Häusliche Gewalt. (Symbolbild)
Foto: dpa/Maurizio Gambarini

BerlinDie Berliner Polizei verzeichnet in der Corona-Krise eine steigende Zahl von Notrufen und Funkwageneinsätzen wegen häuslicher Gewalt. Vom 16. März bis zum 19. April hatte die Polizei 1.519 Funkwageneinsätze wegen häuslicher Gewalt nach eingegangenen Notrufen. Im Vergleichszeitraum 2019 waren es nur 1139 Funkwageneinsätze. Das ist ein Anstieg von rund 33 Prozent.

Die Zahlen gehen aus einem Bericht der Senatsgesundheitsverwaltung in Zusammenarbeit mit der Polizei hervor, der der Berliner Zeitung vorliegt. Der Bericht zieht das Fazit: „Es wird ein Anstieg von häuslicher Gewalt wahrgenommen.“ Ob dieser Anstieg in Zusammenhang mit den in der Corona-Krise erfassten Maßnahmen stünde, könne aber noch nicht gesagt werden. 

Auch die Beratungs-Hotline „Gewalt gegen Frauen“, eine der zentralen Hilfshotlines auf Bundesebene, verzeichnet für den April erstmals in der Corona-Krise eine „steigende Tendenz“: Dort haben die Beratungskontakte am Telefon oder online um etwa 20 Prozent zugenommen, teilte Sprecherin Stefanie Keienburg der Berliner Zeitung am Mittwoch mit. Ob sich daraus eine „stabile Tendenz“ ergebe, sei schwer vorherzusagen. Man beobachte die Lage weiterhin genau.

Auf den ersten Blick unpassend dazu scheint die Zahl der Anzeigen im Bereich häuslicher Gewalt. Denn sie stagniert. Wurden vom 16. März bis zum 19. April im Jahr 2019 von der Polizei 1337 Straftaten im Bereich innerfamiliäre und häusliche Gewalt erfasst, waren es 2020 im Vergleichszeitraum 1376. Das ist ein Anstieg von lediglich zwei Prozentpunkten bei den Anzeigen.

Auch die Zahl der Gewaltschutzanträge am Familiengericht Pankow-Weißensee ist gesunken - um 33 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.  Es ist eines von vier Berliner Familiengerichten. Ein Richter ist hier eigens damit befasst, die Anträge von Frauen und Gewaltopfern zu bearbeiten, die schnell Schutz vor Drohungen oder Gewalttätigkeiten brauchen. Auch eine von einem Paar gemeinsam bewohnte Wohnung können die Richter auf Antrag allein den Gewaltopfern zuweisen. Seien 2020 vom 16. März bis 22. April insgesamt 45 Verfahren nach dem Gewaltschutzgesetz eingeleitet worden, waren es 2019 noch 66, wie die Senatsjustizverwaltung der Berliner Zeitung am Mittwoch mitteilte. 

Justizsenator Dirk Behrendt warnt davor, die Zahl der Anzeigen als Maßstab für die real erlebte Gewalt in Berliner Wohnungen zu nehmen: „Die Zahl der Verfahren hat wenig Aussagekraft über das Ausmaß häuslicher Gewalt“, sagte er der Berliner Zeitung. „sondern zeigt ein rückläufiges Anzeigeverhalten.“

Ein zentrales Problem aus Sicht von Ralf Benzin, Leiter des Kommissariats Delikte an Schutzbefohlenen: „Uns fehlen die Anzeigen, die sonst durch Kitas oder Schulen kommen.“ Benzin ist mit seinem Team für die härtesten Fälle zuständig, in denen Kinder gequält, roh misshandelt oder böswillig vernachlässigt werden. In Normalzeiten machen die Meldungen der Schulen und Kitas zwar nicht das Gros der Anzeigen aus – aber einen Teil. Unzweifelhaft fielen in der Corona-Krise „Leute außerhalb des Hauses weg, die Verletzungen sehen und an die Kinder sich wenden können“, sagt der Kriminalhauptkommissar.

Außerdem verzeichnet Benzin in der Krise ganz neue Gründe für Gewaltausbrüche gegenüber Kindern: In einigen Fällen hätten Eltern versucht, die strengen Ausgangsbeschränkungen bei ihren Kindern „mit heftiger, körperlicher Gewalt durchzusetzen“.

Behrendt wie Benzin bitten die Berliner in der Krise um besondere Aufmerksamkeit. Nachbarn sollten sich melden, wenn sie Zeugen von häuslicher Gewalt in ihrem Haus würden. Und auch Eltern, deren Kinder von Schulfreunden erfahren, dass es in anderen Familien zu Gewalt kommt, sollten zum Hörer greifen, so Benzin.  

Die Öffentlichkeitsarbeit für Hilfshotlines läuft, die Senatsjustizverwaltung hat zuletzt Plakate mit den wichtigsten Nummern an alle Apotheken in Berlin verschickt. So hofft der Senat, die Zielgruppe zu erreichen – und Zustände wie in anderen Ländern zu verhindern. In Italien zum Beispiel ist die Zahl der Frauen, die bei Anti-Gewaltzentren Hilfe suchten, zwischen 2. März und 4. April um 74,5 Prozent gestiegen, die zuständige Ministerin sprach von einem „Notstand im Notstand“.

Hilfe für Betroffene

Frauen: Wer selbst betroffen von Gewalt ist oder Bekannte hat, die in gewalttätigen Beziehungen leben, erreicht die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG e.V.) täglich, 8-23 Uhr, unter 030-6110300. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist auch in der Corona-Krise unter 08000116016 rund um die Uhr besetzt.

Kinder: Die Bildungsverwaltung empfiehlt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die sich um ein Kind Sorgen machen, die Berliner Kinderschutz-Hotline, die 365 Tage im Jahr rund um die Uhr besetzt ist: 030-610066.

Männer: Das Männerbüro Hannover bietet eine Sprechstunde für von Gewalt betroffene Männer an: 0511-1235890