Berlin - Plötzlich ist es still. Der Fahrstuhl hatte gerade auf der Fahrt in den zehnten Stock noch laut gepoltert, er ist alt. „Sprechen Sie Türkisch?“, hatte eine Frau darin gefragt. Dann einfach begonnen zu erzählen: Sie sei Lehrerin, seit 18 Jahren in Deutschland, spreche aber immer noch nicht ganz fließend Deutsch. Hach, und – kleiner Themensprung – was für ein Wetter! Laut und herzlich hatte sie gelacht.

Vor der Tür brüllten sich Männer etwas zu, vorn auf dem Platz am U-Bahnhof Kottbusser Tor stritt ein Betrunkener lautstark mit vier Polizisten. Kinder rannten, Absätze klackerten, Autos hupten, die U-Bahn ratterte. „Willkommen zur Kreuzberg-Tour“, rief ein Guide, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Nun, hier oben: Nur noch dumpfes Rauschen, als wäre all das weit weg. Gerade ist die Tür hinter mir ins Schloss gefallen. Ich stehe in der Wohnung einer Bekannten im Zentrum Kreuzberg, dem markanten weißen Brückenbau aus den 70er-Jahren, den viele immer noch Neues Kreuzberger Zentrum oder schlicht NKZ nennen, obwohl er lange nicht mehr so heißt. Eine Woche werde ich hier wohnen. Einmal ausatmen, ein Schritt ans Fenster.

Rechts sehe ich den Welt-Ballon über dem Potsdamer Platz schweben, links schiebt sich das Hotel Estrel wie ein Schiff in den Horizont. Etwa 30 Meter weiter unten liegt alles, was diesen Ort, dieses Haus, immer wieder in die Schlagzeilen bringt. Polizisten, Dealer, Junkies und Trinker stehen dort, Touristen, Hipster und Dönerverkäufer. Frauen am Stock und welche mit Kopftuch, andere mit Stöckelschuhen oder Kinderwagen. Männer mit Bomberjacken, eine Gruppe verkleideter Jungs, Herren mit grauen Schnäuzern und Typen mit ausrasierten Schläfen. Gerade zieht eine Demo die Straße entlang. Wofür? Wogegen? Ich höre es nicht.

Die Menschen dort unten fügen sich wie in einem Puzzle zusammen. Es zeigt ein Bild, vielfältig und typisch für Berlin. Aber auch eins, das die drängenden Fragen der Stadt aufwirft. Fragen nach knappem Raum und wie er genutzt werden sollte, nach Kriminalität, Integration, Tourismus und dem Ausverkauf der Stadt. Neben mir, wo sich das Gebäude wie eine Banane über die Adalbertstraße krümmt, hängt noch ein Protestplakat im Fenster: „Wir bleiben alle“, steht da. Erst vor drei Wochen haben die rund 1200 Mieter erfahren, dass der Verkauf des Hauses an einen privaten Investor abgewendet ist. Dass sie gewonnen haben im Kampf um ihre 295 Sozialwohnungen, wieder einmal.

Dutzende Millionen an Fördergeldern für das Zentrum Kreuzberg

„Diesmal war es so ernst wie nie“, sagt Mona Barthelmeß. Die 74-Jährige muss es wissen, schließlich wohnt sie seit 40 Jahren im Haus. Wir haben uns verabredet. Der Weg zu ihrer Wohnung ist im Flur auf einer Tafel aufgezeichnet, fast wie auf einer Landkarte: links, rechts, durch eine Tür, dann zwei halbe Treppen hoch. „Ich habe wie Rumpelstilzchen getanzt, als die Stadt den Zuschlag für das Haus bekommen hat“, sagt Mona Barthelmeß. Das glaubt man der flippigen Person sofort. Der Protest halte sie jung, sagt Barthelmeß, die die Haare kurz und die Fingernägel gern in allen Farben des Regenbogens trägt.

Der Kauf des Kreuzberger Zentrums durch die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag gilt als ein Meilenstein der neuen Wohnungspolitik des Senats. Doch der Bau verkörpert gleichzeitig die teuren Fehler der Vergangenheit. Im West-Berlin der 60er- und 70er-Jahre konnten wohlhabende Anleger ihre Bau-Investitionen bequem über Steuereinsparungen refinanzieren. Zusätzlich flossen jahrzehntelang Dutzende Millionen an Fördergeldern in das Zentrum Kreuzberg.

„Dann kamen die Hausbesetzungen und Krawalle“

Viel verstanden habe sie von Finanzdingen nie, sagt Mona Barthelmeß. Bei ihrem Einzug 1977 arbeitete sie als Drogistin. „Auf der Straße hat man mir damals die Sofakissen geklaut – ich habe sie Jahre später auf der Couch einer Nachbarin wiederentdeckt.“ Sie lacht. Frisch gestrichen sei das Haus gewesen, es war ja erst 1974 eröffnet worden, mit Linoleum in den Laubengängen und einem eigenen Bad in jeder Wohnung. Doch bereits kurze Zeit später musste die NKZ-Gesellschaft zum ersten Mal beinahe Insolvenz anmelden. Anfang der 80er-Jahre standen viele Gewerbeflächen leer, in den Treppenhäusern stapelte sich Müll, die Gänge und Spielplätze glichen einem öffentlichen Abort.

„Dann kamen die Hausbesetzungen und Krawalle“, erinnert sich Mona Barthelmeß. Vom Balkon aus sah sie die Barrikaden brennen, als sich Linke Ausschreitungen mit der Polizei lieferten. Sie hatte Angst um sich und ihre drei Kinder. „Einmal umzingelten Demonstranten einen Polizisten, der zog eine Waffe. Ich dachte: Wenn der jetzt die Nerven verliert! “ Doch bis zum ersten Toten, den Mona Barthelmeß vom Balkon aus sehen sollte, würde es rund noch 30 Jahre dauern.

Erst Krawalle, dann Junkies

In den 90ern wuchs die Junkieszene am Kottbusser Tor, immer öfter stolperte Mona Barthelmeß im Treppenhaus über bewusstlose Menschen. 1998 forderten Politiker, das NKZ zu sprengen. Doch ein neuer Geschäftsführer und neue Hausverwalterinnen schafften die Trendwende. Sie hängten 200 Papierkörbe auf, bauten einen Spielplatz und ersetzen den ungeliebten Namen NKZ. Sie verhinderten 2004 erneut eine Insolvenz – wenn auch abermals durch Finanzzugeständnisse von der Stadt.

Clubs und Künstler zogen ein, der Kreuzberger Kiez wandelte sich zur hippen Ausgeh-Meile und zum begehrten Wohnquartier. Doch das förderte neue Probleme zutage. „Die Dealer“, sagt Mona Barthelmeß. „Die stehen immer hinten auf dem Spielplatz.“ Kürzlich wollte ihr jemand im U-Bahnhof die Tasche von der Schulter reißen. 2015 stieg die Zahl der Straftaten am Kottbusser Tor derart, dass ein Aufschrei durch die Ladenzeilen ging. Die Polizei verstärkte ihre Präsenz. Doch der Kotti ist schwer in den Griff zu bekommen. Erst im vergangenen September wurde in einem Durchgang vor dem Zentrum Kreuzberg ein Mann erschossen – Mona Barthelmeß’ erster Toter.

Daran denke ich, als ich von meiner Nachbarin nach Hause gehe. Sie wisse nicht, wohin ihr Kiez mit dem Hausverkauf, der Polizeistrategie oder dem neuen Senat kippe, sagte sie. „Wir stehen an einem Scheideweg – und zwar eigentlich dauerhaft, seit 40 Jahren.“