Katja Nerlich leitet die Kita Sonnenkäfer in Pankow-Süd. Mehr als 200 Kinder besuchen die Einrichtung mit dem großem Garten. Noch viel mehr Eltern wollen ihre Kinder dort unterbringen. Die Nachfrage steigt, weil rund um die Kita in den vergangenen Jahren mehrere Wohnanlagen neu entstanden. Doch Katja Nerlich muss Anfragen immer wieder ablehnen.

Frau Nerlich, wie schwer ist es derzeit, einen Kita-Platz zu finden?

Sehr schwer – wenn ich sehe, wie viele Platzanfragen von Eltern alleine wir im Laufe einer Woche bekommen. Die Lage hat sich drastisch zugespitzt. Viele Einrichtungen nehmen noch nicht einmal mehr die Geschwisterkinder auf.

Sie bieten bereits Elternsprechstunden an. Worüber wird da geredet?

Die Eltern fragen, ab wann mit einem Kita-Platz zu rechnen ist und nehmen dabei sogar längere Wartezeiten in Kauf. Die Geschwisterkinder abgerechnet, konnten wir im vergangenen Jahr aber nur 15 freie Plätze vergeben. Das ist viel zu wenig, um die Warteliste zu verkürzen – und beinahe täglich kommen neue Anmeldungen dazu.

Was tun denn Eltern alles, um bei Ihnen einen Kita-Platz zu bekommen?

Wir erhalten regelrechte Bewerbungen mit gutinszenierten Familienfotos eingearbeitet in die Bewerbungs-E-Mail – oder eine Mutter kommt gleich mit einem Kuchen zur Anmeldung. Einige Eltern bieten sich auch als Helfer an. Not macht sehr erfinderisch. Aber Einfluss auf die Platzvergabe hat das alles nicht.

Die Kita-Krise ist also da?

Es fehlen Erzieher und Plätze. Ich kann Eltern, die ich abweisen muss, nur sagen: Es gibt einen Rechtsanspruch auf den Kita-Platz für Kinder ab dem ersten Geburtstag. Und ich frage mich: Wie kann es einen Rechtsanspruch geben, aber die Voraussetzungen für seine Durchsetzung werden nicht geschaffen?

Senatorin Scheeres hat die Kita-Betreiber jetzt angehalten, die Einrichtungen mit Kindern überzubelegen. Zumindest befristet. Wie gehen Sie damit um?

Da bleiben bei mir viele Fragen: Wie viele Kinder sollen es zusätzlich sein? Für wie lange? Und was ist mit der Fürsorge- und Aufsichtspflicht? Das ist nicht geklärt.

Wie meinen Sie das?

Stellen Sie sich vor, ein Kind verletzt sich auf der Schaukel. Dann wird das ein Fall für die Kita-Aufsicht. Sie prüft dann, wie viele Erzieher im Dienst waren, wie viele Kinder sie hätten betreuen dürfen. Übernimmt der Senat in so einem Fall bei Überbelegung die Verantwortung?

Seit mehr als zehn Jahren gelten Kitas als Bildungseinrichtungen, jetzt aber verschlechtert sich die Betreuungssituation entgegen den bisherigen Plänen der Politik. Wie erleben Sie das?

Ich persönlich finde es schlimm, dass man positive Errungenschaften bei der Kita-Qualität nun wieder hergeben soll. Der Erziehermangel führt dazu, dass sowohl die Qualitätsanforderungen als auch der Rechtsanspruch nicht wirklich eingehalten werden können.

Wie kann man den Erzieherberuf attraktiver machen?

Es hat sich in den vergangenen zehn Jahren qualitativ schon viel verbessert. Wir legen hier die Grundlagen für die Entwicklung eines Kindes. Das müsste uns doch eigentlich allen wichtig sein und sollte sich auch in der gesellschaftlichen Anerkennung für den Beruf widerspiegeln. Meine Kolleginnen fragen sich schon, wenn sie das Gehalt der Grundschullehrer sehen, wieso sie so viel weniger bekommen.

