BerlinDas Impfen kann beginnen: Die ersten Dosen des Impfstoffes trafen am Sonnabendvormittag in Berlin ein, schon am Folgetag werden mobile Teams in allen Bezirken unterwegs sein, um die Bewohner in den Altenheimen gegen das Coronavirus zu spritzen. Doch ist die Hauptstadt wirklich startklar? Die Berliner Zeitung sprach darüber im Vorfeld  mit Burkhard Ruppert, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV), die für die Rekrutierung der Impfärzte zuständig ist.  Trotz des Impfstoffes werden die Menschen in Deutschland „auch in den kommenden Monaten eingeschränkt leben müssen“, sagt der 60-Jährige in dem per Mail geführten Interview. „Einen hundertprozentigen Schutz gibt es bei keiner Impfung.“

Herr Ruppert, das schönste Weihnachtsgeschenk für uns alle scheint der Impfstoff gegen Corona zu sein. Mit welchen Gefühlen und Hoffnungen haben Sie das Fest verbracht?

Ich habe zum ersten Mal seit vielen Wochen etwas Zeit gefunden, zur Ruhe zu kommen. Das gelingt mir aktuell nur noch sehr selten, da die Arbeitsbelastung durch die Corona-Pandemie sehr hoch ist. Die Arbeit der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte und der Mitarbeitenden der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin war in den vergangenen Monaten bestimmt von der Pandemie. Eine solche Ausnahmesituation hat noch niemand von uns erlebt. Die Hoffnung ist groß, dass die Infektionszahlen schnell sinken und schon sehr bald niemand mehr aufgrund des Covid-19-Virus sein Leben lassen muss. Umso wichtiger ist es, dass Berlin jetzt impft.

Wie hoch schätzen Sie die Impfbereitschaft der Berliner ein?

Es ist wichtig, dass sich viele Berlinerinnen und Berliner impfen lassen, um die erforderliche Herdenimmunität zu erreichen. Deshalb kann ich nur an jeden appellieren: Lassen Sie sich impfen!

Wird der Impfstoff unser Leben wieder normalisieren?

Da viele von uns erst im Laufe des Jahres 2021 geimpft werden können, gehe ich davon aus, dass wir auch in den kommenden Monaten eingeschränkt leben werden. Aber ich hoffe, dass wir im Laufe des Sommers wieder ein Stück weit in die Normalität zurückkehren können. Aber: Einen hundertprozentigen Schutz gibt es bei keiner Impfung, deshalb sollten die Menschen auch weiterhin die Regeln einhalten, bis wir eine Durchimpfung erreicht haben.

Wie gut ist Berlin nach ihrer Meinung auf das Impfen vorbereitet?

Ich würde sagen, dass Berlin gut vorbereitet ist. Alle sechs Impfzentren und alle mobilen Impfteams sind einsatzbereit. Es war eine sehr große Herausforderung, die Logistik aufzubauen, Menschen und Organisationen für die verschiedensten Aufgaben zu finden, dies alles zu koordinieren und Dienste zu planen. Ein besonderer Dank geht hier an alle Ärztinnen und Ärzte, die sich neben ihrem Job dafür bereit erklärt haben, die Berliner Bevölkerung zu impfen. Und Hut ab vor den Hilfsorganisationen, den Messebauern und auch der Bundeswehr. Ich hätte noch eine Woche vor dem Impfstart nicht gedacht, dass alles zum 27. Dezember fertig ist. Aber es wurde geschafft, auch wenn es hier und da sicherlich noch Verbesserungsbedarf gibt.

Hätte einiges besser laufen können?

Das größte Problem waren die wechselnden Zeit- und Impfmengenvorgaben. Dadurch musste der Starttermin mehrmals verschoben werden. Für die KV Berlin bedeutete dies, bereits fertige Dienstpläne abzusagen beziehungsweise anzupassen. Das wiederum ist ein Problem für die Ärztinnen und Ärzte, die nicht von einem Tag auf den anderen ihre Praxen schließen können. Denn in erster Linie müssen die Praxen ihrem Auftrag nachkommen und sich um die Sicherstellung der ambulanten Versorgung kümmern. Am Ende hätte ich mir ein besseres Ineinandergreifen aller Beteiligten gewünscht. Die Kommunikation ist das A und O, wenn die nicht klappt, geht auch mal etwas schief. Aber niemand von uns hat bisher eine Impfaktion solchen Ausmaßes auf die Beine gestellt. Ich denke, wo gehobelt wird, fallen auch Späne.

Wie viele Ärzte konnte die KV für den Einsatz gewinnen? Gab es dabei Schwierigkeiten?

Nach den bis zum 22. Dezember vorliegenden Plänen wären alle Dienste bis einschließlich 12. Januar in den Impfzentren und mobilen Impfteams besetzt gewesen. Da bis auf Weiteres nur in einem von sechs Impfzentren geimpft wird, gibt es seit dem 23. Dezember neue Vorgaben, die unter anderem erneut die Absage von Diensten notwendig macht. Für die Impfdienste haben sich viele niedergelassene Kolleginnen und Kollegen, aber auch zahlreiche Nichtvertragsärzte bei uns gemeldet. Je nachdem, wie viel Impfstoff kommt, werden wir entsprechend weiter planen.

Werden die Ärzte vor ihrem Einsatz geimpft? Wäre dies nicht sogar ratsam?

Die an den Impfungen teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte werden während oder nach ihrem ersten Dienst geimpft.

Der Einsatz in den Impfteams und -zentren neben der eigenen Praxistätigkeit: Wie können Ärzte die kommenden Wochen oder Monate mit dieser Doppelbelastung durchstehen? Gerät dadurch die allgemeine medizinische Versorgung der Berliner möglicherweise in Gefahr?

Die ambulante Versorgung ist zu jedem Zeitpunkt gesichert. Die teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte können sich ihre Impfdienste selbst planen. Ich gehe davon aus, dass dies immer mit Blick auf die Sicherstellung der Tätigkeit in der Praxis passiert. Wichtig ist mir, in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass auch dann, wenn mehr Ärzte für das Impfen benötigt werden sollten, immer die ärztliche Versorgung der Berliner Bevölkerung gesichert sein muss. Hier hoffen wir sehr auf die Kooperation mit der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit.

Ist die derzeitige Impfstrategie die richtige?

Da bisher nur der Biontech-Impfstoff eingesetzt werden kann und dieser eine entsprechende Kühlung benötigt, können wir aktuell nur in den Impfzentren und mit den mobilen Teams impfen. Sobald ein Impfstoff zugelassen wird, der weniger empfindlich ist, kann und muss in den Praxen geimpft werden. Das würde den Prozess enorm erleichtern und massiv beschleunigen, da es die Niedergelassenen gewohnt sind, regelmäßig viele Menschen zu impfen. Nur durch eine massenhafte Impfung in den Praxen werden wir es schaffen, innerhalb kürzester Zeit die Bevölkerung zu schützen.