Berlin - Es ist noch nicht halb neun am Samstagmorgen, doch in der Aula der Schule am Falkplatz herrscht schon eine festliche Stimmung: Die Frauen tragen elegante Kleider in leuchtendem Rot oder Gelb, die Männer haben sich die langen Bärte gekämmt und ein Hemd angezogen. Gleich beginnt die Einschulungsfeier für rund 50 Kinder, die ab Montag in dem ehrwürdigen Gebäude in Prenzlauer Berg zur Schule gehen werden.

Als der Zeiger auf halb neun springt, tritt Schulleiterin Sabine Bachmann ans Mikrofon. „Bitte begrüßen Sie Lerngruppe 1!“ Zu ihren Worten kommt getragene Musik aus den Boxen. Dann geht die Flügeltür am anderen Ende des Saals auf und Lehrerin Christine Adams führt rund ein Dutzend Erstklässler durch die Stuhlreihen. Die Eltern springen hoch, klatschen und johlen. Die kleinen Pauls, Pias und Eliots marschieren mit großen Augen nach vorn. Ein paar Kinder halten sich die Ohren zu. Doch ja, sie erreichen ihre Stühle – der Anfang dieses langen Einschulungstags ist gemacht.

Schule am Falkplatz ist Spitzenreiter in Berlin-Pankow

An der Schule am Falkplatz werden an diesem Morgen insgesamt 144 Kinder eingeschult. Sie lernen mit Kindern der zweiten Klasse in Lerngruppen. Deshalb werden sie auf elf Gruppen verteilt und jede wird freudig begrüßt – in drei Feiern, die den ganzen Vormittag dauern. Es ist die größte Zahl Erstklässler, die Bachmann in ihren 24 Jahren als Rektorin an der Schule aufgenommen hat.

Die Zahl der Einschulungen steigt in Berlin stetig an: von rund 28.300 in 2014 auf 34.000 in diesem Jahr. Mit 144 Schülern ist die Schule am Falkplatz Spitzenreiter im Bezirk Pankow, doch es gibt Schulen mit noch mehr Erstklässlern: die Matibi-Grundschule in Hohenschönhausen nimmt nach Angaben der Bildungsverwaltung 175 Schüler auf, die Brodowin-Grundschule im selben Stadtteil 155 Mädchen und Jungen.

David Guettas „This one’s for you“ zur Begrüßung

In der Aula am Falkplatz haben alle Kinder Platz genommen und das Festprogramm der Viertklässler ist auf der Bühne in vollem Gang. „Ich habe in der Schule lesen gelernt und jetzt ist das meine Lieblingsbeschäftigung“, sagt ein Junge und geht mit dem Mikro zu einem der i-Dötze. „Worauf freust du dich am meisten in der Schule?“, fragt er ihn. „Ich weiß es nicht“, stottert das Kind und die Eltern lachen.

Es folgen ein Lied über Freundschaft, ein drolliger Dialog zwischen einem Tiger und einem Bären und der Schultanz. Zu David Guettas „This one’s for you“, dem offiziellen Lied der Fußball-Europameisterschaft 2016, heben die Kinder die Arme in die Luft. Wer kann, zeigt gewagte Schrittkombinationen oder springt nach Herzenslust hoch und runter, wie ein Mädchen mit Brille und Pferdeschwanz vorn an der Bühne. Das wirkt leicht und fröhlich, die Stimmung springt über in den Saal.

Schließlich kommt der wichtigste Moment: „Jetzt muss ich Euch einschulen“, kündigt Sabine Bachmann mit ernster Stimme an. Fast erwartet man, sie werde jedem Kind ein wenig Wasser aus einem Schulbrunnen aufs Haar träufeln. Doch es bedeutet, dass die Kinder in ihren Gruppen auf die Bühne kommen und sich sozusagen einmal offiziell vor der Schulgesellschaft zeigen. Anschließend ziehen sie durch den Mittelgang aus dem Saal in ihre Klassenräume. Die Eltern gehen auf den Hof.

2006 begann der Einschulungs-Schichtbetrieb

Dieser Moment ist kritisch, denn die Eltern und Schüler der zweiten Feierstunde sind bereits auf dem Schulgelände. Damit es kein Durcheinander gibt, postiert sich Konrektorin Karin Fey an der Tür zum Hof. Fey ist bereits seit 31 Jahren an der Schule. Das beginnende Schuljahr ist ihr letztes vorm Ruhestand. Sie war sogar selbst Schülerin an der einstigen DDR-Sportschule, die in den 60er Jahren auf dem Gelände untergebracht war. Souverän dirigiert sie die Eltern in die richtige Richtung. Die gestaffelten Feiern für Erstklässler gibt es seit 2006, schätzt sie. Damals begann der Einschulungs-Schichtbetrieb.

Die zweite Feier verläuft exakt wie die erste, nur dass dieses Mal ein anderer Viertklässler erzählt, dass er in der ersten Klasse lesen gelernt habe und dass dies jetzt seine Lieblingsbeschäftigung sei. Der Erstklässler, den er anschließend nach seinen Wünschen fragt, sagt folgsam „Lesen“ und der Saal applaudiert. Als ein Mädchen auf der Bühne das Abschlusslied des Programms ankündigt, hört man Müdigkeit in ihrer Stimme. Das fällt den Gästen aber sicher nicht auf.

Die stehen wenig später glücklich auf dem Hof, Eltern fotografieren ihre Kleinen mit der Schultüte. „Am besten hat mir an der Feier gefallen, als wir auf die Bühne gegangen sind“, sagt Klara aus Lerngruppe 8 und möchte ihre Tüte gleich öffnen. Das geht aber nicht. Das Gelände soll sich bald leeren, denn die nächsten Eltern kommen schon zur Aula.

Schulleiterin Sabine Bachmann „Es ist vollbracht!“

Um 11 Uhr beginnt die dritte Feier. Der Gesang auf der Bühne tönt ein bisschen leiser, aber Schulsekretärin Katrin Klum rudert am Seitenrand der Stuhlreihen mit den Armen und bringt die Viertklässler in Schwung. Sie erhält bei der Vorstellung des Schulpersonals immer den größten Applaus, denn die Eltern kennen sie von der Anmeldung. Die dritte Elterngruppe klatscht am freudigsten, die Kinder stehen von ihren Stühlen auf und tanzen beim Programm mit. Vielleicht weil sie am längsten schlafen konnten.

Alles läuft auch beim dritten Mal reibungslos und Schulleiterin Bachmann zeigt bei der letzten Gruppe noch die gleiche Begeisterung bei der zeremoniellen Einschulung wie am Anfang. Als alles vorbei ist, verlässt ihr Gesicht die Anspannung und sie strahlt. „Es ist vollbracht!“, sagt sie und dass sie geschafft sei, aber auch glücklich. Eine Mutter sagt draußen, dass sie geweint habe, so schön sei die Feier gewesen. Eine andere, dass sie jetzt ein richtig gutes Gefühl habe für den Start ihres Kinds ins Schulleben.