Berlin - Noch verschläft er die meiste Zeit des Tages und trinkt ausschließlich bei Mama Tonja. Genau zwölf Wochen und einen Tag ist der kleine Eisbär nun alt, der am 3. November – einem Donnerstag – im Tierpark in Friedrichsfelde das Licht der Welt erblickt hat. Die Eisbärengeburt, die erste im Tierpark seit 22 Jahren, hatte die Mitarbeiter überrascht. Zwar hatte sich Eisbärin Tonja bereits im Oktober in ihre Wurfhöhle zurückgezogen, aber eigentlich rechnete in diesem Jahr niemand mit Eisbären-Babys – und falls doch, dann wie zumeist üblich im Dezember. Aber da waren sie nun: Zwei Baby-Eisbären, nackt und blind und jedes so groß ein wie Meerschweinchen. Eine Woche nach der Geburt verstarb allerdings eines der Jungtiere.

Das zweite Jungtier – ein Männchen – erfreut sich jedoch bester Gesundheit, es wächst und gedeiht. Das Bärchen, das mittlerweile gut fünf Kilo wiegt und von der Nasenspitze bis zum Schwänzchen mehr als 60 Zentimeter misst, lebt im hinteren Teil der Eisbärenanlage unweit vom Tierpark-Eingang Bärenschaufenster; Besucher haben es noch nicht zu Gesicht bekommen. Die vielen Fotos und Videos, die der Tierpark in den vergangenen Wochen veröffentlicht hat, haben allerdings rasch eine große Fangemeinde entstehen lassen.

Lebensmittelpunkt von Baby Namenlos und Mama Tonja ist die Wurfhöhle – ein geschützter Bereich in den Ställen, wo die Eisbärin und ihr Junges ruhig und ungestört ihre Zeit verbringen können. So ist es auch in der freien Wildbahn in der Arktis. Dort graben sich Eisbärinnen vor der Geburt ihrer Jungtiere eine Höhle, in der sie und ihre Babys bis zum Frühjahr bleiben. Diese Höhle besteht für gewöhnlich aus einem mehrere Meter langen Eingangstunnel und einer Kammer. Da sich der Höhleneingang oberhalb der Kammer befindet, fängt sich dort – wie bei einem Iglu – die Kälte; in der Kammer selbst herrschen auch bei eisigen Außentemperaturen selten weniger als -1 Grad.

Am Rindfleisch geleckt

Was die Temperaturen betrifft, haben es die Bärin und ihr Nachwuchs im Tierpark komfortabler. Dort ist es milder, und anders als in der Arktis, wo die Bärinnen in der Höhle ausschließlich von ihren Fettreserven zehren, gibt es im Tierpark mittlerweile wieder Futter für Mama Tonja. Vor einigen Tagen veröffentlichte der Tierpark ein Video, in dem sich auch das kleine Bärchen an einem Stück Rindfleisch zu schaffen macht. „Er hat aber nur daran geleckt“, stellt Philine Hachmeister klar. Feste Nahrung werde erst allmählich interessant, „das Junge kann gut zwei Jahre von der Mutter gesäugt werden“.

Nun, da der kleine Bär sicher auf seinen Beinchen steht, hat sich auch sein Aktionsradius ein bisschen vergrößert. Lag der Winzling anfangs nur bei Mama und ließ sich von der Riesin seinen noch spärlichen Pelz wärmen, tapst das kleine Bärchen inzwischen munter durch die Gegend. Deshalb bewohnen Mama und Sohn mittlerweile auch drei „Zimmer“ im hinteren Bereich der Eisbärenanlage. Papa Wolodja, der wie Mama Tonja 2013 aus dem Moskauer Zoo nach Berlin gebracht wurde, lebt abseits von beiden. Er ist zurzeit als einziger Eisbär auf der Anlage zu sehen.

Dass die Besucher auch den kleinen Eisbären zu Gesicht bekommen, dauert allerdings noch geraume Zeit. Erst im Frühjahr, wenn Eisbären die schützende Wurfhöhle verlassen, ist auch im Tierpark der Zeitpunkt für die ersten Ausflüge ins Freigehege gekommen. Bis dahin muss die Anlage auch noch etwas umgebaut werden. Die Treppen, die derzeit zum großen Wasserbecken hinab führen, sind derzeit viel zu hoch – sie müssen verändert werden, damit der kleine Eisbär sie auch wirklich überwinden kann.

Für den Tierpark, der in den kommenden Jahren vor weitreichenden Umbau- und Erneuerungsmaßnahmen steht, ist die Geburt ein echter Glücksgriff. Der große Park in Friedrichsfelde kann mehr Besucher gut gebrauchen. Jungtiere sind immer ein echter Besuchermagnet – und so niedliche wie das Eisbärchen erst recht.