Berlin - Diese Fenster waren es, da ist sich Martina Blankenfeld sicher. Hinter diesen Fenstern war sie vor fast 40 Jahren eingesperrt. Hier wurde die damals 15-Jährige in einer DDR-Klinik drei Wochen von Ärzten und Schwestern erniedrigt. Dickes Milchglas und Stahlgitter schirmten sie von der Außenwelt ab.

Martina Blankenfeld, heute 54 Jahre alt, steht vor der ehemaligen geschlossenen Station für Geschlechtskranke in Buch im Norden Berlins. Sie erinnert sich: Als Mädchen hatte sie versucht, sich umzubringen. Sie kam ins Kinderkrankenhaus. Von dort brachten Mitarbeiter des Jugendamts sie nach Buch, ohne dass sie wusste, was mit ihr geschah. Geschlechtskrank sei sie nie gewesen, sagt sie.

Was Martina Blankenfeld 1978 erlebte, hatte in der DDR System. Bis zur Wende 1989/90 wurden in den sogenannten geschlossenen venerologischen Stationen Tausende Mädchen und Frauen wegen angeblicher Geschlechtskrankheiten eingesperrt.

In nahezu allen größeren Städten gab es die Abteilungen: in Halle, Leipzig, Erfurt, Gera, Dresden, Rostock, Schwerin, Frankfurt an der Oder und eben Berlin. Nur jede dritte eingewiesene Frau war wirklich krank. Das schrieben behandelnde Ärzte schon in den Siebzigerjahren in einer Fachpublikation.

Tägliche Demütigungen auf dem gynäkologischen Stuhl

Blankenfeld - lange schwarze Haare mit weißen Strähnen in der Stirn, tiefe Raucherstimme - macht es heute nichts mehr aus, nach Buch zurückzukehren. Mit ihrem Hund Max steht sie auf dem ehemaligen Klinikareal. In den herrschaftlichen ehemaligen Krankenhausgebäuden wohnen Familien. Kinder spielen auf den breiten Alleen. An die Scheiben der früheren geschlossenen Abteilung in Haus 14 hat jemand Eisblumen aus Papier geklebt.

Auch wenn an diesem Ort nichts mehr von ihrem Leid zeugt: Blankenfeld erinnert sich genau. An das Eingepfercht-Sein im Sechsbett-Zimmer, an die festgeschraubten Betten, an die tägliche Demütigung auf dem gynäkologischen Stuhl. „Du bist stets in so einer Bedrohung, du kannst nicht nein sagen, du musst das irgendwie aushalten“, sagt sie.

Jeden Tag um sechs Uhr hieß es aufstellen zur Untersuchung. Gesunden wie Kranken wurden vor den Augen der anderen Abstriche entnommen - eine Praxis, die auch schon nach damaligem Wissensstand unsinnig war.

„Ich habe nichts und weiß auch nicht, woher!“, habe sie den Schwestern damals gesagt. Ihre Einwände wurden ignoriert. Das Jugendamt schrieb über sie: „Es bestehen häufig wechselnde sexuelle Kontakte.“ Und das, obwohl sie damals noch nie mit einem Freund geschlafen hatte, wie Martina Blankenfeld erzählt. Der Stiefvater allerdings hatte sie als Kind missbraucht.

Zur Strafe auf dem Hocker schlafen

Was treibt einen Staat dazu, massenhaft Mädchen und Frauen wochenlang und auch ohne medizinischen Grund in Stationen für Geschlechtskranke zu sperren?

Der Medizinhistoriker Florian Steger hat die Abteilungen erforscht, mit Dutzenden Betroffenen gesprochen und zwei Bücher zum Thema veröffentlicht. Sein Ergebnis: „Es ging darum, Frauen, die nicht das Idealbild der DDR erfüllten, mit einem sehr restriktiven Reglement, was Belohnung und Bestrafung kannte, zu disziplinieren.“

In manchen Stationen standen die Strafen sogar in der Hausordnung. In Halle an der Saale beispielsweise mussten Frauen, die nicht gehorchten, die Nacht auf einem Hocker im Flur verbringen. Sie wurden allein in eine Zelle gesperrt oder bekamen nichts zu essen.

Im DDR-weiten Schnitt waren die Eingewiesenen 22 Jahre alt, die jüngsten waren 12. Die täglichen gynäkologischen Untersuchungen wurden häufig mit Absicht grob durchgeführt. Zu Erziehungszwecken. Die Frauen bekamen Medikamente, ohne zu wissen, wogegen. Auf eine Entschädigung warten die meisten Insassinnen noch heute.

Rabiates Vorgehen gegen Syphilis und Gonorrhö

Dass streng gegen Geschlechtskrankheiten vorgegangen wurde, war in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nichts Ungewöhnliches. Die Angst vor Gonorrhö und Syphilis, die unbehandelt zu Lähmungen führen kann, saß tief. Die Besatzungsmächte ergriffen daher überall in Deutschland Maßnahmen, um die Ansteckungen einzudämmen.

In der Sowjetischen Zone - der späteren DDR - wurden zwischen 1945 und 1947 die rechtlichen Grundlagen für die Zwangsbehandlung von Geschlechtskranken in geschlossenen Stationen geschaffen.
Diese Abteilungen sollten aber das allerletzte Mittel sein - zum Beispiel für Menschen, die eine Behandlung verweigerten. So stand es später auch im DDR-Recht. Doch die Gesetze wurden regelmäßig gebrochen, sagt Steger in seinem Büro am Institut für Medizingeschichte in Ulm, wo er seit vergangenem Sommer lehrt.