Einsamkeit im Alter: Berliner Seniorendiskothek bringt Menschen zusammen

Frau Müller hat sich einen jungen Mann geangelt. Michael Borge deutet rüber zur Tanzfläche, wo gerade eine Dame mit Bluse und Perlenohringen zu einer Drehung ansetzt. Aus den Lautsprechern singt Teddy Parker über eine Liebschaft in Sevilla: „Bei ihren heißen Küssen, da schlug mein Herz, olé.“ Das war das Jahr 1973. Michael Borge steht hinter dem DJ-Pult, er hat den Song aufgelegt. Der junge Mann, von dem er spricht, ist mindestens 65 Jahre alt.

Einmal pro Woche lädt Borge alte Menschen zu einer Seniorendiskothek. Seit 44 Jahren, immer montags, immer von 14 Uhr bis 17.30 Uhr. Es war in Berlin die erste Veranstaltung ihrer Art und lange auch die einzige. An einem guten Montag ziehen schon einmal 120 Tänzer ihre Kreise im bunten Licht der Scheinwerfer. Für viele ist es der einzige Termin der Woche. Für manche auch das einzige Zusammentreffen mit anderen Menschen.

Heimweh nach einem Ort, den es nicht mehr gibt

Gertrud Hempel ist 90 Jahre alt und will an Heiligabend in ihrer Wohnung in Mariendorf ein Rätsel machen, sagt sie. Sie sitzt an einem Tisch neben der Tanzfläche und summt das Lied mit. Sie hat sich schick gemacht, mit glitzernder Brosche und bestickter Jacke. „Der langsame Walzer ist mein Lieblingstanz“, sagt sie. Aber die Beine wollen nicht mehr so mitmachen, deswegen schaut sie meist nur zu.

Seit 30 Jahren ist Gertrud Hempel Witwe, Kinder hat sie keine. Ihre Geschwister sind verstorben, sie war die jüngste Tochter in der Familie. Die 90-Jährige ist, was in der Großstadt als Stigma gilt, was sich anfühlt wie Heimweh nach einem Ort, den es nicht mehr gibt. Gertrud Hempel ist allein.

„Was nützt es, wenn ich jammere“, sagt sie, eine Frau mit wachen Augen und weißem Bob. „Ich muss niemanden um mich rum haben, um mich wohlzufühlen. Ich habe mich daran gewöhnt.“ Jeden Montag holt ihre Bekannte – Gabriele Müller, die mit dem jungen Tanzpartner – Gertrud Hempel zur Seniorendisko ab und fährt sie um 17.30 Uhr wieder nach Hause.

Ein Forum, das Menschen zusammenbringt

„Wo ist denn mein Peter? “, fragt Michael Borge gerade ins Mikro. „Peter, ich habe ein Lied für dich.“ Borge, 70 Jahre alt, mit Fliege und schimmerndem Samtanzug, kennt fast alle Tänzer persönlich. Das war auch 1974 schon so, als die ersten Seniorendiskos über die Bühne gingen. Damals war Michael Borge gerade einmal 26 Jahre alt – und wollte doch ausschließlich Unterhaltung für alte Menschen machen.

„Eine Schallplatte brachte mich darauf“, erzählt er. „Sie hieß ,Die Seniorendiskothek’ und war voll mit Hits aus den 50ern, etwa von Caterina Valente oder Peter Alexander.“ Borge, der ursprünglich aus Schleswig-Holstein kommt, arbeitete damals als DJ im Berliner Tanzlokal Badewanne. Er wollte sein eigenes Ding machen – und dachte bei einer Disko für Senioren an eine Marktlücke, mit der sich Geld verdienen ließe. Doch er merkte schnell, dass er auch ein Forum geschaffen hatte, das Menschen zusammenbringt.

Gabriele Müller war 60, als sie das erste Mal zur Seniorendisko kam. „Ich war damals wahnsinnig nervös. Ich kam schließlich allein, wusste nicht, ob ich passend angezogen war und die Schritte noch konnte“, erzählt sie. Michael Borge fing sie schon im Treppenhaus ab, hakte sie unter und brachte sie rein. Zwölf Jahre ist das jetzt her, und seitdem kommt sie jeden Montag.

