Im Süden sieht man sie überall. In Berlin manchmal, in Parks. Oder vor Kiosken. In Neukölln gab es früher viele von ihnen. Menschen, die auf Stühlen oder Bänken sitzen und nichts tun. Jedenfalls nicht sichtbar. Denn sehr wahrscheinlich ist es ja so: Sie denken, oder spüren einem Gefühl nach. Betrachten die Umgebung, beobachten Menschen oder wühlen in Erinnerungen. Womöglich schreibt einer ein Gedicht, innerlich. Ich schreibe „einer“, weil diese Menschen, die scheinbar nichts tun, meistens Männer sind, oft sind sie alt. Junge Menschen und Frauen, die einfach sitzen, sieht man seltener.

„Einfach sitzen“. Der Ausdruck schwindelt. Einfach sitzen erfordert mehr Konzentration als im Gehen eine Mail zu schreiben. Mehr innere Balance als Yoga. Deswegen können es wahrscheinlich alte Menschen besser. Die haben nicht mehr so sehr dass Gefühl, etwas tun zu müssen oder wenigstens beschäftigt auszusehen, besser noch überbeschäftigt, schwer in Eile. Stress ist hip, Muße riecht nach Faulheit, Hartz IV oder Bohème-Schnöseltum. Wahrscheinlich deswegen wird Nichtstun auch als „Zeit totschlagen“ bezeichnet.

Der Zeit beim Vergehen zuschauen

Was für eine dumme und falsche Redewendung. Als könnte man die Zeit plattmachen wie eine Fliege. Die lacht sich kaputt, nur beim Versuch. Wir kriegen sie ja nicht einmal gedanklich in den Griff, und Uhren und Kalender sind ihr egal. Sie macht was sie will, vergeht mal langsam und mal schnell und meistens genauso, wie wir es gerade nicht wollen.

Auch klingt der Ausdruck nach Verbrechen. Als lade man schwere Schuld auf sich, wenn man der Zeit beim Vergehen zusieht. Dabei kann man, während man das tut, keine Dummheiten anstellen. Keine falschen Entscheidungen treffen. Niemandem wehtun. Keine Natur zerstören, überhaupt nichts kaputtmachen. Man kann in der Zeit kein schlechtes Buch lesen (oder gar schreiben), nichts Hirnloses sagen, kein Geld ausgeben, oft auch hirnlos.

Auf dem Land ist die Luft schöner

Also, warum hat das Scheinbarnichtstun einen so schlechten Ruf? Wahrscheinlich, weil alle wissen, wie sauschwer es fällt. Aber bevor man das zugibt, lästert man lieber. Nennt man es aber „Der-Zeit-beim-Vergehen-zusehen“ statt „Zeit totschlagen“, hat man schon eine kleine Anleitung, wie es geht. Man kann eine Uhr anstarren. Viel schöner: Der Sonne beim Wandern zusehen – streng genommen der Erde –, aber das macht es nur kompliziert, denn wie soll man einer Sache zusehen, auf der man sitzt? Eben.

Man kann beobachten, wie sich die Tätigkeiten und Frisuren der Menschen im Laufe des Tages der Uhrzeit anpassen. Man kann der Luft nachspüren, der Temperatur, kann zu Kenntnis nehmen, wie sich der Mittag aufplustert und merken, wie sich der Abend leise regt. Sehen, wie sich Farben ändern. Das geht auf dem Land besser als in der Stadt, wo die Luft oft steht und alles überbunt ist oder grau. Aber es klappt auch hier. Man kann es üben. Und dann ein Gedicht schreiben. Über die Lebendigkeit nicht vertaner Zeit. Sie ist nicht totzukriegen.