Berlin - In einer Confiserie auf der Einkaufsmeile Schloßstraße in Steglitz suchen die Kunden seelenruhig Pralinen und Gebäck aus. Von den Schlangen vor dem Geschäft lassen sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Im Einkaufszentrum „Das Schloss“ herrscht ebenfalls reges Treiben. „Siehst du, wie voll das ist? Die müssen endlich was machen“, sagt eine ältere Dame zu einer anderen Frau auf der Rolltreppe. Mit „die“ meint sie offensichtlich die Regierung.

Aufgrund des dynamischen Infektionsgeschehens will der Berliner Senat rasch handeln und die Hauptstadt in einen harten Lockdown schicken. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller sagte bereits zu Beginn der Woche: „Ich habe mir am vergangenen Wochenende angeguckt, was los ist auf dem Tauentzien. Es geht so nicht!“ An diesem Wochenende wird bei einem Treffen der Länderchefs mit Kanzlerin Angela Merkel eine Entscheidung für einen bundesweiten Lockdown erwartet. Die Frage ist nur noch, wann er kommt. Die Stimmungslage bei Berlins Einzelhändlern ist vor dem Gipfel gespalten.

„Für uns ist die erneute Schließung natürlich total schwierig“, sagen die Steffens, die in der Pankower Ossietzkystraße den Spielwarenladen Steppke betreiben. In der Vorweihnachtszeit und auch mit dem sich abzeichnenden erneuten harten Lockdown seien jetzt schon mehr Kunden im Laden, doch ein Einbruch mitten im Weihnachtsgeschäft sei hart.

Ein paar hundert Meter weiter in der Florastraße betreiben Nicole und Jule Liebing den Laden Florentine. Mit ausgewählten Produkten für Küche, Bad und das Zuhause haben sie ein Sortiment, das perfekt ist für Geschenkefinder auf den letzten Drücker. An diesem Freitagvormittag brummt der kleine Laden. Die Leute wollen jetzt, wo es noch geht, alle Einkäufe erledigen. Wie es in der nächsten Woche für sie weitergeht, wissen sie noch nicht.

Noch sind die Kunden der Buchhandlung „Buch in Wannsee“ nicht verunsichert oder aufgeregt, dass das Geschäft vor Weihnachten schließen muss. Nur Inhaberin Claudia Lutz, 53, ist verunsichert. „Da es noch keine klare Entscheidung gibt“, sagt sie. Am Freitagvormittag hatte sie vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine Mail erhalten, in der sie über die Möglichkeit des Schließens informiert wurde. „Aber ob ich telefonisch oder per Mail Bestellungen aufnehmen kann und die Ware ausliefern darf, bleibt offen. Darauf weiß auch der Börsenverein noch keine Antwort“, sagt Lutz.

Im ersten Lockdown im Frühjahr durften Buchläden weiter öffnen. „Ich bin bisher gut durch die Krise gekommen“, sagt die Buchhändlerin, die nun einen Web-Shop für den Laden plant. Auch das Weihnachtsgeschäft liefe bisher optimal. „Ich glaube nicht, dass meine Kunden im Fall einer Schließung die Bücher bei den großen Internethändlern bestellen werden“, sagt Lutz. „Wir sind hier wie in einem Dorf, wo jeder jeden kennt. Ich habe treue Kunden, die den Vorteil einer guten persönlichen Beratung schätzen.“

Daniela Herp und Felix Jaremtschuk vom Friseur Fräulein Schneider in Prenzlauer Berg haben den ersten Lockdown „mit Bauchschmerzen überstanden“ und sind der Meinung, dass sie auch diesmal durchkommen werden. „Uns ist klar, dass wegen der Infektionszahlen etwas passieren muss.“ Der gleichen Auffassung ist auch Christina Wille, die zwei Modegeschäfte mit dem Namen Loveco betreibt. „In Schöneberg erleben wir, dass die Leute noch munter einkaufen, in Friedrichshain dagegen bricht es schon seit Tagen ein. Wir wissen, wie die aktuellen Zahlen aussehen. Aber man nimmt uns auch ein Stück vom Weihnachtsgeschäft.“

Josephine Wendland, die in einem Spielzeugladen in den Schönhauser Allee Arcaden arbeitet, sieht bisher noch keinen Run auf die einzelnen Läden, sagt aber auch: „Wenn sie alle schließen würden, wäre das für viele Händler verheerend. Viele haben gehofft, dass der Lockdown erst nach Weihnachten kommt – denn die Tage vor dem Fest gehören natürlich zu den umsatzstärksten des Jahres.“ Vor den Geschäften auf der Wilmersdorfer Straße gibt es bislang ebenfalls keine Schlangen. Dafür reduzieren gerade Boutiquen bereits ihre Ware um bis zu 30 Prozent, weil sie vor dem harten Lockdown offensichtlich nicht darauf sitzen bleiben wollen.

Für Nils Busch-Petersen ist die Lage der Einzelhändler äußerst prekär. „Es herrscht blankes Entsetzen“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelverbands Berlin-Brandenburg. „Obwohl wir auf allen Ebenen lobbyieren, ist für die Kaufleute nicht erkennbar, dass sie wenigstens an den Dezembertagen so behandelt werden wie alle anderen Bereiche der Wirtschaft auch. Bisher kriegen wir keine Zusage, dass wir Umsatzkompensate erhalten. Wir brauchen eine klare verlässliche Aussage der Politik. Die Regierung muss sich darum kümmern, dass Berlin hinterher nicht eine enthandelte Stadt ist.“

Und wie sieht es bei denen aus, die geöffnet bleiben dürfen? Im Edeka-Supermarkt Götze in Wannsee herrscht reges Treiben. Ein ganz normaler Freitagvormittag. Die Parkplätze in der Tiefgarage und vor dem Geschäft sind gut besetzt. Im Laden sind vor allem ältere Leute oder Mütter mit Kleinkindern, die sich mit Lebensmitteln für das Wochenende eindecken. Dass der angekündigte Lockdown im Einzelhandel bei der Kundschaft nun zu panischen Hamsterkäufen wie einst im Frühjahr anregen könnte, befürchtet Marktleiterin Katrin Teltzrow nicht.

„Sicher, vereinzelte Kunden greifen schon etwas mehr an den Regalen zu“, sagt sie. „Aber wir haben bisher noch keine Maßnahmen getroffen. Allerdings haben wir momentan mehr Toilettenpapier als sonst. “ Die Edeka-Marktleiterin hofft aber, dass die Berliner aus dem ersten Lockdown gelernt haben, daher mögliche Hamsterkäufe jetzt ausbleiben. „Die Menschen haben es damals gesehen und wissen auch jetzt, dass wir Lebensmittelhändler stets für sie da sind“, sagt Teltzrow.

Auf der Schloßstraße in Steglitz dudelt draußen an einem Glühweinstand Weihnachtsmusik. Das warme Getränk wird auch schon am frühen Nachmittag reichlich getrunken. In einem Spielwarengeschäft in der Nähe laufen Mütter und Väter mit ihren Kindern aufgeregt durch den Laden, um schnell noch die letzten Geschenke vor dem erwarteten Lockdown zu ergattern. Die Pandemie erscheint weit weg an diesem Einkaufstag. Auch wenn die Masken auf den Gesichtern zeigen, dass die Lage ernst ist.