Wenn der Refrain beginnt, ist Sophia in einer anderen Welt: Ihre Augen sind geschlossen, ihr Oberkörper ist aufrecht, langsam gleitet sie in den Armen von Julio César Calderón übers Parkett. Die Beine der beiden erzählen die Geschichte: Sie schlingen sich umeinander, tänzeln, spielen, strecken sich, driften auseinander und finden zurück zum gleichen Schritt. Sie sagen: Ich liebe dich, ich verlasse dich, ich kehre zu dir zurück und doch nicht. Das ist Tango.

Aber hier, im Übungssaal vom Mala Junta, der Tangoschule in einer Fabriketage an der Kolonnenstraße in Schöneberg, steht mehr auf dem Spiel – es ist nicht irgendein Tangotanz, nicht irgendeine Tänzerin. Hier tanzt eine der besten Deutschlands, hier bereiten sich Sophia Paul, 27, und ihr 29-jähriger Partner auf die nächste Weltmeisterschaft in Buenos Aires im August vor, ein Turnier, wo sie einen Platz so weit vorne wie möglich erreichen wollen.

Der "tango argentino" ist eine intensivere Art des Tanzes 

Die beiden haben das gewisse Etwas: Sie verschmelzen und entzweien sich, machen aus Klängen Bewegung, manchmal gehen sie voreinander fast in die Knie, und darin liegt sehr viel Gefühl. Was auffällt: Sie sind sehr unterschiedlich. Sophias Haut glänzt schneeweiß, ihre grünen Augen funkeln wie die Pailletten auf ihrem Samtkleid, ihr braunes Haar fällt im Rücken auf nackte Haut. Julio ist das Gegenteil, sein Körper kräftig, erdverbunden, seine Gesichtszüge erzählen von seiner Heimat Peru, von dem Kontinent Lateinamerika. Es ist ein in Tango getauchtes Ying und Yang zu den Klängen des Bandoneons, des typischen Tango-Akkordeons.

Was hier gezeigt wird, ist weit entfernt von den Tanzwettbewerben im Fernsehen. Sophia und Julio blecken nicht die Zähne, machen keine ruckartigen Bewegungen. Wir haben es mit „tango argentino“ zu tun, der argentinischen Variante des Tanzes. Eine Variante, die viel intensiver ist, als der Tango der Tanzschulen. Beim Tango argentino verschmelzen die Bewegungen von Mann und Frau, die Augen sind geschlossen. Die Tänzer scheinen die Klänge der Musik aufzusaugen. Im Raum schwingen sich gefühlt Sehnsucht und Begehren auf den Zwei-Viertel-Takt ein, auf die Musik aus den Straßencafés der argentinischen Hauptstadt.

Viele suchen in Buenos Aires ihr Tango-Glück

In Buenos Aires fand Sophia ihre Berufung vor rund zehn Jahren. Und spricht sie darüber, klingt sie immer noch wie die Abiturientin aus Berlin, die nach Argentinien ging, um Tango zu tanzen. Ein Jungmädchen-Traum. Die junge Frau aus Charlottenburg hatte gerade mal einen Standard-Tanzkurs und einen Tango-Kurs absolviert, als sie nach Lateinamerika aufbrach. „Ich sprach kein Spanisch, kannte niemanden“, erzählt sie.

Viele Ausländer suchen in Buenos Aires ihr Tango-Glück. Es wimmelt von jungen Mädchen aus allen Ländern, die sich in den Armen eines Tänzers verlieren wollen. Sophia war fasziniert von dieser Welt, in der sich alles um den einen Moment auf der Tanzfläche dreht. Sie ging zu den Milongas, den Tango-Abenden, wo ein Zublinzeln zwischen Mann und Frau die Aufforderung ist. Hier setzte sie das um, was sie in den Kursen lernte, probierte sich aus und sah, dass sie bei den Tänzern gut ankam.

Ein paar Jahre lang lernte sie dazu, pendelte zwischen Berlin und Buenos Aires. Immer wieder zog es sie zurück, ihre Heimat Berlin, reichte einfach nicht mehr. Doch ihre Eltern, Vater Journalist, Mutter Ärztin, waren streng. Sie sollte tanzen, ja, aber sie sollte auch etwas lernen, das trägt. Sophia schrieb sich an der TU Berlin für Umwelttechnik ein. Sie besuchte die Seminare, schrieb die Arbeiten, und in den Semesterferien flog sie nach Buenos Aires und tanzte. Im vergangenen Jahr legte sie ihren Bachelor mit einer Arbeit über Wasserreinhaltung ab.

