Mobile Teams sollen Blutproben vom Finger sowie Rachenabstriche oder Spuckproben nehmen.
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BerlinWie und wann können Kinder wieder regulär in Schulen und Kindergärten gehen, vielleicht sogar ganz ohne Abstand? Diese Frage zählt derzeit zu den umstrittensten in der Politik. Die Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und den mit Schulschließungen verbundenen gravierenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen fällt der Politik schwer. Auch, weil bisher belastbare Studien dazu fehlen, wie groß die Gefahr durch das Coronavirus für Kinder und wie groß die Ansteckungsgefahr für ihr Umfeld genau sind.

Wie andere Landesregierungen will der Berliner Senat diese Leerstelle mit einer Studie und gezielten Testungen von Kindern und Jugendlichen beseitigen. Von diesem Montag an, 8. Juni, sollen sich zunächst Lehrkräfte und Erzieherinnen von 24 Schulen und 24 Kindertagesstätten an Untersuchungszentren in der Charité testen lassen.  Ab Mitte Juni – ein genaues Datum steht noch nicht fest – sollen dann für eine Langzeitstudie an 24 weiteren Schulen je fünf Lehrkräfte und 20 Kinder, insgesamt also 480 Kinder, von mobilen Teams der Charité getestet werden. Das teilte die Senatskanzlei Wissenschaft mit.

Die Teams nehmen Rachenabstriche oder Spuckproben, auch eine Blutabnahme am Finger für einen Antikörper-Test ist bei den Teilnehmern vorgesehen. So sieht es die 19-seitige Teststrategie vor, die von Experten der Charité und Vivantes erarbeitet wurde. Sie liegt der Berliner Zeitung vor.

Viele Details aber sind weiter unklar. Auch an 24 Kitas sollen Kinder getestet werden, dafür steht ein Starttermin aber noch nicht fest. Die Tests seien „für die Sommerferien, angepasst an die Schließzeiten“ geplant, teilte Matthias Kuder, Sprecher der Senatskanzlei Wissenschaft, am Freitag auf Nachfrage der Berliner Zeitung mit. Die „finale Personalplanung der Charité“ stehe noch nicht, wie viel Personal aufgewendet werden müsse, wisse man also nicht. Die 24 Schulen für das Screening der Lehrkräfte seien zwar ausgewählt und informiert worden, ebenso die 24 Schulen für die Kinderstudie. Aber: „Es sind noch nicht alle Antworten eingegangen.“ Neben den Schulleitungen müssten außerdem noch die Erziehungsberechtigten und die 480 teilnehmenden Schüler selbst der Studie zustimmen.

Schon dass die Schulleitungen zustimmen, ist keine Selbstverständlichkeit. Laut Kuder gab es Schulen, die als Studienteilnehmer angefragt wurden, aber abgelehnt haben. Wie oft das passiert sei, lasse sich noch nicht sagen, die Charité warte mit der Auswertung der Zahlen, bis alle Rückmeldungen da seien.

Wie wichtig ist die Studie für Senat und Verwaltung in der Frage der Schulöffnungen? Die Kindertest-Studie sei für ein Jahr angesetzt, so Kuder. Die erste Testung erfolge vor den Sommerferien, die zweite danach. „Basierend auf den Ergebnissen werden Empfehlungen geäußert.“ Martin Klesmann, Sprecher der Bildungsverwaltung, sagte der Berliner Zeitung, die Studie sei insofern wichtig, als sie „mehr Sicherheit gibt und Infektionsrisiken stärker ausgeschlossen werden können“.

NRW öffnet Grundschulen für Regelbetrieb ab 15. Juni, Berlin will warten

Während Berlin noch an seiner Teststrategie feilt, wollen andere Bundesländer noch vor den Sommerferien zum Regelbetrieb zurückkehren. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel sollen ab dem 15. Juni wieder alle Grundschüler täglich zur Schule gehen. Das kündigte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Freitag in Düsseldorf an. Es könne wieder im normalen Klassenverband unterrichtet werden. Niedersachsen will vom 15. Juni an alle Jahrgänge wieder zum Unterricht in die Schulen zurückholen.

