Berlin - Bei den Eisbären in Berlin gibt es wieder Nachwuchs. Eisbärin Tonja hat am Samstag ein meerschweinchengroßes Jungtier zur Welt gebracht, wie der Tierpark in Berlin-Friedrichsfelde am Montag mitteilte. Fotos einer Überwachungskamera aus dem Stall zeigten etwa, wie der Nachwuchs auf dem Bauch der Mutter liegt. 

Bis zu 22 Stunden täglich schlief Tonja in den vergangenen Wochen. Am Freitag war die angehende Eisbären-Mutter erstmals unruhig, schlief deutlich weniger als die Tage zuvor.

Zweites Jungtier war eine Totgeburt

Am 1. Dezember brachte Tonja frühmorgens zwei Jungtiere zur Welt. „Das konnten wir auf dem Überwachungsmonitor sehen“, sagte Tierpark-Sprecher Maximilian Jäger der Berliner Zeitung. „Allerdings war das eine Junge eine Totgeburt.“ 

Tonja hatte das tote Tier gefressen. Das machen auch Eisbärenmütter in der freien Wildbahn. Aus gutem Grund: Das tote Junge würde Keime in die geschützte Geburtshöhle bringen, die dann das Leben des anderen Babys bedrohen.

Den ganzen Tag bangten die Tierpark-Mitarbeiter um das Leben des zweiten Babys. „Als gegen 21 Uhr am 1. Dezember laute Schmatzgeräusche erstmals für eine längere Zeit zu hören waren, löste sich meine erste Anspannung etwas. Mittlerweile trinkt das Eisbären-Jungtier regelmäßig und nähert sich einem Rhythmus von etwa 2-3 Stunden“, erzählte Eisbären-Kurator Dr. Florian Sicks.

Trächtigkeit wurde bei Tonja nur vermutet

Tonja wurde zwischen März und April mehrmals von Eisbären-Vater Wolodja gedeckt und hat sich im Laufe der folgenden Monate eine dicke Schicht Winterspeck zugelegt. Von schlanken 230 kg im März schaffte es Tonja im September auf 390 kg. Eine Trächtigkeit wurde zwar vermutet, überprüfen konnte man das jedoch nicht: „Eisbären gehören zu den gefährlichsten Landraubtieren, Tonja per Ultraschall zu untersuchen wäre also ohne risikoreiche Vollnarkose nicht möglich gewesen“, erklärte Sicks. Eine genaue Tragzeit ist bei Eisbären nicht zu bestimmen. 

Sterblichkeit bei Eisbären-Babys sehr hoch

„Uns haben die Erfahrung der letzten beiden Jahre nochmal klar gemacht wie schnell solch ein Glück vorbei sein kann. In den ersten zehn Tagen ist die Sterblichkeit besonders hoch, dennoch sind wir sehr zuversichtlich und drücken alle die Daumen. Tonja hat sich bisher immer vorbildlich um ihre Jungtiere gekümmert und sie tut es auch jetzt wieder. Dank der Kameratechnik kann auch ich - sogar von zu Hause - immer wieder live dabei sein und die beiden in ihrer Wurfhöhle beobachten“, erklärte Zoo- und Tierparkdirektor Dr. Andreas Knieriem.

Zweimal hatte die liebevolle Eisbärenmutter Tonja schon Pech. Ihr niedliches erstes Junges - Fritz - starb 2017 mit vier Monaten unerwartet an einer Leberentzündung, deren Ursache bis heute ungeklärt ist. Ein weibliches Jungtier aus einem neuen Wurf verendete Anfang 2018 infolge einer Lungenentzündung und wurde kaum einen Monat alt. In beiden Jahren hatte Tonja ursprünglich Zwillinge zur Welt gebracht, aber je nur ein Tier überlebte die kritische erste Zeit überhaupt.

Keine Flaschenaufzucht wie bei Knut

Der Tierpark setzt bewusst auf Geburten ohne menschliche Hilfe. Auch danach soll sich für ein paar Wochen niemand einmischen. Eine Aufzucht mit der Flasche wie bei Berlins berühmten Eisbär Knut im Berliner Zoo, der 2011 mit vier Jahren an einer Gehirnentzündung starb, wird es also auch im Notfall nicht geben.

Der Berliner Tierschutzverein hatte die Eisbärenzucht in Zoos nach dem Tod von Fritz als „Sackgasse“ bezeichnet. Dass mehr als 60 Prozent der Jungtiere in deutschen Zoos in den vergangenen Jahren nur wenige Wochen alt geworden seien, spreche nicht für eine artgerechte Haltung, kritisierte der Verein.

Knieriem widersprach damals: Der Tod sei bitter, aber wie bei der Aufzucht von anderen Tierarten könne in Zoos - wie in der Natur auch - viel passieren. Berlin habe Glück mit Panzernashörnern gehabt - aber Pech mit Eisbären. Fehler bei der Haltung sehe er nicht.

Deutschland gehört zu den führenden Eisbär-Nationen in Europa. In zwölf Zoos werden die Tiere gehalten. Laut Verband der Zoologischen Gärten ist die Haltung in Zoos erforderlich. So sei das Erleben arktischer Tiere möglich, sagte Geschäftsführer Volker Homes. Außerdem ließen sich die Menschen dadurch für die bedrohliche Lage der Tiere sensibilisieren.

Eisbären-Baby noch nicht für Besucher zu sehen

Eisbären kommen nach Angaben des WWF unter anderem in Alaska, Grönland und Kanada vor. Der Bestand der gefährdeten Tiere weltweit wird noch auf 20.000 bis 31.000 geschätzt - Tendenz abnehmend. Den Raubtieren macht insbesondere die Eisschmelze durch die Erderwärmung zu schaffen.

In den nächsten Wochen wird sich niemand Tonjas Wurfhöhle nähern.  Die Eisbären sind aktuell für die Tierparkgäste nicht zu sehen. Wie auch im natürlichen Lebensraum verlassen die Mütter mit ihren Jungtieren erst im Frühjahr die Wurfhöhle. (BLZ, mit dpa)