Marta Hrek fällt mit ihrer gelben Maske in der Menge auf. Sie schiebt sich durch das Gedränge im Ludwig-Erhard-Haus an zahlreichen Ständen Berliner Firmen vorbei. Eine internationale Hotelkette wirbt mit einer Champagnerflasche im Kübel um Aufmerksamkeit. Ein anderes Unternehmen bietet an seinem Stand Erdbeeren an. Weder Champagnerkübel noch Beeren motivieren die Ukrainerin, stehenzubleiben und sich näher zu informieren.

Marta Hrek ist zu der von der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) sowie der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit organisierten Jobmesse gekommen, weil sie gezielte Informationen über Chancen in ihrem Beruf sucht. Hrek hat in Kiew in einem medizinischen Labor gearbeitet. Sie analysierte Proben von Patienten. Dann begann am 24. Februar der russische Angriff auf die Ukraine. Hrek entschied sich, die in den ersten Kriegswochen belagerte Hauptstadt der Ukraine zu verlassen und nach Berlin zu fliehen.

„Ich habe studiert und 18 Jahre Erfahrung in meinem Beruf. Ich möchte unbedingt auch in meinem Job weiterarbeiten“, sagt die Ukrainerin. Sie erzählt, dass ihr Labor in Kiew stets mit Geräten aus Deutschland ausgerüstet war. „Ich habe mit Instrumenten von Bayer oder Siemens gearbeitet. Damit kenne ich mich gut aus“, sagt sie. Sie erhofft sich von der Messe nicht gleich ein Jobangebot. „Ich suche Informationen, welche Industrien in Berlin Fachkräfte für Labore suchen“, sagt Hrek.

Mehr als 50 Firmen informieren an Ständen

Mehr als 50 Unternehmen sind bei der Jobmesse mit Ständen vertreten. Die Sprecherin der Berliner IHK Claudia Engfeld betont, dass unterschiedliche Branchen vertreten seien. Wer den Verdacht habe, Firmen suchten auf der Messe nur Personal für Stellen im Niedriglohnsektor, der täusche sich, erklärt Engfeld.

Damals sind allerdings mehr junge Männer nach Deutschland gekommen.

Claudia Engfeld, IHK

Sie weist darauf hin, dass viele Geflüchtete über für den deutschen Arbeitsmarkt interessante Qualifikationen verfügen. Gleichzeitig hätten Firmen bereits während der Flüchtlingskrise 2015 und 2016 Erfahrungen mit der Integration von nach Deutschland geflüchteten Kriegsvertriebenen gesammelt. „Damals sind allerdings mehr junge Männer nach Deutschland gekommen. Jetzt sind es vor allem Frauen aus der Ukraine, die einen Job suchen“, sagt Engfeld.

Männer fallen in der Menge auf

Der Augenschein belegt, was die IHK-Sprecherin meint. Die wenigen Männer fallen in der Menge der Frauen im Ludwig-Erhard-Haus auf. Männer im wehrfähigen Alter dürfen bekanntlich seit Kriegsbeginn die Ukraine nicht verlassen. Viele Frauen sind mit ihren Kindern nach Deutschland geflüchtet.

Die Beauftragte des Senats für Integration und Migration, Katarina Niewiedzial, bezeichnet die Kinderbetreuung als entscheidende Frage für die Integrationen von Ukrainerinnen auf dem Berliner Arbeitsmarkt. Sie räumt ein, dass die Bereitstellung von genügend Kita-Plätzen dabei die größte Herausforderung sei. „In den Schulen helfen uns die Willkommensklassen“, sagt sie.

Jobcenter sind nun zuständig

Die Ukraine-Vertriebenen fallen seit dem 1. Juni in die Zuständigkeit der Jobcenter. Das erleichtert den Zugang zu Sprach- und Integrationskursen. Viele Geflüchtete sprechen auf der Jobmesse im Ludwig-Erhard-Haus das Personal an den Ständen auf Englisch an. An anderen Ständen arbeiten Übersetzer.

Stefan Neumann, Geschäftsführer der Berliner Yousign GmbH, freut sich über das Interesse der Geflüchteten an seiner Firma. Sie beschäftigt unter anderem Designer für Webseiten. „Ich wäre zufrieden gewesen mit drei bis fünf Gesprächen. Jetzt waren es schon 20“, sagt Neumann.

Ich wäre zufrieden gewesen mit drei bis fünf Gesprächen. Jetzt waren es schon 20.

Stefan Neumann, Yousign GmbH

Belarus, Russland und die Ukraine galten vor dem 24. Februar für viele Unternehmen auf der Suche nach Designern als Reserve angesichts eines leer gefegten deutschen Arbeitsmarkts. Sanktionen und Krieg haben diese Möglichkeit limitiert. Geflüchtete mit entsprechenden Kenntnissen dürften also gefragt sein in Berlin, zumal Englisch als Arbeitssprache in der Branche meist genügt. Stefan Neumann gibt zu verstehen, dass er eher an langfristigem Zuwachs für sein Team interessiert ist. „Ich habe in den Gesprächen gefragt, wo sich jemand in drei Jahren sieht. Aber mir ist klar, dass das für Menschen aus der Ukraine eine sehr schwierige Frage ist“, sagt Neumann.