Elternvertreter in Nordrhein-Westfalen freuten sich am Freitag nicht über die überraschende Nachricht. Für Grundschüler und Eltern sei mit der Öffnung kurz vor Beginn der Sommerferien nichts gewonnen, sagte die Vorsitzende der Landeselternkonferenz, Anke Staar, auf dpa-Anfrage. Innerhalb von zehn Tagen könne sich kein normaler Schulrhythmus einstellen. In Nordrhein-Westfalen beginnen die Sommerferien wie in Berlin in diesem Jahr bereits Ende Juni. Es drohe eine „Vollkatastrope“, so Staar, wenn nun ohne Abstandsregeln unterrichtet werden solle. „Dann beginnen die Ferien für viele Familien erst mal mit einer zweiwöchigen Quarantäne.“

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) kündigte am Donnerstag im Abgeordnetenhaus an, dass sie „großes Interesse“ daran habe, nach den Sommerferien wieder zum Regelbetrieb in den Schulen zurückzukehren. „Wir planen entsprechend.“ Einen Beschluss dazu gebe es noch nicht, hieß es aber am Freitag aus der Bildungsverwaltung. Ob die bisherigen Abstandsregeln fallen und welche Regeln künftig gelten sollen, könne man deswegen nicht beantworten.

Für Tim Zeelen, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU, ist die Rückkehr zur Normalität an den Schulen erst nach den Ferien ein klarer Fehler. „Wir sollten jetzt zurück zum Regelunterricht“, sagte er der Berliner Zeitung am Freitag. „Man könnte jetzt noch aus dem Schulalltag lernen, man könnte Probleme erkennen, in den Ferien analysieren und ausräumen.“ Es mache auch keinerlei Unterschied, ob man jetzt öffne oder erst im August: Die Zahl der Lehrer bleibe gleiche, die Raumnot sei dann ebenso groß.

Die Langzeitstudie des Senats sei zu spät gestartet. Man könne mit einer Entscheidung nicht auf ihre Ergebnisse warten. Der Senat solle sich am Infektionsgeschehen orientieren, findet Zeelen, die dafür eigens vom Senat eingerichtete Ampel zeige wieder für alle drei Indikatoren grün. „Öffnen und viel breiter testen als geplant“ empfiehlt Zeelen. In anderen Bundesländern seien Tausende Kinder getestet worden - diese Studien seien wesentlich aussagekräftiger.

Auch Florian Kluckert, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP, forderte im Gespräch mit der Berliner Zeitung am Freitag: „Schickt die Kinder wieder in die Schulen.“ Kinder, vor allem die Jüngeren, seien oft verantwortungsbewusster als Erwachsene. „Mit vernünftigen Konzepten wird das funktionieren.“

Bisher sechs Infizierte in Berliner Schulen seit teilweiser Öffnung

Bisher ist die Zahl von Corona-Meldungen an Berliner Schulen überschaubar: Seit den Schulöffnungen seien drei Lehrkräfte und drei Schüler positiv getestet worden, teilte die Senatsbildungsverwaltung am Freitag auf Nachfrage mit.

Von Trägern von Kindertagesstätten seien in der gesamten Corona-Krise insgesamt 74 Corona-Verdachtsfälle gemeldet worden, von denen „die allermeisten“ sich nicht bestätigten, hieß es weiter. „67 davon betrafen den Zeitraum vor dem 10. April.“ In dieser Phase seien ein Kind, drei Erzieherinnen und 15 Eltern positiv getestet und sieben Kitas ganz oder teilweise wegen Corona geschlossen worden.

Dann sei gut einen Monat lang keine Meldung erfolgt. Seit dem 14. Mai habe es sieben Meldungen gegeben, bei denen ein Kind, eine Erzieherin und ein Vater positiv getestet wurden. „Maßnahmen waren Teil-Quarantäne einer Kindergruppe und in einem Fall vorübergehende Schließung bis zur Klärung des Falls durch die Geschäftsführung.“