Berlin - Drachen fliegen am Himmel über dem Tempelhofer Feld, es ist so warm an diesem Sonnabendnachmittag, dass recht viele Leute in kurzen Hosen unterwegs sind. Die einen joggen im Kreis, die anderen spielen Basketball. Es gibt auch Leute, die einfach nur im Gras liegen, aber es gibt auch junge Leute, die sich ein paar Stühle mitgebracht haben, die sie nun in Reihen aufstellen, um dann dem Vortrag eines Professors zu lauschen.

Es sind schon ungewöhnliche Zeiten, wenn die freiwillige Teilnahme von Studenten an einer Vorlesung in ihrer Freizeit eine Form des öffentlichen Protestes ist. Genau das soll es sein. Denn Vorlesungen vor Ort in den Unis wurden mit der Pandemie mehr oder weniger eingestellt. „Während manche Schüler zumindest wieder in den Wechselunterricht dürfen, findet die Lehre in den Unis seit 14 Monaten für die Studierenden nur noch online statt“, sagt Lucie Gröschel. Die 21-Jährige studiert Politikwissenschaften im sechsten Semester und engagiert sich seit Wochen als Sprecherin in der studentischen Initiative „Nicht Nur Online“ (NNO). Kern der Gruppe sind etwa 30 Studenten von Freier und Technischer Universität, der Universität der Künste und der Humboldt-Uni. Dazu kommen etwa 100 Leute, die sie aktiv unterstützen.

Offener Brief für die Rückkehr zur Normalität

Sie haben einen offenen Brief mit ihren Forderungen geschrieben und bereits 1800 Unterschriften bekommen. In dem Brief heißt es: „Universitäten sind Orte des lebendigen Austausches, der Kritik und der Erkenntnis. Die virtuelle Lehre kann dies nicht ersetzen.“ Lucie Gröschel sagt: „Wir wollen die Rückkehr zur Präsenz-Lehre, sobald es das Pandemie-Geschehen im aktuellen Sommersemester erlaubt und es wieder verantwortbar ist.“

Deshalb diese Aktion – diese öffentliche Präsenzvorlesung. Als erstes tritt Professor Hubertus Welsch vor die Studenten. Der 64-Jährige ist eigentlich Notar in Berlin, hat aber einen Lehrauftrag an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Das offizielle Thema seiner Feld-Vorlesung lautet: Gründung eines gemeinnützigen Vereins. Das klingt recht trocken. „Aber es geht um die juristische und gesellschaftlich relevante Frage: Wie organisiere ich meinen Widerstand“, sagt der 64-Jährige. Deshalb will er die verschiedenen Organisationsformen erklären, die es so gibt: den Verein, die GmbH, die Kommanditgesellschaft oder eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Welsch verteilt bunte Zettel, mit denen er die Zuhörer einteilt: Vorn rechts sitzen die mit den roten Karten, das ist eine Bande – eine kriminelle Vereinigung. Dann hält er eine orangefarbene Karte hoch und fragt: „Wer will Aktiengesellschaft werden?“ Erst meldet sich niemand, dann steht ein Lockenkopf auf und sagt: „Hier ist nun das Geld.“ Alle lachen und genießen diese direkte Form der Bildung.

Der Professor sagt, dass genau solche Dinge bei den Online-Vorlesungen recht schwierig zu machen sind, das Gemeinschaftsgefühl, das Lachen, das Debattieren, der Austausch. Er erzählt, dass er bei einer Vorlesung an seinem Computer saß und 16 von 20 Studenten ihre Bildschirme abgeschaltet hatten. „Da ist es schwierig, sinnvoll zu kommunizieren“, sagt er. Er habe bis zum Winter noch echte Vorlesungen angeboten und seine Studenten gefragt, ob auch er lieber online gehen soll. „Aber sie sagten: ‚Wir wollen in Ihre Vorlesung. Das ist unsere einzige Chance, mal wieder vor Ort im Vorlesungssaal zu sein.‘“

Benjamin Pritzkuleit
Das Ziel dieser Studenten: Lehre nicht nur im Netz, sondern wieder in den Unis.

Lucie Gröschel erzählt, dass es viele Studenten ärgert, dass in allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen über Lockerungen nachgedacht wird. „Aber die Studierenden werden einfach vergessen.“ In Frankreich, Österreich, der Schweiz oder Italien gebe es verschiedene Modelle des Wechselunterrichts an den Unis, aber nicht in Deutschland. Gerade hat der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz gesagt, dass für das Wintersemester „30 Prozent Campus-Präsenz“ angestrebt werde. „Das ist doch keine Rückkehr zur Normalität“, sagt sie.

Bei anderen Hochschulvertretern heißt es, dass sie auch nach Corona 20 Prozent der Lehre künftig online abhalten wollen. „Das kann doch nicht sein“, sagt Lucie Gröschel. „Wir fordern, dass auch nach der Pandemie die digitalen Formate unsere Lehre nur unterstützen sollen, aber nicht ersetzen. Corona darf nicht dafür missbraucht werden, Hochschulen in Fern-Unis umzuwandeln.“

Hier funktioniert, was online nicht geklappt hat

Als Professor Welsch fertig ist, tritt Claudia vor die Studentenschaft und alle stehen auf. Sie studiert Musik und singt eine einfache Melodie an. Die Studenten stimmen ein, ihre Tonfolgen werden immer komplizierter, aber alle singen mit und schaffen es problemlos. Beim Singen teilt sie die Gruppe und ein zweitstimmiger Chor entsteht – und sie singt neben dem Gesang der anderen noch eine ganz eigene Melodie. Sie ist ganz begeistert vom Können der Laien. „Wir haben das Ganze im Online-Seminar als Studierende auch probiert und es hat überhaupt nicht geklappt.“

Benjamin Pritzkuleit
Und dann singen sie alle gemeinsam ein Lied.

Danach tritt Samuel Märkt vor die Zuhörerschaft. Der 21-Jährige ist selbst noch Jura-Student und hält einen Vortrag über „Das Recht auf Bildung“. Dazu gehöre der freie Zugang für alle zur Bildung, er fragt, ob der Staat nun auch verpflichtet sei zum Bespiel Laptops zur Verfügung zu stellen, um allen das Recht auf Bildung zu ermöglichen. „Außerdem wird derzeit oft die Integrationsfunktion der Schulen und Unis vergessen, also das Recht, gemeinsam mit anderen zu lernen.“

Samuel Märkt sagt von sich, dass er im Corona-Jahr nur etwa die Hälfte des üblichen Lernpensums geschafft hat. Zwar werden die vergangenen zwei Semester als „Freisemester“ gezählt, verkürzen also nicht die offizielle Regelstudienzeit. Aber die Zeit könnte effektiver genutzt werden, sagt er. „Ich lerne vor allem in den Vorlesungen und den Seminaren. Ich lerne durch das Zuhören, durch Diskussionen, durch das Nachfragen“, sagt er. „Ich lese auch viel, aber das gleicht dann hinterher eher die Unfeinheiten im Gehirn aus.“

Er erzählt, wie wichtig es ist, mit den Kommilitonen nach einer Vorlesung zu reden. „Wir gehen dann zum Beispiel in die Mensa, debattieren darüber, was der Professor wohl gemeint haben könnte, wir freuen uns oder wir regen uns darüber auf. Dabei lernen wir ganz effektiv, fast spielerisch. Das ist online einfach nicht zu ersetzen.“