Einigen müsse er die Scheu nehmen, sagt Borge, der hauptberuflich sein ganzes Leben als Musikpromoter für einen Verlag gearbeitet hat. Die Damen sind an vielen Montagen in der Mehrzahl, viele haben jung geheiratet und ihre Männer überlebt. Sie sind in einer Zeit großgeworden, in der Menschen nur paarweise tanzten – wobei der Mann führte. In der Seniorendisko ist es aber immer wieder so, dass auch zwei Frauen gemeinsam tanzen. „Ihnen zeigen, dass ich nicht die Nase rümpfe“, sagt Borge. „Es geht doch um Bewegung, Fitness und Freude.“

„Die Jugend ist die Zukunft. Aber die Alten haben das geschaffen, womit wir heute leben“

Gertrud Hempel glaubt, dass sie ohne das Tanzen niemals so alt geworden wäre. Auch wenn sie heute nur einmal tanzt – mit ihrer Freundin Gabriele Müller. „Den Männern haben wir abgeschworen“, sagt die 90-Jährige lachend. „Die würden wir nicht mehr ertragen.“ Andere Seniorinnen kämen aber sehrwohl auf Partnersuche in die Diskothek.

„Ich stelle mir das schwierig vor“, sagt Gabriele Müller. „Wer sich im Alter allein fühlt, hat kaum Möglichkeiten, andere Leute kennenzulernen.“ Eine Freundin mal sei im Supermarkt angesprochen worden, das sei so eine Masche. „Man erkennt an den Sachen im Einkaufswagen, ob jemand für eine oder zwei Personen einkauft.“ Auch Gabriele Müller lebt allein, hat aber Kinder und einen Enkel in der Stadt.

Immerhin zwei Ehepaare haben bei Michael Borge in 44 Jahren gefunden. Die Anzahl der Todesfälle in der Tanzschule ist höher. Drei Menschen verstarben in der Seniorendisko, einer direkt auf der Tanzfläche. „Von den alten Menschen habe ich gelernt, mit dem Tod umzugehen“, sagt Borge. „Die Trauer ist zwar immer da, wenn jemand aus der Disko stirbt. Aber man muss sie abstreifen, sonst verpasst man sein eigenes Leben.“

Vor dem Älterwerden hat Borge keine Angst. „Eher vor dem Krankwerden“, sagt er nachdenklich. Manchmal beobachte er bei Tänzern, wie schleichend eine Demenz einsetzt. Er versucht dann, so lange wie möglich normal mit den Kranken umzugehen. Trotzdem ist er sich seiner Verantwortung bewusst: „Ich muss die Menschen beim Tanzen im Blick haben und darauf achten, dass niemand stürzt.“

In Deutschland fehlt es an Respekt gegenüber dem Alter, findet Michael Borge. „Zu schnell werden Menschen als schusselige Alte abgestempelt, während in anderen Ländern das Ansehen mit dem Alter wächst“, sagt er. „Die Jugend ist die Zukunft. Aber die Alten haben das geschaffen, womit wir heute leben. Sie haben Berlin wieder aufgebaut.“

Freundschaften entstehen kaum

Kurz vor dem Ende der 527. Ausgabe der Seniorendiskothek an diesem Montag legt Borge eine Tanzpause ein. Gertrud Hempel, Gabriele Müller und zwei andere Frauen setzen sich um den Tisch. Sie kennen sich seit Jahren, aber siezen sich noch immer. Freundschaften entstehen im Alter kaum noch, eher verstehen sie sich als Gleichgesinnte.

Borge steht hinter seinem DJ-Pult und verteilt kleine Geschenke an die Senioren, Rosen und Piccoloflaschen Sekt. Und immer gibt es auch ein paar nette Worte. Gertrud Hempel verstaut ihr Fläschchen in ihrer Tasche und nickt zufrieden. „Die mache ich mir an Weihnachten auf.“