Feiernde im KitKat-Club
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinUnverändert kommen jedes Jahr Tausende von meist jungen Menschen in die Stadt, um in Berlin auszugehen und zu feiern. Eine Szene, die auch eine  Weltstadt ausmacht, meint Gregor Gysi. Leider leiden auch die  Betreiber unter den steigenden Mieten, sagt er.  

Herr Gysi, wann waren Sie das letzte Mal tanzen – und wo?

Oh, da muss ich nachdenken, es ist bestimmt länger als zehn Jahre her. Ich überlege, wann, wo und wie ich es nachhole.

Jeder dritte Tourist kommt wegen der Clubs nach Berlin, heißt es in einer Studie der Wirtschaftssenatsverwaltung. Aber die wachsende Stadt verdrängt auch viele Betriebe, akut sind Sage- und KitKat-Club bedroht. Tut Berlin genug für den Wirtschaftsfaktor Party?

Es gibt nicht wenige in Berlin, die sagen, dass zu viel für den Party-Tourismus getan wird, der für Menschen, die in den Szenevierteln wohnen, mit erheblichen Belästigungen verbunden sein kann. Das ist nachvollziehbar, aber die Stadt wird nicht Weltmetropole, ohne dass Menschen auch zum Feiern hierher kommen. Man muss das richtige Maß finden und dabei die Bewohnerinnen und Bewohner mit einbeziehen. Dass Clubs gelegentlich schließen, ist nicht ungewöhnlich. Bestimmte Konzepte überleben sich halt. Aber viele Selbstständige – auch Clubbetreiber – leiden unter der generellen Mietentwicklung, die bei Gewerbemieten noch dramatischer als bei Wohnungsmieten ausfällt. Gewerbemieten werden leider kaum reguliert. Die Inhaber kleiner Läden können bei dem Run auf das schnelle große Geld nicht mithalten. Hier muss endlich vom Gesetzgeber gegengesteuert werden.

Gregor Gysi
Foto: Berliner Zeitung/ Paulus Ponizak

Wo es enger wird, wachsen auch die Konflikte mit Anwohnern. Haben Sie Verständnis für Menschen, die einen hippen Kiez ziehen und sich dann über Ruhestörung beschweren?

Wer in eine Wohnung über einer Kneipe zieht, weiß, was er tut, und muss sich mit einer gewissen Belästigung abfinden. Aber es gibt auch nicht wenige, die schon lange in einem Kiez leben, der sich später erst zu einem hippen entwickelt. Nächtlicher Lärm bleibt so oder so eine Belastung. Das Beste ist immer, eine Verständigung zu suchen und nicht jede Nacht die Polizei wegen Ruhestörung zu rufen, die wir häufig auch woanders dringender brauchen.

Der Easyjet-Tourismus der Partypeople hat die Stadt stark verändert, viele Berliner sind genervt. Hätten Sie eine Lösung zur Befriedung?

Generell meine ich, dass Bahnfahrten billiger sein müssen als Flüge. Unabhängig davon sollte die Stadtverwaltung bei Gewerbegenehmigungen mehr darauf achten, in welchem Umfeld man Hostels, Eventlocations, Szenekneipen und anderes ansiedelt, auch um eine Ballung in einem Kiez nicht zuzulassen. Eine Ausnahme kann eine Straße wie in Hamburg sein, die ausschließlich diesem Zweck dient.  

Die Clubszene hat eine große, medienaffine Lobby. Sogar die CDU macht sich jetzt stark für sie. Wenn eine kleine Kiez-Kneipe schließen muss, weil sie die Miete nicht mehr zahlen kann, geschieht das meist im Stillen. Ist das gerecht?

Für den Späti oder die Eckkneipe machen sich aber auch immer mehr Menschen stark. Die Stadtpolitik muss dafür sorgen, dass wir nicht wie in Hamburg Armen- und Reichenviertel bekommen. Berlin war in den Kiezen immer durchmischt und sollte es unbedingt auch bleiben. Das gilt fürs Wohnen wie für das Gewerbe.

Kann Amüsement ein nachhaltiges Wirtschaftskonzept sein?

Natürlich nicht als Standbein, aber der Tourismus ist ein wichtiger Bestandteil unserer Berliner Wirtschaft. Bestimmte Auswüchse wie beim Missbrauch von Wohnraum als Ferienwohnung werden schon zurückgedrängt. Aber wie gesagt, eine Weltmetropole wird die beschauliche Ruhe einer schwäbischen Kleinstadt nicht bieten können. Wir wollen ja alle auch nicht ständig einschlafen vor Langeweile, oder?