Berlin„Das ist eine sehr gute Nachricht für die Stadt.“ So ein Satz war Michael Müller zuletzt selten über die Lippen gekommen. Umso erleichterter wirkte der Corona-geplagte Regierende Bürgermeister, als er am Freitag vom Verkaufsangebot Vattenfalls berichten konnte. Die Schweden seien bereit, Berlin dessen eigenes Stromnetz zum Kauf anzubieten. Preis: geschätzte 1,5 Milliarden Euro.

Das klingt auf den ersten Blick absurd, ist aber Berliner Realität. Ende der 90er-Jahre, in Zeiten chronischer Überschuldung und wirtschaftlicher Schwäche, trennte sich das Land Berlin von seinem Stromnetz, ebenso vom Gasnetz und der Wasserversorgung. In diese Zeit der Privatisierung, die bis weit ins erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends anhielt, fiel zum Beispiel auch der Verkauf Tausender Wohnungen und anderer Immobilien. Es kam einem Ausverkauf der Stadt gleich.

Seit einigen Jahren macht sich Berlin an den Rückkauf seines Tafelsilbers. Erster großer Rückkauf war der der Wasserbetriebe im Jahr 2013. Insbesondere der aktuelle rot-rot-grüne Senat hat sich danach eine weitere Rekommunalisierung zum Ziel gesetzt. So wurden das Kosmosviertel in Köpenick zurückgekauft, Wohnblöcke an der Karl-Marx-Allee, der Sozial-Palast in Schöneberg und auch Hochhaussiedlungen in Spandau. Die Gasag soll folgen.

Möglich wurden die Käufe durch einen seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung Berlins. Die Pandemie hat diesen nun vorerst gestoppt, Finanzsenator Kollatz spricht von zwei verlorenen Jahren. Dass jetzt mit dem Rückkauf des Stromnetzes dennoch viel Geld ausgegeben werden soll, ist ein gutes Zeichen - erst recht angesichts historisch niedriger Zinsen. Berlin kauft sich selbst zurück. Es ist zudem eine Investition in eine umweltfreundlichere Zukunft. Alles in allem tatsächlich eine sehr gute Nachricht.