Sie lernte Julio bei der WM 2016 kennen

Seit langem führt Sophia ein Leben zwischen den Welten. Doch darin gab es keinen Bruch zwischen Gestern und Heute, sondern einen Übergang von der Faszination für Tango zu Tango als Aufgabe zu Tango als Lebensinhalt. Das schaffen nicht viele, doch Sophia ist hartnäckig. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, verfolgt sie es weiter. „Was ich mache, mache ich richtig“, sagt sie. Da blitzt sie durch, die Deutsche, die Kämpferin, die sich durchbeißt, die auch als Gringo, wie Europäer in Südamerika genannt werden, weitermacht – gegen alle Wahrscheinlichkeit. Was konnte sie schließlich erwarten als Berliner Mädchen in der Tangowelt?

Doch ihr Rhythmusgefühl, ihre Lust am Tanz, auch ihre Zähigkeit zahlten sich aus. Irgendwann traf sie Julio. Eigentlich traf er sie. Er sah sie bei der Weltmeisterschaft 2016. Er war damals Finalist, Sophia ein Neuling bei dem wichtigsten Tangoturnier der Welt. Sie hatte die Meisterschaft in Großbritannien gewonnen, einen der großen europäischen Wettbewerbe und war auf diese Weise in die Riege der Allerbesten aufgestiegen.

Nach der Weltmeisterschaft heftete Julio sich an ihre Fersen. Auf einer Milonga im Januar vergangenen Jahres fasste er den Plan sie aufzufordern. „Aber sprach sie Spanisch? Ich wusste es nicht“, sagt er und lacht. In vier Sprachen kann er „magst du tanzen“ sagen, mehr jedoch nicht. Sophia spricht fließend Spanisch. Die beiden fanden Gefallen aneinander.

Jeden Tag wird bis zu neun Stunden getanzt

Aus den ersten Tänzen wurde das Team Sophia und Julio, später kam das Liebespaar hinzu. Das große Ziel des Wettbewerbs begleitet sie. „Ich hoffe, dass ich mit ihm Weltmeisterin werden kann. Julio hat großes Potenzial“, sagt sie. Dasselbe sagt er über sie.

Im vergangenen Jahr schafften sie es in Buenos Aires fast, in die Elitegruppe der 40 besten Tänzer zu gelangen. Sie landeten auf Platz 42 und konnten deshalb nicht im Finale um die Weltmeisterschaft mittanzen. Das soll dieses Jahr anders werden. Deshalb trennen die beiden sich nicht mehr, sind entweder gemeinsam in Berlin oder in Buenos Aires. In Deutschland verdienen sie Geld mit Tanzunterricht für Gruppen oder Einzeltänzer. In Argentinien feilen sie bei den „Maestros“, den Meistern, an ihrem eigenen Können. Egal wo – jeden Tag tanzen sie acht bis neun Stunden Tango.

Langsam wollen sie sich nach vorn kämpfen, denn die Jury merkt sich die Paare der vergangenen Jahre. „Sie wollen Fortschritte sehen“, sagt Sophia. Auf Anhieb werden nur ausnahmsweise Weltmeister gekürt. Dieses Jahr will das Duo Paul/Calderón auf jeden Fall unter den besten Tänzern der Welt sein. Und wenn es nicht klappt, werden sie weitermachen. „Paararbeit ist langfristig“, sagt Julio, „das Ziel ist es, eins zu sein.“ Wie Ying und Yang.

Berlin ist nach Buenos Aires die Stadt mit der größten Begeisterung für Tango. Hunderte Tänzer treffen sich hier in Kursen oder bei Tanzabenden.

Diverse Tangoschulen unterrichten den Tanz:

in Schöneberg: Mala Junta, Kolonnenstraße 29, 10829 Berlin, www.malajunta.de

in Wilmersdorf: La Berlinesa, Berliner Straße 46, 10713 Berlin, www.tangotanzen.de

in Moabit: Tanzschule Estudio Sudamerica, Heidestraße 46, 10557 Berlin, www.estudiosudamerica.de

in Kreuzberg: Tangotanzen macht schön, Oranienstraße 185, 10999 Berlin, www.tangotanzenmachtschoen.de

in Mitte: Nou Tango Berlin, Chausseestraße 102, 10115 Berlin, www.noutangoberlin.de

In Prenzlauer Berg: Tango Libre, Immanuelkirchstraße 6, 10407 Berlin, www.tangoschuleberlin.de

Wer einen Kursus belegen will, sollte vorher mit der Schule Kontakt aufnehmen.

Zahlreiche Milongas laden am Abend oder am Wochenende zum Tangotanzen ein. Interessenten können sich im Internet  informieren: 

www.hoy-milonga.com/berlin/de

https://tango.info/berlin

Sophia Paul und Julio César Calderón unterrichten ebenfalls Tango. www.sophiayjulio.com