Elmar Jehn (links), Gregor Gysi und Jochen Arntz.
Foto: Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

BerlinHerr Gysi, in wenigen Tagen brechen die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts an. Die 20er des 20. Jahrhunderts galten als die Goldenen 20er in Berlin. Hätten Sie diese Zeit gerne erlebt?

Nein, dann wäre ich heute zu alt. Aber als Zeitreisender hätte ich gern einen Moment vorbeigeschaut, schon um das Lied „Wer hat bloß den Käse zum Bahnhof gerollt?“ live zu hören. Allerdings war es ein Jahrzehnt zwischen den beiden Weltkriegen, genannt die Zwischenkriegszeit. Zu Beginn der 20er Jahre waren den Menschen die schrecklichen Kriegserlebnisse noch sehr bewusst. Ich glaube also, dass die Zeiten nicht ganz so golden waren, wie wir sie heute sehen, schon gar nicht am Ende des Jahrzehnts.  

Übrigens: Wir erwarten ein besonderes Jahr, das es im Prinzip nur etwa alle 1000 Jahre gibt: 1010, 2020, 3030. Wir sollten uns freuen, dass wir nach der Jahrtausendwende auch das miterleben können.

Die Serie Babylon Berlin spielt in dieser Zeit. Gibt es eine Figur in der Serie, die Ihnen besonders nahe ist?

Ich bitte Sie, wann soll ich denn die Zeit haben, mir eine solche Serie anzuschauen? Im Kino fühle ich mich wie die meisten regelmäßig an der Seite der Guten.

Berlin hatte damals deutlich mehr Einwohner als heute. Würde die Stadt der Gegenwart eine solche Bevölkerungszahl bewältigen können, deutlich mehr als 4 Millionen Menschen?

Die 4 Millionen wird Berlin wohl im kommenden Jahrzehnt übertreffen. Insofern ist das keine Frage des Ob, sondern des Wie, denn die Attraktivität der Stadt und ihres Umlandes bleibt ungebrochen.

Das ist selbstverständlich eine große Herausforderung, wenn Berlin lebenswert für seine Bewohnerinnen und Bewohner werden und dann bleiben soll.

Das fängt mit bezahlbarem Wohnraum an, geht über ausreichend Kitaplätze, einen leistungsfähigen ÖPNV und hört bei bürgernäheren Behörden noch lange nicht auf. Ich finde, der Bund und die anderen Bundesländer sollten Berlin noch deutlich stärker als ihre Hauptstadt annehmen und unterstützen.

Die Goldenen 20er des letzten Jahrhunderts endeten nicht gut. Was wünschen Sie sich für das kommende Jahrzehnt in Berlin?

Von Berlin als deutscher Hauptstadt gingen zwei Weltkriege aus, der Holocaust an den Jüdinnen und Juden Europas, die Ermordung gegen die Nazis Handelnder, sogar Andersdenkender und -fühlender wurde hier geplant und organisiert. Dieser historischen Verantwortung müssen wir uns immer bewusst sein und dürfen dem Rechtsextremismus und Rechtspopulismus keine Chance geben, wie Herbert Grönemeyer singt, keinen Millimeter nach rechts zulassen.

Dass Antisemitismus auch in unserer Stadt wieder alltäglich geworden ist, muss uns aufrütteln. Die Bedingungen heute sind andere als vor 90 Jahren, doch das heißt nicht, dass man ihnen einfach den Lauf lassen darf. Ich wünsche mir, dass Berlin eine Rolle als Weltstadt des Friedens findet und die Bundesrepublik in Konflikten vermittelte, statt Soldaten und Waffen überallhin zu exportieren und die Nato und die Bundeswehr aufzurüsten. Warum stimmt die Bundesregierung eigentlich zu, dass Deutschland für die Nato einen höheren und dann noch denselben Betrag zahlen muss wie die USA?

Wissen Sie schon, wie und wo Sie hinein in das neue Jahrzehnt feiern werden?

Ja! Aber ich verrate Ihnen nicht wo, weil ich zu viele gegenseitige angetrunkene Glückwünsche vermeiden möchte. Auf jeden Fall freue ich mich auf ein gutes Essen, Wein und Sekt, ein kleines Tischfeuerwerk und ein Knallbonbon mit einem hoffentlich witzigen Spruch.