Social Distancing kommt einem im leeren Brandenburg plötzlich leicht vor.
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BerlinDer Tag begann mit einer Fahrt Richtung Polen. Tags zuvor hatte Zofia angerufen, eine gute Bekannte. Ihre Stimme klang gedrückt. Sie wolle nach Hause, sagte sie. Nach Polen. Ihr Mann sei schon da, es mache sie nervös, jetzt allein in Berlin zu sein. Ob wir sie zur Grenze bringen könnten? Auf der anderen Seite würde Pjotr warten, ihr Mann.

Als wir am nächsten Morgen vor ihrem Haus in Moabit ankamen, mein Mann, ich, die zwei Kinder und der Hund, stand Zofia schon auf der Straße. Sie sprach davon, wie furchtbar alles sei. „Oh du meine Güte“, sagte sie immer wieder. Und: „Ich bin unter Stress.“ Sie erzählte von Verwandten in England und Italien, die nun alle nach Polen zurückkehren würden. Sie sprach von den geschlossenen Grenzen und was wohl werden würde. Das Coronavirus erwähnte sie nicht einmal. Es war nicht das Virus selbst, das sie so nervös machte. Es war die Art, wie es das Leben veränderte. Ich dachte, dass das womöglich seine gefährlichste Nebenwirkung ist: dass es vielen Menschen jetzt das Gefühl gibt, die Welt sei aus den Fugen, ihnen die Ruhe nimmt und sie verletzlich macht.

Wir fuhren über Landstraßen, draußen zog Brandenburg vorbei, flach und leer. Im Radio hörten wir von 50 Kilometer langen Staus Richtung Polen. Auf der Strecke, die wir herausgesucht hatten, zeigte Googlemaps freie Fahrt an. Je näher wir Küstrin-Kietz kamen, einem Grenzübergang nur für Pkw und Personen, desto leerer wurde es. Am Ende waren da nur wir und sechs Polizisten, die uns freundlich weiterwinkten.

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An der Brücke, hinter der Polen begann, warteten ein paar Autos. Wir hielten hinter dem letzten und ließen Zofia aussteigen. Pjotr rief an, er könne uns von der anderen Seite sehen. Wir blickten Zofia hinterher. Eine kleine Frau mit einem großen Rollkoffer, auf dem Weg zu einer Grenze, die sie passieren konnte, weil sie Polin war. Wir aber nicht, weil wir Deutsche waren. Ich merkte, dass es mich auch packte, dieses Gefühl, dass die Dinge nicht mehr waren, wie sie sein sollten.

Wir fuhren weiter in unser Häuschen auf dem Land, das jetzt näher war als Berlin. Ich packte meine zwei Computer aus, loggte mich ins Redaktionssystem ein und schrieb einen Text darüber, ob man immun ist, wenn man das Coronavirus hatte. Ich sah aus dem Fenster, vor mir lag der Wald. Nach der Arbeit ging ich mit dem Hund spazieren, ich traf niemanden. „Social Distancing“ ist in Brandenburg ganz normal. Und im Wald verschwand meine Unruhe. Ich überlegte, ob man den Berlinern statt der drohenden Ausgangssperre nicht Ausflüge in die Wälder verordnen sollte. Brandenburg ist so leer, sie würden sich gar nicht begegnen. Keine Ansteckungsgefahr. Natur kann das, innere Ruhe geben. Wahrscheinlich brauchen wir die jetzt am allermeisten.