Potsdam - Wer in diese Klinik im Potsdamer Hauptbahnhof will, muss ein wenig suchen. Werbung hängt nicht groß draußen am Haus. Das Potsdamer Kinderwunschzentrum befindet sich im fünften Stock des Bahnhofs. Verkehrsmäßig ist das eine perfekte Lage, und dazu gibt’s auch noch beste Sicht auf das neue Stadtschloss mit dem Landtag. Das ist aber nicht das Wichtigste für die Leute, die hierher kommen. Meist sind es Frauen, die auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können und auf ärztliche Hilfe hoffen. Neuerdings kommen aber auch andere Patientinnen in Brandenburgs einzige Kinderwunschklinik.

Julia Deyer ist aus Berlin angereist. Die 34-jährige Naturwissenschaftlerin hat sich noch nicht ausgiebig untersuchen lassen, ob sie Kinder bekommen kann. Ihr geht es um etwas anderes: Sie weiß, dass sie im Moment keine Kinder will. „Ich habe mich für Social Freezing entschieden. Schon lange vor der großen Debatte vor ein paar Monaten.“

Jährlich 300 Euro für die Lagerung

Mit Social Freezing ist eine medizinische Möglichkeit gemeint, die vor einiger Zeit bundesweit die Gemüter bewegte und sehr heftig diskutiert wurde. Es geht darum, dass Frauen in jungen Jahren vorsorglich Eizellen einfrieren lassen, um später die Möglichkeit zu haben, Kinder zu bekommen. Die Debatte wurde sehr kontrovers geführt, denn in den USA übernehmen einige Firmen für ihre Mitarbeiterinnen die Kosten, damit die Frauen erst einmal Karrieren machen können.

„Bei uns in Deutschland ist es ein wenig anders“, sagt Kay-Thomas Moeller, Chef des Potsdamer Kinderwunschzentrums. Bislang frieren hierzulande vor allem solche Frauen vorsorglich ihre Eizellen ein, die an Krebs erkrankt sind. Denn die Gefahr ist sehr hoch, dass sie nach der Chemotherapie keine Kinder bekommen können.

„Für mich gab es nie die Frage: Kinder – Ja oder Nein“, sagt Julia Deyer. „Ich wollte immer Kinder.“ Sie stehe auch nicht vor der Entscheidung: Kind oder Karriere. „Ich will nicht einfach ein Kind von irgendjemandem, sondern eine Familie gründen. Aber dafür fehlt mir derzeit der Mann.“ Ihr latenter Kinderwunsch werde immer präsenter, je mehr Freunde eine Familie gründen. Das Ganze sei natürlich auch eine Geldfrage. Sie muss nun einige Tage lang Hormone nehmen, damit in diesem Zyklus möglichst viele Eizellen für die Entnahme bereitstehen. Behandlung und der Eingriff kosten zusammen etwa 4000 Euro.

Dazu kommen jährlich 300 Euro für die Lagerung der Eizellen. „Andere kaufen sich alle paar Jahre ein neues Auto oder machen teure Fernreisen“, sagt sie. Sie habe bewusst diese Klinik ausgewählt, weil die mit der Hochsicherheitslagerung für Eizellen in Rostock zusammenarbeitet. „Es geht um Sicherheit und Vertrauen“, sagt Julia Deyer.

Meist ist es so, dass die eingefrorenen Eier in den einzelnen Kinderwunschzentren gelagert werden. Das findet Klinikchef Moeller nicht optimal: „Die gehören in einen Hochsicherheitstrakt.“ Seine Klinik habe sich bewusst dagegen entschieden, mit dem Einfrieren Geld verdienen zu wollen. „Wir machen hier nur die ärztliche Behandlung. Die Eier gehen dann nach Rostock.“

Die dortige Firma Seracell, eine Ausgründung der Uni Rostock, baut seit Herbst 2014 so etwas wie das erste zentrale bundesweite Sicherheitslager für Eizellen auf. „Die Klinik in Potsdam war unser erster Partner,“ sagt Mathias Freund, der Medizinische Direktor von Seracell. „Wir haben die Potsdamer ausgewählt wegen der sehr guten menschlichen und fachlichen Kompetenz.“ Es wird inzwischen auch mit einer Klinik in Rostock zusammengearbeitet, und es gibt Verhandlungen mit Kliniken in Berlin, Wiesbaden und Düsseldorf.

Damit die Eier auch nach dem Auftauen erfolgreich befruchtet werden können, muss sichergestellt werden, dass die mit flüssigem Stickstoff eingefrorenen Zellen nach der Entnahme sowie beim Transport und bei der möglicherweise jahrelangen Lagerung nie auftauen oder auch nur leicht antauen.

„Es wird dafür gesorgt, dass der Stickstoff für die Kühlung immer automatisch nachgefüllt wird“, sagt Freund. Es gebe nicht nur eine elektronische Überwachung, sondern auch einen menschlichen 24-Stunden-Dienst für Störfälle wie zum Beispiel mögliche Stromausfälle.

Für Julia Deyer soll das Einfrieren nur eine Art Versicherung sein. „Ich glaube natürlich, dass ich die eingefrorenen Eizellen nicht benötige“, sagt sie, „sondern dem richtigen Mann bald begegnen werde.“