Die Einheitswippe soll direkt vor dem neuen Schloss entstehen.
Foto: AFP/Milla & Partner

BerlinWenige Tage nachdem bekannt wurde, dass sich die Arbeiten auf der Schloss-Baustelle in Mitte wegen der Corona-Pandemie verzögern, haben am Dienstag direkt daneben die Arbeiten für ein weiteres Bauprojekt begonnen: für das umstrittene Freiheits- und Einheitsdenkmal an der Schlossfreiheit.

Während sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erleichtert zeigt, dass nun „endlich mit dem Bau des Freiheits- und Einheitsdenkmals begonnen werden kann“, hagelt es Kritik von vielen Seiten. „Wir protestieren gegen diesen Baubeginn und gegen die Realisierung des Denkmals“, sagt Annette Ahme, Vorsitzende des Vereins Berliner Historische Mitte. „Dieses Denkmal passt nicht mehr in die Zeit.“ Angesichts der Corona-Krise täten sich riesige Haushaltslöcher auf. Die Kulturstaatsministerin sollte das Geld für das Projekt – 17,12 Millionen Euro – lieber nehmen „und an bedürftige Künstler verteilen“.

Hinzu komme, dass das Denkmal für den Betrieb im Winter mit einer Bodenheizung ausgestattet werden soll. Das bedeute, dass man in die Luft heize. Das sei „klimatologisch aus der Zeit gefallen“. Die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch (Linke) sieht es ähnlich. „Der Bundesregierung ist jedes Gefühl für Prioritäten abhanden gekommen“, bemängelt Lötzsch. „In der Corona-Krise fehlen Bauarbeiter an allen Ecken und Enden.“ In dieser Situation, ein „völlig überholtes Konzept zu realisieren, zeigt die Ignoranz der Bundesregierung gegenüber der Wirklichkeit“, kritisiert Lötzsch.

Begehbare Schale

Das Freiheits- und Einheitsdenkmal soll nach Plänen des Büros Milla & Partner entstehen. Der Entwurf mit dem Titel „Bürger in Bewegung“ sieht den Bau einer begehbaren Schale als Verkörperung einer Bürgerbewegung vor. Die Schale soll sich, je nachdem, wie die Personen darauf stehen, in die eine oder andere Richtung bewegen.

Errichtet werden soll das Denkmal auf dem Sockel des früheren Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals, das denkmalgeschützt ist. Zwar gibt es seit 2015 eine Baugenehmigung für das Projekt, die im September vergangenen Jahres verlängert worden ist, doch machen Denkmalschützer trotzdem Bedenken geltend. Denn zum einen soll die Einheitswippe auf dicken Betonpfeilern durch den historischen Sockel des früheren Nationaldenkmals hindurch befestigt werden. Zum anderen will der Bund nach Angaben der Denkmalschützer historische Mosaike, die zwischenzeitlich dort geborgen wurden, nicht wieder einbauen.

„Gegen die beabsichtigten Eingriffe in den denkmalgeschützten kaiserzeitlichen Denkmalsockel und den beabsichtigten Verzicht auf die Rückführung der zu ihrer Restaurierung geborgenen, gut erhaltenen und kunsthistorisch wertvollen Mosaike auf den Sockel bestehen aus der Sicht des Landesdenkmalamtes erhebliche denkmalpflegerische Bedenken“, teilte die Senatsverwaltung für Kultur am Dienstag mit. Die Gründung und Verankerung des Freiheits- und Einheitsdenkmals führe zu „weitreichenden Abbrüchen des Denkmalsockels und dadurch zu unersetzlichen Verlusten an Authentizität, Substanz und Qualität des Denkmalsockels“. Dies sei umso bedauerlicher, als der Denkmalsockel neben den Resten der Schlosskeller das einzige in seiner originalen Substanz erhaltene Gebäudefragment des ehemaligen Schlosskomplexes sei.

Immerhin: Über die Zukunft der Fledermäuse im historischen Sockel gibt es nach Angaben der Kulturstaatsministerin und der Senatsumweltverwaltung eine Einigung. Die Fledermäuse sollen während der Bauarbeiten an nahe gelegenen Brückenbauwerken unterkommen und nach dem Bauende wieder in das Sockelgewölbe zurückkehren können. Das Büro Milla & Partner verteidigt den Baustart mitten in der Corona-Krise und erklärt, es freue sich, „einen kleinen Beitrag zur Stabilisierung der Wirtschaft leisten“ zu können. Lieferketten seien nicht bedroht. Es gehe davon aus, dass das Denkmal in eineinhalb Jahren fertiggestellt werde und wohl in zwei Jahren eröffnet werden könne.

Anderer Standort vorgeschlagen

Während die Kulturstaatsministerin hofft, dass das Denkmal nach seiner Fertigstellung „breite Akzeptanz“ erfährt, mag sich Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss, mit dem Projekt nicht anfreunden. „Ich bin traurig, dass das Denkmal jetzt doch gebaut wird“, sagt er.

Wenn ein solches Denkmal schon entstehen soll, dann wäre der geeignete Platz dafür zwischen dem Bundeskanzleramt und dem Paul-Löbe-Haus des Bundestags. Von Boddien: „Weil es Abgeordnete und Regierung daran erinnern würde, was das höchste Gut unserer Demokratie ist: Freiheit und Einheit.“