Sabine Rennefanz
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinMein erstes eigenes Auto hieß Eberhard. Es war himmelblau und ein zwanzig Jahre alter Dacia. Ich kaufte ihn 1992 von meinem Onkel Lothar für ein paar Hundert Mark ab. Wie es sich für ein Kind vom Dorf gehört, hatte ich mit 17 meine Führerscheinprüfung gemacht und an meinem 18. Geburtstag meine Fahrerlaubnis abgeholt. Mit Eberhard fuhr ich jeden Sonntag von meinen Eltern ins Internat, 60 Kilometer, aus dem Kassettendeck dröhnten Depeche Mode oder Sisters of Mercy, und wenn ich zurückdenke, scheint es mir, als wäre das der beste Teil meiner Schulzeit gewesen.

Irgendwann ging ich in den Westen und Eberhard in den Osten. Meine Eltern verkauften ihn an rumänische Händler. Und ich stelle mir manchmal vor, dass Eberhard noch heute in den Straßen von Bukarest herumfährt.

Vor ein paar Jahren kaufte ich mir mein zweites Auto. Einen weißen Skoda. Automäßig bin ich nie über den Ostblock hinausgekommen. Aber natürlich gehört Skoda zu Volkswagen. Als ich das erste Mal einstieg, hatte der Wagen diesen unverwechselbaren West-Auto-Geruch. „Das riecht hier wie der Mazda von Onkel Ulf“, rief ich. Mein Mann schaute mich an und hatte keine Ahnung, wovon ich sprach.

Als Autokäufer fielen wir in unserem damaligen Freundeskreis in Kreuzberg auf. „Man braucht in der Stadt doch kein eigenes Auto“, hieß es. Autos waren Klimakiller, potenzielle Mörderwaffen. Ich fühlte mich ein bisschen schlecht. Wir nutzten es, um am Wochenende in den Garten in Brandenburg zu fahren. Den Rest der Woche stand es auf der Straße herum. Als die billigen Mietwagen aufkamen, überlegte ich, ob es nicht Zeit wäre, mich von dem Auto zu trennen.

Neun tote Fahrradfahrer

Aber dann kam Corona und jetzt bin ich froh, dass ich das Auto behalten habe. Es ist mir etwas unangenehm, das zuzugeben, aber ich fahre seit dem Ausbruch der Epidemie mehr Auto als zuvor. Ich erledige meine Wochenendeinkäufe damit, fahre zur Kita und oft zur Arbeit damit. Auch wenn es traurig ist, das zu sagen: Es erscheint mir im Moment das sicherste und zuverlässigste Transportmittel. Die BVG fällt als Alternative weg, die Züge sind zu voll und es sitzen lauter Leute drin, die keine Maske tragen. Und Radfahren?

Ich bin immer viel Fahrrad gefahren, selbst in London, als es noch nicht so hip war. Aber in Berlin ist es in den vergangenen Jahren unsicherer geworden. Wenn ich jetzt wieder die acht Kilometer ins Büro radele, gibt es jeden Tag mindestens eine brenzlige Situation. Die Radwege sind zu eng, die Stimmung ist aggressiv, zwischen Radfahrern und Radfahrern, Radfahrern und Fußgängern, zwischen Autofahrern und Radfahrern. Neulich sagte mein Sohn, wenn er in die Schule kommt, wolle er allein dorthin fahren. Er müsste über zwei vierspurige Straßen. Die Vorstellung macht mir im Moment eher Angst.

Warum gelingt es der Stadt nicht, sichere Radwege zu schaffen? Das viel gerühmte Mobilitätsgesetz wurde 2018 beschlossen, darin steht, dass Radwegen künftig bei der Planung der Vorrang gegeben werden muss. Klingt gut, aber seitdem ist nicht so viel passiert. Hätte man die Corona-Krise nicht besser nutzen können?

Klar, es gibt die Pop-up-Radwege, auf die der Senat so stolz ist. Sind sie wirklich so sicher? Erst kürzlich wurde eine Radfahrerin, die von einem solchen Radweg kam, von einem rechts abbiegenden Lkw überrollt und starb. Am vergangenen Mittwoch geriet eine 41 Jahre alte Radfahrerin unter eine Straßenbahn in Prenzlauer Berg. Es ist schon die neunte tote Radfahrerin in diesem Jahr.

Ich behalte jedenfalls bis auf weiteres mein kleines, geliebtes Auto.