Die Sonne spiegelt sich im Wasser der Dahme. Ein paar Bänke laden am Platz vor dem Sportdenkmal zum Verweilen ein. Hausboote schippern vorüber. Ruderer ziehen ihre Bahnen. Am gegenüberliegenden Ufer sind die Müggelberge mit dem wiedereröffneten Müggelturm zu sehen. Ein Weg führt von der Regattastraße in Grünau durch einen kleinen Wald zu der Lichtung am Wasser. Dieser Platz an der Dahme ist in keinem Stadtplan zu finden. Dabei wurde hier Geschichte geschrieben – die Geschichte des Wassersports.

Auf der Dahme in Grünau fand 1868 die erste Binnensegelregatta Deutschlands statt, und auf der Lichtung am Ufer stand einst das Deutsche Sportdenkmal, um dessen Wiederaufbau derzeit im Bezirk debattiert wird. Es geht um den Versuch, den Glanz des attraktiv am Wasser gelegenen Köpenicker Ortsteils wieder ein wenig aufzupolieren, eines Ortsteils der es in den vergangenen Jahren meist nur wegen des Streits um die scheinbar zu reinen Spekulationsobjekten verkommenen historischen Ausflugsrestaurants Riviera und Gesellschaftshaus in die Schlagzeilen schaffte. Viele Bewohner beklagen: Grünau, das einstige wasserreiche Ausflugsziel der Berliner, sei kaum noch einen Besuch wert.

1898 wurde das Sportdenkmal errichtet, aus 300 Steinen, die Vereine aus ganz Deutschland an die Wiege des Wassersports geschickt hatten. Aus Greifswald, aus Offenbach, aus Spandau aus Württemberg. Eine 15 Meter große Pyramide wurde daraus errichtet. „Damit feierten die Vereine damals die Einheit des deutschen Reiches und würdigten Kaiser Wilhelm I.“, erzählt Werner Philipp, der 1990 das Grünauer Wassersportmuseum gründete. Er kennt wie kaum ein anderer Grünauer die Geschichte des Ortsteils. In dem Museum sind heute noch Steine des Denkmals zu sehen.

Über Nacht abgerissen

Philipp ist 84 Jahre alt, er war einst Mathe- und Physiklehrer und ist noch immer ein leidenschaftlicher Ruderer. 1973 seien Bagger angerückt, um vor den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Ost-Berlin das für die SED ideologisch anstößige Denkmal in einer Nacht- und Nebelaktion abzureißen, erzählt er. Schließlich stand das Bauwerk gut sichtbar am 1000-Meter-Start der Regattastrecke. Die Steine wurden beseitigt, nur wenige später wieder gefunden. Ein paar lagen in der Dahme, die meisten aber wurden wohl auf einen Schuttberg am Biesdorfer Baggersee abgekippt.

Werner Philipp ergriff nach der Wiedervereinigung die Initiative zum Neuaufbaus des Denkmals. 2009 scheiterten er und seine Mitstreiter damit im Berliner Abgeordnetenhaus. Die Finanzierung wurde abgelehnt. Nun entsteht an dem Ort ein „Denkzeichen des Berliner Wassersports“, anders, als es sich der Initiator vorgestellt hatte. Philipp wollte mit seinem neuen Denkmal an das alte Bauwerk erinnern, das Zusammenwachsen der durch die deutsche Teilung getrennten Vereine befördern und an die jüdischen Vereine erinnern, die in der Nazizeit liquidiert wurden.

Doch die Bewilligung der 300.000 Euro habe die Stiftung Deutsche Klassenlotterie an einen Wettbewerb gebunden, erzählt Cornelia Flader, die Bezirksstadträtin für Schule, Kultur und Sport. Zehn Künstler bewarben sich mit ihren Entwürfen. Die Jury entschied sich für eine Textskulptur von David Mannstein und Maria Vill. Sie sieht den Schriftzug „Wasser kennt keine Grenzen“ vor, der nun in zwei Meter großen Buchstaben am Ufer entstehen und sich im Wasser der Dahme widerspiegeln soll. „Das Denkzeichen soll ein Spagat sein zwischen Sport und Kunst, zwischen Gegenwart und Vergangenheit“, sagt Cornelia Flader.

Grünau ist durch seine Lage ein äußerst attraktiver Wohnort. Vor allem die Regattastraße, die Hauptstraße des Ortsteils. „Die Grundstücke hier sind sehr lukrativ, weil viele direkt am Wasser liegen“, betont Stefan Förster vom Bezirksdenkmalrat. Der Historiker ist gebürtiger Köpenicker und oft in Grünau unterwegs. Er sagt, der Bezirk Treptow-Köpenick müsse höllisch aufpassen, welchem Bauherren er was genehmige. Zumal viele der Bauten zwischen Wassersportallee und Strandbad unter Denkmalschutz stünden. Das gilt für viele Bootshäuser aber auch die Regattatribüne.

Statt Hotel teure Wohnungen

Der Bebauungsplan schreibt in diesem Gebiet zwingend eine wassersportliche Nutzung vor. Doch laut Förster habe es der eine oder andere Investor geschafft, die Klippen der Vorschriften zu umschiffen und Eigentumswohnungen dort zu errichten, wo es eigentlich nicht gestattet sei. Er verweist auf das Wassersporthotel, das nie errichtet wurde. Stattdessen gebe es dort jetzt für ein zahlungskräftiges Klientel Eigentumswohnungen mit Wasserblick. Der Bezirk sagt, der Investor habe die Lücken im Bebauungsplan ausgenutzt – legal.

