Während die einen auf Impfstoff warten, beschäftigen sich die anderen bereits mit den Langzeitfolgen der Pandemie: Was wird bleiben, was wird sich ändern, was wird wieder sein wie vorher? Da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, wird er sich wohl schnell zurück ans einst normale Leben gewöhnen. Denn auch Verdrängung unliebsamer Erfahrungen in der Vergangenheit gehören zu seinem Wesen, viel deutlicher ausgeprägt als die Selbstreflexion.

Was dann, wenn alles wieder normal sein wird, wohl dennoch erhalten bleibt, ist auf ein drittes Merkmal unserer Spezies zurückzuführen: die Bequemlichkeit. Die ist längst auch im Modebereich ablesbar. Die Jogginghose, darauf lässt sich mit großer Gewinnchance wetten, wird als Siegerin aus der Pandemie herausgehen. Vom vor zwei Jahren verstorbenen Modedesigner Karl Lagerfeld ist das Zitat überliefert, dass die Kontrolle über sein Leben verloren habe, wer eine Jogginghose trage. Ob dieses Urteil nur für den Aufenthalt in der Öffentlichkeit galt oder auch für die heimische Couch, blieb seinerzeit offen. Aber so oder so ist es wahrscheinlich gut, dass der Mann sich das aktuelle Treiben nicht mehr mit ansehen muss.

Selbst in Friedrichshain, einem Stadtteil, in dem es für eine hohe Jogginghosen-Dichte kein Virus braucht, hat das Beinkleid noch mal an Beliebtheit gewonnen. Man sieht sie inzwischen nicht mehr nur beim morgendlichen Brötchenholen oder an Joggern, die verschwitzt in den Supermarkt traben. Auch der inoffizielle Tag der Jogginghose ist noch nicht mit eingerechnet. Die Jogginghose ist jetzt so normal wie das Homeoffice – wahrscheinlich auch, weil sie dort als Arbeitskleidung dient.

Selbst Menschen, die sich früher auch für einen kurzen Einkauf oder eine Gassirunde wenigstens ein bisschen herausputzten, pellen sich heute gar nicht erst aus der zweiten Haut, die ja durchaus auch teuer und modern geschnitten sein kann, aber mit zunehmender Lockdown-Dauer immer mehr ausbeulte und letztlich selbst in diesem Zustand der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Sogar die Umsatzexplosionen von Versandhändlern sollen zu einem Großteil auf die Sofabekleidung zurückzuführen sein. Würde die Jogginghose als Aktie an der Börse gehandelt, sie wäre wohl inzwischen unbezahlbar.