Vielleicht sollten Sie auch mal so viel streiken wie die Lehrer?

Das stimmt wahrscheinlich. Die Streikbereitschaft ist bei Kita-Erziehern nicht so ausgeprägt, das Wohl der Kinder hat für uns Vorrang.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Quereinsteigern?

Wir haben neun altersgemischte Gruppen – und in jeder arbeitet eine Quereinsteigerin, die die berufsbegleitende Ausbildung macht. Diese Kolleginnen helfen uns, brauchen aber auch viel Unterstützung durch die vollqualifizierten Kollegen. Erst nach ihrer Ausbildung sind sie ja wirklich voll einsetzbar.

Wie finden Sie es, dass Kitas kostenfrei sind?

Dinge, die kostenfrei sind, werden leider oft nicht besonders wertgeschätzt. Und das Geld für die Kostenfreiheit fehlt dann an anderer Stelle. Seit die Kita kostenfrei ist, haben nicht wenige Eltern auch den Betreuungszeitraum ausgeweitet.

Was bedeutet das?

Wir haben unsere Öffnungszeit wegen des Personalmangels jetzt von 18 Uhr auf 17.30 Uhr reduzieren müssen. Andere Einrichtungen ebenso. Anders können wir den Betrieb personell nicht mehr abdecken, wenn zwei Erzieher am Ende des Tages beispielsweise auf noch drei Kinder aufpassen müssen. Zwei Erzieher müssen ja immer da sein, damit einer mit in die Klinik fahren kann, falls sich ein Kind verletzt.

Wie viel verdient denn ein Erzieher, der bei Ihnen neu anfängt?

Das kommt darauf an, welche Erfahrung und Qualifikation er mitbringt. Fertig ausgebildete Erzieher bekommen ein Einstiegsgehalt von gut 2500 Euro brutto, und es gibt Zuschläge für Facherzieher. Ich habe aber schon erlebt, dass Kolleginnen nach Brandenburg gegangen sind, weil sie dort mehr verdienen.

Hat sich Ihre Kita-Klientel hier in der Boomtown Pankow verändert?

Ich stelle fest, dass viele Eltern im Moment schon froh sind, wenn sie ihr Kind gut aufbewahrt wissen. Das ist eigentlich sehr schade. Denn eine gute Kita kann eben noch viel mehr. Wie wir den Kleinen spielerisch die Sprache oder auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln. Das geht in der aktuellen Situation viel zu sehr unter.

Was zeichnet ihre Kita aus?

Wir haben altersgemischte Gruppen von Anfang an. Die Kinder lernen voneinander, natürlich vor allem die Kleinen von den Großen. Unser Ziel ist es, Kinder zu stärken. Wir haben zum Beispiel ein Feuerprojekt. Dabei lernen die Kinder bei uns innerhalb einer Woche, selbst ein Lagerfeuer zu machen. Mit allem, was man dabei beachten muss.

Wird sich die Situation zum Sommer wieder entschärfen, wenn die Vorschulkinder eingeschult werden?

Das glaube ich nicht. Die Nachfrage ist einfach zu groß. Zudem ist das Einschulungsalter um drei Monate heraufgesetzt worden, so dass mehr Kinder in der Kita bleiben. Das bedeutet in der Konsequenz noch weniger Neuaufnahmen.

Haben Sie noch Ideen, wie man die Kitas entlassen könnte?

Naja. Wenn Eltern mit dem zweiten Kind in Elternzeit sind, könnten sie vielleicht den Betreuungsumfang für ihr erstes Kind reduzieren. Ein Elternteil ist ja zu Hause. Ich frage mich auch, ob wirklich das ganze Sprachlerntagebuch bearbeitet werden muss. Wir reichen es ja jetzt an die Schulen weiter. Ich würde gerne mal wissen, ob die Schulen auch wirklich damit arbeiten.