In der Regattastraße reihen sich Gebäude mit prächtiger Architektur aneinander, mit Türmchen und großen Torbögen. Die in der Regel wirklich von Ruder-, Kanu-, Segel- oder Drachenbootvereinen genutzt werden. Jedes dieser Häuser kann eine Geschichte erzählen. Eine deutsch-deutsche. Einige der Vereine, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts Bootshäuser in der Regattastraße bauten, gingen nach der deutschen Teilung in den Westteil der Stadt. Sie kamen nach dem Fall der Mauer zurück.

Andere, wie der Berliner Ruder-Club „Welle-Poseidon“ wurden wegen seiner jüdischen Mitglieder 1939 von den Nazis aufgelöst. Heute wird das Grundstück von einem Ruderverein genutzt, der sich nach der Wende gegründet hat.

Doch es gibt auch noch Gebäude am Wasser, bei denen noch keine Fakten geschaffen wurden. Wo es Investoren gibt, die offenbar nur auf eine Gelegenheit zum lukrativen Wohnungsbau warten. Gleich neben dem Platz vor dem Sportdenkmal etwa verfällt seit Jahren nach und nach ein noch immer imposantes Klinkergebäude, das 1929/30 von der Danatbank als letztes einer imposanten Reihe von Bootshäusern an der Regattastraße errichtet wurde. Schon wenige Jahre nach dem Bau kaufte die Dresdener Bank das Areal und nutzte es als Boots- und Erholungsheim. Zu DDR-Zeiten diente es zeitweise als Rundfunkgebäude.

Deutschlands schönstes Boots- und Erholungsheim

Das Gras wuchert auf dem Gelände. Im Eingangsbereich sind noch immer die Initialen OZ des Architekten Otto Zbrzezny zu erkennen. Zum Wasser hin gibt es drei große Terrassen, die jedoch von der Straße nicht einsehbar sind. Über der Bootshalle habe es einen riesigen Tanzsaal über zwei Etagen gegeben, erzählt Werner Philipp vom einstigen Glanz des Gebäudes. „Das war einmal Deutschlands größtes und schönstes Boots- und Erholungsheim.“

Was nun damit geschieht, ist ungewiss. Künstler durften das Areal für gewisse Zeit nutzen. Dann wurde es vor einigen Jahren versteigert – an eine Hamburger Vermögensverwaltungsgesellschaft. Für 655.000 Euro. Ein Schnäppchen bei einem 7000 Quadratmeter großen Wassergrundstück, sagt Philipp. Er und auch Stefan Förster befürchten, dass die neuen Eigentümer nur auf eine Änderung des Bebauungsplanes warten. Oder das Haus soweit verfallen lassen, dass der Bezirk zu allen Vorstellungen ja sage.

Wohnanlage für Senioren

So ähnlich wie bei Gesellschaftshaus und Riviera. Die beiden Häuser, denen man heute weder die einstige Bedeutung noch den Denkmalschutz ansieht, verkamen nach der Wiedervereinigung immer weiter zu Ruinen. Sie wurden schließlich an eine türkische Investorin verkauft, die keinen Cent in den Schutz der Gebäude steckte. Sie hat die Immobilien nach quälend langen Auseinandersetzungen weiterveräußert – an die Terragon-Gesellschaft.

Der Bezirk nickte die Pläne des neuen Investors ab. Er wird dort nun eine Wohnanlage für Senioren bauen. Auch gegen den Willen vieler Grünauer. „Der einstige Glanz Grünaus, der diesen Ortsteil durch Riviera, Gesellschaftshaus und die Regattastrecke weltberühmt gemacht hat, ist nicht mehr vorhanden“, sagt Stefan Förster. Er versteht mittlerweile manch alteingesessenen Grünauer, der derzeit nur noch froh ist, wenn die Schandflecke verschwinden würden.

Grünau ist eine Wasserstadt

Bezirksstadträtin Flader verweist auf Investitionen, die es derzeit in der Regattastraße gibt. So wird das historische Bootshaus in der Nummer 239 derzeit zu einem Sport- und Ausbildungszentrum denkmalgerecht umgebaut. Der Haushaltsausschuss des Bundestags gab dafür vor acht Wochen 2,5 Millionen Euro frei. Der Bezirk will das Projekt mitfinanzieren.

Und die denkmalgeschützte Regattatribüne, die so, wie sie heute steht, für die Olympischen Spielen 1936 errichtet wurde, wird derzeit grundsaniert. „Wir haben viel gemacht, um dafür Geld zu bekommen“, sagt Flader. So stünden nunmehr 5,6 Millionen Euro für die Bauarbeiten zur Verfügung. „Wir möchten, dass später dort das Wassersportmuseum, die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft und der Grünauer Bürgerverein einziehen“, erklärt die Bezirksstadträtin die Pläne.

Der Bürgerverein, der im Ortsteil ein durchaus attraktives kulturelles Programm anbietet, sitzt derzeit in einer Villa, für die der Bezirk eine hohe Miete zahlen müsse. Die Regattatribüne hingegen gehört dem Bezirk. Sie soll wieder ein touristisches Kleinod werden. Grünau sei eine Wasserstadt, sagt Bezirksstadträtin Flader. Die schönste in Berlin.