Berlin - Oft heißt es, die meisten Menschen würden die Einsamkeit nicht deshalb meiden, weil sie so überbordend gesellig sind, sondern weil sie sich davor fürchten, mit sich selbst allein sein zu müssen. Das Alleinsein ist vor allem in der Jugend oft eine Qual, mit dem Alter entdecken viele auch mancherlei Vorzug oder sie sehnen sich sogar danach. Wichtig scheint vor allem zu sein, dass die Leute sich nicht vereinsamt fühlen in ihrem Umfeld – alleingelassen, vernachlässigt, übersehen.

Unser Bereitschaft durchzuhalten wird nun auf eine noch härtere Probe gestellt. Vieles deutet darauf hin, dass sich Kanzlerin und Länderchefs auf einen „Mega-Lockdown“ einigen, wie es heißt. Also auch auf harte Ausgangssperren.

Stellen wir uns also mal dumm und fragen: Welcher unserer zwölf schönen Monate ist dafür geeignet? Die Antwort wird bei vielen wohl in Richtung Januar oder Februar gehen. Lieber dann abends in der Wohnung hocken als im Juli bei strahlenden 31 Grad. Und auch in der winterlichen Zeit gibt es schlechtere Alternativen: Im November und Dezember sind alle immer so aufgeregt wegen Weihnachten.

Der Januar ist bei vielen auch in normalen Jahren ein freiwilliger Teil-Lockdown. Die einen rauchen nicht mehr und meiden Kneipen, andere erholen sich vom Advents-Weihnachts-Silvesterstress, und selbst manche Jogger pausieren.

All die Vorteile des Monats Januar können eine Frage nicht verdrängen: Was hilft? Es wird heiß diskutiert. Die einen beklagen, dass sich die Leute nicht weiter als 15 Kilometer von ihrem Heimatort entfernen sollen. Die anderen sagen, dass wir sowieso 80 Prozent der täglichen Bewegungen in einem Acht-Kilometer-Umkreis erledigen und dass wir lieber draußen sein sollen, als uns drinnen anzustecken. Die einen fordern eine nächtliche Ausgangssperre ab 18 Uhr, andere sagen: Um 18 Uhr wird in Berlin-Lankwitz, Cottbus-Sachsendorf und München-Neubiberg sowieso der Bürgersteig hochgeklappt – und in kleinen Dörfern ist er immer oben. Was kann da eine Ausgangssperre im Winter verhindern? Nächtliche Corona-Partys in der Hasenheide jedenfalls nicht, da die nicht stattfinden. Und bei Partys war bislang das Problem, dass der Staat kaum reagierte.

Bei all den Debatten ist interessant, dass seit einigen Wochen ein paar der weithin bekannten Virologen nicht mehr immer als Kronzeugen der Politik herhalten wollen. Sie betonen derzeit gern, dass nicht jedes Verbot wissenschaftlich begründet sei. Sie sagen, die bisherigen Verbote müssten eingehalten und kontrolliert werden. Aber anscheinend fehlt auch in Berlin das Personal, um abends die Streifenwagen durch die Kieze tuckern zu lassen. Als Signal.

Beliebt ist auch der Verweis auf die Iren: Die hatten vor Weihnachten einen harten Lockdown und Erfolg. Nun ist von verfrühter Lockerung die Rede und davon, wie schnell einem die Situation wieder entgleiten kann. Oder ist der explosionsartige Anstieg der Ansteckungen allein auf das mutierte britische Virus zurückzuführen? Und so wird weiter heftig debattiert.

 Der Virologe Alexander Kekulé erklärt im Fernsehen, dass Ausgangsperren im Winter nicht so erfolgversprechend seien. Wichtiger wäre es, endlich die Altersheime zu schützen, weil dort ein Großteil der Todesfälle verursacht wird. Und er beklagt, dass offenbar viele Infizierte im eigenen Haushalt andere Leute anstecken. Er schlägt „Fieberkrankenhäuser“ vor, also Klinik light für jene, bei denen die Krankheit nur einen leichten Verlauf nimmt und die bei häuslicher Quarantäne die Familie anstecken könnten. Die werden in leeren Hotels versorgt, es wird Fieber gemessen, und wenn sie nicht schwerer erkranken und ins Krankenhaus müssen, dürfen sie nach Hause, sobald sie nicht mehr ansteckend sind.

Es gibt viele Ideen und Fragen, aber wenige Antworten. Und wenn die Politik nun mit Ausgangssperren reagiert, stellt sich eine einfache Frage: Will ich jetzt noch Corona bekommen? Wenn nicht – möglichst weiter zu Hause bleiben, sich durch Homeschooling und Homeoffice quälen, die Einsamkeit ertragen, Familienstreits und die stille bange Frage nach dem eigenen Arbeitsplatz. Immerhin funktionieren die Heizungen, die Bücherregale sind voller ungelesener Bücher und die ungesehenen Filme bilden einen langen ruhigen Fluss.

Und was sagt das Wetter: Der letzte Schnee schmilzt, das weiße Winterglück währt nicht mehr lange. Dann wird es wechselhaft-matschig-mild. Vielleicht folgt dann jenes Wetter, bei dem wir keinen Hund vor die Tür jagen würden. 

Manche Experten warnen sogar schon davor, dass Einsamkeit süchtig machen kann, wenn sich die Leute allzu bequem in ihrer behaglichen Ruhe einrichten und sich dann ganz egozentrisch nur noch mit sich selbst beschäftigen und darüber all die anderen vergessen. Aber bald kommt ja der Frühling.