Auffällig viele Eltern haben in diesem Jahr einen Anwalt eingeschaltet, um für ihr Kind den Platz an der Wunschschule zu ergattern. „Wir haben mehr als doppelt so viele Verfahren wie im Vorjahr“, bestätigte Stephan Groscurth, Sprecher des Verwaltungsgerichtes.

Derzeit behandele das Gericht etwa 180 Eilverfahren und 120 Klagen. Man bemühe sich, die Fälle möglichst schnell zu Beginn des neuen Schuljahres zu entscheiden, das an diesem Montag startet. Hunderte weitere Widerspruchsverfahren würden aber gar nicht erst vor Gericht landen, sondern seien bereits zuvor geklärt worden, schätzt Rechtsanwalt Olaf Werner.

In den meisten Fällen wollen Eltern vermeiden, dass ihr Kind an die Einzugsbereich-Grundschule gehen muss. Weil ihnen das Schulprofil nicht zusagt, die Schule einen eher schlechten Ruf hat oder ihnen womöglich gar die Migrantenquote dort zu hoch ist. Deshalb haben sie einen Wechsel an eine Schule beantragt, an der sie sich ihr Kind eher vorstellen können.

Oft geht es dabei um bilinguale Unterrichtsangebote. Von der Wunschschule aber haben sie eine Absage bekommen, weil dort bereits alle Plätze belegt sind. „Die meisten Anträge gibt es für die bilinguale Nelson-Mandela-Schule, etwa 30“, bestätigte der Gerichtssprecher. Diese Internationale Schule, die von der Bildungsverwaltung zentral verwaltet wird, ist seit Jahren besonders begehrt, weil dort der Unterricht meist auf Englisch stattfindet.

Insgesamt sind 64 Schulen von den Gerichtsverfahren betroffen

Viele Anträge betreffen aber auch Staatliche Europaschulen, wo unter anderem Deutsch-Englisch, Deutsch-Französisch oder Deutsch-Spanisch angeboten werden. Besonders viele Verfahren gebe es auch noch zur Grundschule am Koppenplatz in Mitte und zur Carl-Sonnenschein-Grundschule in Mariendorf.

Im letzteren Fall ging es um Schüler aus dem Ortsteil Britz, die offiziell in ihrem Bezirk Neukölln gar keine Einzugsbereich-Schule hatten – obwohl dort zunehmend Familien hinziehen. Ein Fehler des dortigen Schulamtes. Insgesamt sind 64 Schulen von den Gerichtsverfahren betroffen, im Vorjahr waren es nur 29.

Bei einigen Verfahren geht es um die Frage, ob Kinder die nicht zwingend schulpflichtig sind, aber schon als „Kann-Kinder“ eingeschult werden können, an den Europaschulen tatsächlich nachrangig behandelt werden dürfen. „Eine Entscheidung steht noch aus“, sagt Rechtsanwalt Werner. Generell gilt: Je später die einzelnen Bezirke oder die Bildungsverwaltung ihre Bescheide verschicken, desto häufiger landen die Fälle direkt vor Gericht.

Grundschulklassen dürfen eigentlich nur maximal 25 Schüler haben

„Besonders spät sind die Bescheide von der Bildungsverwaltung für die Nelson-Mandela-Schule und die Zweite Internationale Schule ergangen, nämlich erst Ende Juni und am 10. Juli“, teilte das Verwaltungsgericht mit. Auch die Bezirke Neukölln und Mitte hätten ihre Bescheide erst Mitte bis Ende Juni verschickt, also sehr spät. Deutlich früher dran waren Pankow, Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg. 

Einige Richter und Anwälte schätzen, dass etwa ein Viertel der Gerichtsverfahren für die Eltern erfolgreich seien, genaue Werte gibt es aber nicht. Nicht selten findet sich noch ein Platz über die Nachrücker-Liste. Klar aber ist: Weil die Schülerzahlen steigen, werden auch die Klassen größer.

Grundschulklassen dürfen eigentlich nur maximal 25 Schüler haben. Die Wahrscheinlichkeit, an der Wunschschule abgelehnt zu werden, dürfte auch in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Schon jetzt konnten mitunter Geschwisterkinder nicht mehr bevorzugt aufgenommen werden.