadt der Erde gleichermaßen entfremdet fühlt. Ich würde sagen: Ich hasse meine Berliner Wahlheimat. Aber damit habe ich mich recht gut an der Spree integriert, oder?

Aufgewachsen bin ich als Weißer in einer Region, wo die Hispanics die größte Bevölkerungsgruppe darstellen. Da lernt man viel über Migration. Die Kids, die nicht nur wegen ihrer Herkunft als „Mexikaner“ bezeichnet wurden, sondern tatsächlich selbst aus Mexiko stammten, hatten einen Spruch für dieses Dazwischen-Gefühl: „Soy de aquí y soy de allá.“ Ich komme von hier, und ich komme von dort.

Zwischen den Ländern

Seit einer Woche bin ich nun so weit: Rechtlich betrachtet bin ich aus Deutschland und den USA gleichzeitig. Geht das überhaupt? Normalerweise nicht. Aber ich bin manchmal dermaßen deutsch, dass ich mich durch die Paragrafen gewühlt und den passenden Absatz gefunden habe, damit ich eine Ausnahme gewährt bekomme.

„12.1.2.3.2.1“ rufe ich in die Amtsstube – als ob ich in einer Kirche „Asyl“ rufen würden. Das ist die Zahl eines Paragrafen in einer Verwaltungsvorschrift des Ministeriums für Integration. Das ist meine Zahl! Denn Mehrstaatigkeit ist ja verboten. Aber eine Ausnahme gibt es dann, „wenn die bei der Entlassung zu entrichtenden Gebühren (...) ein durchschnittliches Bruttomonatseinkommen des Einbürgerungsbewerbers übersteigen“.

Was heißt das? Die USA verlangen eine Gebühr, um ihre Staatsbürgerschaft abzugeben. Es reicht nicht, einfach ein Feuerzeug an den Pass zu halten und auf die USA zu schimpfen – dazu muss man noch 2350 US-Dollar entrichten.

Mitte 2014 hat das State Department die Gebühr um 422 Prozent erhöht. Theoretisch ging es damit gegen Bonzen wie den Facebook-Mitbegründer Eduardo Saverin, die dem Zugriff der US-Finanzbehörden entgehen wollen, denn Amerikaner müssen unabhängig vom Wohnort eine Steuererklärung abgeben.

Das Ganze hatte allerdings auch völlig ungeahnte Folgen für prekarisierte Expats in Deutschland wie mich. Denn ich habe noch nie 2350 US-Dollar in einem einzelnen Monat verdient. Die Gebühr ist also für mich „unzumutbar“ – und ich muss meinen US-Pass nicht abgeben.

Kühlschrank bitte nicht auf die Straße stellen

Die Beamten haben den Kopf geschüttelt, als ich meinen Antrag stellte. „Ich kann nicht versprechen, dass Sie durchkommen werden“ sagten sie, „aber wir können es probieren.“ 192 Euro kostete mich der Versuch. Drei Monate später kam das Ergebnis in meinem Briefkasten an: Ja, meine Auslegung der Vorschriften war einwandfrei! Allein deswegen sollte ich das Recht haben, mich deutsch zu nennen, oder? Ich war drin.

„Dass Sie Ihre alte Couch oder Ihren alten Kühlschrank nicht einfach auf die Straße stellen sollten, sollten Sie wissen“, sagt uns die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin kurz vor unserer Einbürgerung. Uh, ja. Ein guter Tipp! Ein weiterer Volksvertreter fordert uns in seiner Rede auf, zum friedlichen Miteinander beizutragen, in dem wir unseren Nachbar*innen regelmäßig „Guten Tag!“ sagen. Ich frage mich: Wo kommen diese Politiker eigentlich her? Doch nicht aus Neukölln.

Jedes Mal, wenn mein texanischer Vater im Supermarkt ansteht, fängt er eine Unterhaltung an. Bevor sein Einkauf in Plastiktüten gepackt wird, weiß er, wo die anderen Einkäufer geboren wurden und wo sie ihren nächsten Urlaub verbringen wollen. Aber nach so viel Zeit in Berlin kriege ich Gänsehaut, wenn ich mir so viel Kontakt mit irgendwelchen Vollpfosten auf der Straße vorstelle.