Berlin - Es gibt 325 Ausbildungsberufe und weit mehr als 200 Studienfächer. Fast niemand weiß, was im Fach Gräzistik studiert wird oder in Ökotrophologie. Die meisten wissen aber halbwegs, was eine Kauffrau macht, ein Steinmetz, eine Altenpflegerin. Doch es gibt wohl nur eine Berufsgruppe, über die alle Bescheid zu wissen glauben: die Lehrerschaft, von der mehr als 60 Prozent Frauen sind. Jene Berufsgruppe also, die normalerweise am kommenden Montag die Kinder nach den Winterferien wieder in der Schule begrüßen würde, um sich durch den Schulstoff zu kämpfen. Allerdings bedeutet Schulpflicht in Corona-Zeiten nicht, auch in der Schule lernen zu dürfen.

Das Lehren ist nicht nur ein uralter Beruf, sondern auch einer der wichtigsten. Lehrer teilen das Leben jedes Menschen in zwei Hälften, in ein Davor und ein Danach. Vor der Einschulung ist das Leben im Idealfall ein ziemlicher Spaß. Da heißt es: spielen, spielen, spielen. Mit Freunden rennen, fangen, malen. Sandkasten, Käfer im Haar, Luftballons. So ziemlich die beste Zeit des Lebens, auf alle Fälle die unbeschwerteste. Hoffentlich verbunden mit der Geborgenheit einer Familie und der Hilfe der Erzieherinnen im Kindergarten.

Doch die Namen dieser Kita-Heldinnen vergessen die Kinder in der Schule meist ziemlich schnell. Denn nun beginnt der Ernst des Lebens, und der wird fast immer von einer Lehrerin dominiert. Meine hieß Frau Zufelde, die erste Klassenlehrerin. Sie machte uns mit einer freundlichen Ernsthaftigkeit klar, dass Lernen fast so schön sein kann wie Spielen und dass unser bisheriges freies wildes Leben nicht deshalb ganz vorbei sein muss, weil wir vormittags ein paar Stunden in stickigen Klassenräumen hocken müssen. Danke Frau Zufelde.

Hoffentlich hatten alle eine Frau Zufelde. Üblicherweise machen viele Erwachsene ihre Schulzeit später bei Partys irgendwie schlecht und lästern über nervige Lehrer. Aber kaum wird die Runde kleiner, können alle einen Namen nennen. Es gibt immer diesen einen Namen: Die Lehrerin, die es in der dritten Klasse doch noch geschafft hat, den Weg durch den Dschungel der Mathematik zu weisen. Der Lehrer, der den Zauber der Sprache zu vermitteln wusste. Oder die Direktorin, die die Schüler vor der Ungerechtigkeit eines Lehrers beschütze und ihnen so den Glauben an Gerechtigkeit zurückgab.

Das Ziel guter Erziehung

Die Schule ist eine unglaubliche Herausforderung für Kinder, die ahnungslos vor dem riesigen Berg des menschlichen Wissens stehen. Und ihre wichtigste Hilfe sind die Grundschullehrerinnen, die zwar alles schon wissen, die die Kinder mit all dem Wissen aber nicht erschlagen dürfen. Frauen, die zwar jedes Jahr das Gleiche erzählen, die es den jeweiligen Kindern aber so vermitteln sollten, dass die Kinder glauben, das Lernen sei gar nicht so schwer.

Dass viele Leute lieber über schlechte Schulerfahrungen sprechen, liegt daran, dass auch Lehrer keine Superhelden sind, sondern dauergestresst und überfordert, oft auch alleingelassen von der Gesellschaft, also genauso fehlerhaft und mittelmäßig wie alle. Ihre Fehlbarkeit zeigt, dass die Welt nicht perfekt ist, sonst müssten auch wir perfekt sein. Und auch schlechte Pädagogen haben eine wichtige erzieherische Funktion: In Konflikten mit ihnen lernen Schüler mehr über Machtmissbrauch als in Geschichte und wachsen an Niederlagen. Schlechte Lehrer taugen als warnendes Beispiel und ihre Namen können die 50-Jährigen bei Partys dann genauso aufzählen wie den ihrer Frau Zufelde.

Das Ziel guter Erziehung ist es, die Kinder irgendwann beruhigt aus der schützenden Familie zu entlassen. Und der wichtigste Schritt dabei ist die Schule. Hier lernen Eltern Verantwortung abzugeben, dazu brauchen sie Vertrauen in die Lehrerschaft. Denn Schüler verbringen fast mehr Zeit mit Lehrern als mit ihren Eltern. Und Lehrer sind notwendigerweise mutiger und geübter als Eltern. Sie trauen sich, die Kinder so wohldosiert zu überfordern, dass sie Wissen anhäufen.

Und es geht nicht nur um Wissen. Das meiste davon vergessen die meisten sowieso wieder. Wichtig ist, dass Kinder in der Schule das Denken lernen, dass sie das Prinzip Freundschaft verinnerlichen, dass sie versuchen, zu streiten, ohne sich zu prügeln, dass sie überlegen, bevor sie handeln und dass sie verantworten, was sie tun.

Deshalb sind Schulen so wichtig, deshalb ist ihre Schließung so tragisch. Seit 200 Jahren waren Schulen in Deutschland nie länger dicht. Deshalb die Forderungen: Gebt den Kindern ihre Lehrer zurück. Die schlechten, die normalen und die guten wie Frau Zufelde. Sobald es irgendwie verantwortbar ist.