Berlin - Ausgerechnet Monopoly. Vor dem Frühstück. Ich habe es einige Male ausprobiert, mit Kindern Monopoly zu spielen. Seitdem weigere ich mich. Danach waren immer alle schlecht drauf. Wenn nicht schon vorher abgebrochen werden musste. Weil Scheine flogen, Tränen sprühten – oder mindestens Lippen zitterten –, Freundschaften kurzfristig wackelten. Es ist doch so: Beim Monopoly verlieren stellt selbst diejenigen auf die Probe, die sonst ganz gut verlieren können. 

Es muss daran liegen, dass auch Kinder schon wissen, oder zumindest ahnen, wie ähnlich dieses Spiel der Welt da draußen ist. Man verliert nicht einfach. Man wird vernichtet. Und kann, einmal blank, nicht mehr mitspielen. Und: Irgendwer hat immer viel mehr. Und dadurch Macht.

Das Kind und das Übernachtungskind bauen dennoch morgens um neun das Brett auf und verteilen Scheine. Nach einer knappen Stunde hat das eine Kind alle Bahnhöfe, diverse Straßenzüge mit Häusern darauf und jede Menge Kohle vor sich. Das andere kam vor lauter Mietzahlungen noch nicht zum Bauen und zählt sein kümmerliches Guthaben lieber nicht. Die Stimmung ist aber noch stabil und nach dem Frühstück klappern wieder die Würfel.

Monopoly-Weltordnung: Regelbrüche in der Realität 

Als ich nach einer weiteren Stunde am Tisch vorbeikomme wird immer noch gezogen und verhandelt. „Neue Runde?“ frage ich und sehe dann erst die dicken Hotels, die nun die teuersten Straßen „zieren“. „Nein, immer noch die erste“ tönt es zweistimmig. Ich frage, wie das denn möglich sei, einer sei doch schon fast pleite gewesen. Wie er denn überlebe, zwischen den teuren Mieten, den Bahnhöfen in Privatbesitz und nicht mal genug Geld für Strom und Wasser?

„Wir spielen jetzt anders“, beginnt eine längere Erklärung, in deren Folge ich erfahre, dass Kind 2 vorläufig von den Zahlungen befreit ist, wenn es auf den Hotels von Kind 1 landet. Nur die günstigen Hausmieten müsse es bezahlen, und auch da hänge es vom aktuellen Barbestand ab. An den Bahnhöfen werde sowieso nicht kassiert. Die Begründung: „Wir wollen nicht, dass das Spiel zu Ende ist.“

Was alles möglich ist, wenn das Vergnügen das Profitstreben aussticht, denke ich. Und: Vielleicht ist Monopoly richtig, das heißt: mit Herz und Phantasie gespielt, doch nicht so nah am echten Leben. Weil man die Regeln in der Stadt da draußen und in der Welt eben nicht einfach ändern kann. Oder doch? Vielleicht nicht gleich das ganze System. Aber im Kleinen? Damit möglichst viele mitspielen können, keiner rausfliegt, nur weil er Würfelpech hatte oder einen Fehler gemacht hat?

Während ich den Gedanken fortspinne, mir etliche Beispiele einfallen für solch wunderschöne Regelbrüche in der Realität und ich mich frage, wie umgreifend sie seien müssten, um die vorhandene Monopoly-Weltordnung als so untauglich bloßzustellen, dass sie in sich zusammenkracht, geht die Partie der Kinder über vier Stunden. Es gab keinen Verlierer, sondern nur Sieger.