Berlin - Der Berlin-Boom ist vorerst gestoppt. Während die Einwohnerzahl der Bundeshauptstadt zu Beginn der vergangenen Dekade noch um 40.000 bis 50.000 Personen jährlich zulegte, lebten nach Angaben des Amts für Statistik Ende 2020 gerade mal 467 Personen mehr in Berlin als Ende 2019. Das heißt, im Corona-Jahr ist Berlin praktisch nicht mehr gewachsen. Der Einwohnerzuwachs blieb damit deutlich hinter den Erwartungen aus der Bevölkerungsprognose der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zurück, die für das vergangene Jahr noch ein Wachstum von rund 22.500 Personen angenommen hat. Für das erste Halbjahr 2021 wird erwartet, dass die prognostizierte Zahl des Einwohnerzuwachses um weitere rund 7500 Personen unterschritten wird.

Auf der Senatssitzung am Dienstag wurde erörtert, welche Schlüsse aus der Entwicklung zu ziehen sind. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte nach der Sitzung, alle im Senat gingen davon aus, dass es nach der Corona-Zeit wieder eine positive Entwicklung geben werde, also einen stärkeren Einwohnerzuwachs. „Die Meinungen gehen auseinander bei der Frage, ob wir Effekte nachholen werden“, sagte Müller. Weil die Einschätzung dazu Auswirkungen auf anstehende Investitionen haben könnte, warnte Stadtentwicklungssenator Sebastian Scheel (Linke) davor, Mittel zu kürzen. „Einer Investitionsbremse erteile ich eine klare Absage“, sagte er. „Schon aufgrund des gigantischen Investitionsstaus, den wir vor uns herschieben, wäre das ein absolut falsches Signal“, so der Senator. „Die Bauwirtschaft war und ist während der Corona-Krise der stabile Wirtschaftsfaktor in unserer Stadt.“ Ursache für die derzeitige Stagnation der Berliner Bevölkerung sei die Corona-Pandemie. „Sobald diese überwunden ist, werden wir wieder Zuzug erleben, voraussichtlich wird die Entwicklung sogar nachgeholt“, so der Senator.

Prognose: Bis 2030 klettert Einwohnerzahl auf 3,9 Millionen

Die aktuelle Bevölkerungsprognose geht davon aus, dass sich die Einwohnerzahl in Berlin bis zum Jahr 2030 auf 3,925 Millionen Menschen erhöht – das entspricht gemessen vom Jahr 2018 einem Plus von 177.000 Personen. Auf Grundlage der Prognose werden nach Angaben der Stadtentwicklungsverwaltung für den Zeitraum von 2019 bis 2030 insgesamt etwa 200.000 neue Wohnungen benötigt. Das entspricht umgerechnet durchschnittlich 16.500 Wohnungen pro Jahr.

In der Sorge vor einem Investitionsstopp hat Stadtentwicklungssenator Scheel einen Verbündeten. Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) hat bereits davor gewarnt, Abstriche beim Neubau zu machen. „Da die deutsche Wirtschaft besser durch die Corona-Krise kommt als die Volkswirtschaften beispielsweise des europäischen Südens, gehe ich fest davon aus, dass wir demnächst wieder deutlich stärkeren Zuzug etwa aus diesen Regionen haben werden“, sagte BBU-Chefin Maren Kern vor kurzem. Großansiedlungen wie Tesla in Grünheide würden ebenfalls starke Wachstumsimpulse senden. Kern: „Deshalb gilt weiterhin: Berlin muss bauen, bauen, bauen.“

Zahl der Baugenehmigungen um 9,2 Prozent gesunken

Die Baugenehmigungszahlen für Berlin sind allerdings weiter rückläufig. Nach Angaben des Amts für Statistik vom Dienstag wurden in Berlin im vergangenen Jahr Genehmigungen für den Bau von 20.459 Wohnungen erteilt. Damit ist zwar rein rechnerisch der Bau von mehr Wohnungen möglich als pro Jahr gebraucht werden. Im Vergleich zum Jahr 2019 sind die Zahlen insgesamt aber um 9,2 Prozent gesunken. Woanders gingen die Zahlen allerdings ebenfalls zurück. In Brandenburg lag die Zahl der genehmigten Wohnungen im vergangenen Jahr um 9,6 Prozent niedriger als im Jahr davor. Hamburg verzeichnete nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sogar ein Minus von rund 21 Prozent. Stadtentwicklungssenator Scheel zeigt sich mit dem Ergebnis zufrieden. „Mit über 20.000 Genehmigungen schaffen wir die notwendigen Voraussetzungen, damit in Berlin weiter Wohnraum in Größenordnung entstehen kann“, sagte er. „Wir brauchen jährlich mindestens 16.500 neue Wohnungen. Dieses Ziel haben wir in den vergangenen zwei Jahren jedes Mal übertroffen.“

Kritik kommt vom Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA), dem Spitzenverband der Immobilienwirtschaft. Er sieht die Ursache für den Rückgang bei den Baugenehmigungen in der Mietenpolitik. „Mietendeckel und Enteignungskampagne sind ein Desaster für die Mieterinnen und Mieter in dieser Stadt“, sagte Stefanie Frensch, ZIA-Vorsitzende der Region Ost. Der Mietendeckel gelte zwar nicht für Neubauten ab 2014, führe aber zu einer massiven Verunsicherung. „Niemand weiß, ob der Deckel nach fünf Jahren ausläuft“, so Frensch.