Ein großes Warnschild am Waldweg.
Foto: Harmsen

BerlinAm Eingang zu unserem Wald, in dem sich Mauz und Hoppel gute Nacht sagen, hängt ein Schild. Darauf steht: „Liebe Waldbesucherinnen und Waldbesucher, halten Sie bitte auch im Wald mindestens 1,50 Meter Abstand voneinander, auch wenn Sie nur zu zweit unterwegs sind. Bitte bleiben Sie gesund. Ihre Berliner Forsten.“ In einem roten Kreis ist grafisch dargestellt, wie das auszusehen hat mit den 1,50 Metern.

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Meine Frau und ich gehen also jetzt in gebührendem Abstand zueinander durch den Wald – ich an der linken Seite des Weges, sie an der rechten. Zu Hause setzen wir uns wieder dicht nebeneinander aufs Sofa und gucken einen Film. Da sind wir ja nicht mehr im Wald, wo uns der Uhu verpfeifen kann, sondern in unserem vertrauten Haushalt, in dem wir uns seit Wochen verkriechen.

Nein, um Gottes willen, ich will mich nicht lustig machen! Ich halte den Abstand grundsätzlich für eine gute Sache. Ich bin ein Abstands-Fan. Schon wegen mancher Knoblauchfahne und Schweißachsel. Wenn jetzt alle konsequent mitmachen, kann man vielleicht auch verhindern, dass das böse Virus von einem zum anderen hopst.

Doch der Abstand muss auch materialisiert werden. Jetzt sind die Textilkünstler gefragt: Eine neue Mode muss her, für Mann und Weib, mit weit ausladenden Reifröcken, sogenannten Krinolinen, wie anno dunnemals, die eine Annäherung erst gar nicht zulassen. Meine Töchter hätten sicher schöne Entwürfe. Mit solchen Drahtkorb-Röcken müssten wir Rücksicht aufeinander nehmen, weil wir uns sonst in Drehtüren und beim Einsteigen in den Bus miteinander verhaken würden.

Wenn wir auf der Straße mit unseren Krinolinen aneinander vorbeitänzeln, können wir auch wieder richtig schön romantische Reifrock-Gedichte zitieren, wie sie einst Wilhelm Busch schrieb: „Welche Augen! Welche Miene!/ Seit ich dich zuerst gesehen,/ Engel in der Krinoline,/ Ist’s um meine Ruh’ geschehen.“

Aus sicherem Abstand sähen wir alles klarer. So wie es Goethe einst schrieb: „Ach, in der Ferne zeigt sich alles reiner,/ Was in der Gegenwart uns nur verwirrt.“ Und wenn wir dann noch schön unsere Alltagsmasken anlegen, verschwindet auch so manches andere Problem. Eine Mutter schrieb bei Twitter: „Beim Aldi sind nur Männer in die Zwei-Meter-Abstand-Memo-Plakate gezeichnet worden, was mein Teenie (15, männlich) als frauenfeindlich bewertet.“ Künftig sieht man auf den Plakaten nur noch Leute mit Reifröcken.

Die ideale Corona-Messlatte

Apropos 1,50 Meter oder zwei Meter. Die Empfehlungen variieren. Ein Virologe nannte neulich die englische Formel: „Six Feet, six seconds“. Man sollte also etwa 1,80 Meter Abstand zueinander halten und nur ganz kurz mit Nachbarn reden. Ungefähr so: „Tach Frau Meier, schön sie zu sehn. Ick muss Ihnen leider sagen – und tschüss!“

Mit 1,80 Metern Abstand zueinander machen wir auch als Menschheit viel mehr her. 7,75 Milliarden Menschen nebeneinander aufgestellt würden 14 Millionen Kilometer tief ins All reichen. Das entspricht 36 Mal der Entfernung zwischen Erde und Mond. Ein Apollo-Raumschiff bräuchte drei Monate und 18 Tage, um an uns vorbeizufliegen.

Und da fällt mir noch was ein. Ich bin über 1,80 Meter groß. Ich könnte mich als Abstandsmaß anbieten. Ich würde mich überall ganz gerade hinlegen, wo Abstandslinien gezogen oder geklebt werden müssen. Vor den Kassen im Supermarkt, vor Bahnhofsautomaten, vor Postschaltern, vor der Bank im Wald. Ich bin die ideale Corona-Messlatte – von Kopf bis Fuß.