Was bleibt vom Ruhm rein materiell? Lauter Dinge, die vergilben und verstauben. Die Legende selbst schwebt über allem.
Foto: Harmsen

BerlinEs war nur eine kleine Nachricht am Anfang der Woche. Doch sie hat mich wieder mal über die Ewigkeit und den Ruhm nachdenken lassen. Ich sah wieder eine Szene vor mir, die ich vor Jahren erlebt hatte. Es geschah auf einem Beatles-Festival in einem Berliner Hotel. Dort waren Dutzende Stände aufgebaut: mit alten Platten, Bildern, Plakaten, vergilbten Heftchen und Fan-Artikeln. Überall lag altes Zeug herum. Überall saß jemand, der noch etwas Kleines rausquetschen wollte aus der großen Beatles-Geschichte.

Ich wollte schon das Hotel verlassen, da sah ich im Foyer eine ältere Frau am Tisch sitzen. Sie hatte kurze graue Haare, guckte ernst und trank einen Kaffee. Niemand saß bei ihr. Niemand wollte die im Hintergrund hängenden, ziemlich teuren Schwarz-Weiß-Fotografien der jungen Beatles kaufen, die sie einst gemacht hatte. Astrid Kirchherr – so hieß die Frau am Tisch – war extra aus Hamburg gekommen, um jetzt einsam in diesem zugigen Hotel herumzusitzen.

Daran musste ich denken, als ich hörte, dass die Fotografin Astrid Kirchherr vor einigen Tagen gestorben ist, kurz vor ihrem 82. Geburtstag. Jene Frau, „die die Beatles erfand“, wie eine Zeitung schrieb. Was natürlich Quatsch ist. Aber ein bisschen was ist auch dran.

Wie es damals wirklich war, erzählte mir einige Zeit später ein Jugendfreund von Astrid Kirchherr, ebenfalls in einem Berliner Hotel. Er hieß Klaus Voormann, und ich traf ihn zu einem Interview. Der gebürtige Berliner hatte einst an der Hamburger Kunsthochschule studiert und dort Astrid Kirchherr kennengelernt. Sie waren arrogante Snobs, wie er erzählte, kleideten sich ganz in Schwarz, lasen Sartre, lästerten über die Welt.

An einem Herbstabend 1960 lief Klaus – nach einem Streit mit Astrid – durch die Hamburger Straßen. Dabei geriet er zufällig in einen Kellerclub in St. Pauli, in dem eine Band aus England spielte. Klaus war total geflasht, wie man heute sagen würde – von der Kraft, dem Humor und der Musik der fünf Jungs, die er da sah. Sie nannten sich seit jüngstem The Beatles.

Der geflashte Klaus schleppte seine Freunde mit in den Keller. Sie lernten die Jungs kennen, die John, George, Paul, Stu und Pete hießen. Die Band wurde von den Clubbesitzern ausgebeutet, hauste mies, ernährte sich schlecht, litt unter Heimweh. Astrid nahm sich ihrer an, holte sie zu sich nach Hause. Dort wurden sie in die Badewanne gesteckt, mit Wiener Schnitzel verwöhnt. Astrid fotografierte viel, verliebte sich in den Beatle Stu, der leider jung starb. Und ja: Den Haarschnitt, den berühmten Pilzkopf, hatten die Beatles auch von den Hamburger Snobs.

Ruhm ist eine schwierige Sache. Er funktioniert nur als Legende. Er verfliegt, wenn man es mit vertrockneten Kränzen, verstaubten Devotionalien und Jahrmarkts-Rummel zu tun hat. Der Berliner hat schon recht, wenn er den Ruhm in seiner Sprache recht geringschätzend behandelt. Zum Beispiel, wenn er jemanden kritisiert: „Ej, da haste dir aber nich mit Ruhm bekleckat!“ Oder ironisch: „Dein Ruhm wird dir ewig nachschleichen.“ Was das Streben nach Ewigkeit überhaupt betrifft, sagt er zutiefst philosophisch: „Alles Irdische is verjänglich – nur der Kuhschwanz, der bleibt länglich!“