Eisenhüttenstadt - Was würde Tom Hanks wohl sagen? Der Hollywood-Schauspieler besuchte im vergangenen Jahr Eisenhüttenstadt und schwärmte im Fernsehen von seinem Besuch. Eisenhüttenstadt, 1951 als sozialistische Planstadt errichtet, ist ein in Stein gegossenes Museum des Kalten Krieges. Eine der wichtigsten Attraktionen der Stadt ist das Dokumentationszentrum für DDR-Alltagskultur. Über seine künftige Finanzierung und inhaltliche Ausrichtung wird seit Wochen gestritten. Am Mittwoch entscheidet die Stadtverordnetenversammlung, wie es mit dem in Deutschland einmaligen Museum weiter geht.

Bisher teilten sich Stadt, Kreis und Land Brandenburg die Finanzierung. Im Sommer strich die verschuldete Stadt ihren Anteil von 76.000 Euro – und nahm damit ein Aus des Dokumentationszentrums in Kauf. Nach dem Rückzug der Kommune strich auch der Landkreis seinen Anteil von 55 000 Euro jährlich. Nur das Land hielt an seinem Zuschuss von 90.000 Euro fest.

Das „ostdeutsche Gedächtnis“

Doch es geht nur vordergründig um Geld. Eigentlich dreht es sich um die Frage: Was für eine Art von Museum braucht Eisenhüttenstadt? Einen zentralen Ort des Erinnerns, der Wissenschaftler anzieht, oder ein Heimatmuseum, in dem sich die Region wiederfindet?

Auf der einen Seite steht der Museumsleiter Andreas Ludwig, ein gebürtiger West-Berliner, der das Museum in einer ehemaligen Kinderkrippe im zweiten Wohnkomplex aufbaute. Als Anfang der neunziger Jahre viele DDR-Bürger ihre Wohnungen entrümpelten, rettete Ludwig Alltagsgegenstände wie Badeöfen, Kittelschürzen, Bücher und wichtige Papiere vor der Müllkippe. Später brachten die Bürger aussortierte Gegenstände selbst vorbei, über 150.000 Objekte wurden so gesammelt. Ludwig nennt sein Museum das „ostdeutsche Gedächtnis“.

20 Jahre seines Lebens hat er damit verbracht, Eisenhüttenstadt auf der wissenschaftlichen Landkarte zu verankern. Er hat zahlreiche Publikationen verfasst, ist bundesweit anerkannt. Er ist stolz darauf, dass Forscher aus aller Welt und Fernsehgesellschaften sich in Eisenhüttenstadt melden.

„Kaffee-Ersatz-Mischung“

Bei der Ausstattung des Films „Barbara“ hat Ludwig mitgeholfen. Ihm und seinen vier Mitarbeitern wurde zum Jahresende gekündigt. Er gibt sich keine Mühe, seine Frustration zu verbergen. „Was hier kaputt geht, das sieht die Stadt gar nicht“, sagt Ludwig.

Die Bürgermeisterin Dagmar Püschel sitzt in einem vertäfelten Sitzungssaal des Rathauses, und wenn man ihr zuhört, merkt man schnell, dass zwischen ihrer Vorstellung eines DDR-Museums und zwischen der von Ludwig Welten liegen.

Der Museumsleiter will, dass die Exponate für sich stehen. Deshalb liegt in der Dauerausstellung auch eine Packung „Kaffee-Ersatz-Mischung“ zwischen den Geboten der Jungpioniere und „Medaillen für herausragende Leistungen im Verkehrswesen“. Manches wirkt auf den ersten Blick unsortiert, man muss sich Zeit nehmen, um die Ausstellung auf sich wirken zu lassen. 9000 Besucher kamen in diesem Jahr, ein Drittel aus der Region, zehn Prozent Ausländer. Unter der Woche ist die Ausstellung oft leer. Püschel sagt: „Mir fehlt dort das Leben.“

Die Bürgermeisterin will ein Museum, in dem die Bürger aus Eisenhüttenstadt sich und ihre Geschichte wiederfinden, sie will ein Museum, in das man immer wieder mit seinen Kindern und Enkeln gehen kann. Der Landkreis sieht das ähnlich, kritisiert wird, dass die meisten Schulklassen in der Region das Museum gar nicht kennen. Führungen für Schüler werden nicht angeboten. Andreas Ludwig sagt, er könne das personell nicht leisten.

Kein Englisch in der Stadtverwaltung

Man fragt sich, ob das eigentlich ein Widerspruch ist: ein Museum, das Wissenschaftler und Menschen aus der Region anspricht, und ob nicht beides ginge, in dem man das Dok-Zentrum besser mit der Tourismusagentur verknüpft, die ja auch Stadtführungen anbietet. Ludwig sagt, er würde sich wünschen, dass Eisenhüttenstadt aktiver für sich wirbt. Aber in der Stadtverwaltung spreche ja leider niemand Englisch. Er wirkt desillusioniert.

Das Klima zwischen Museumsleitung und Stadtverwaltung ist seit einiger Zeit vergiftet. Und dass liegt womöglich auch daran, dass Ludwig sich nicht immer geschickt verhalten hat. Viele in der Stadt regen sich darüber auf, dass er nach 20 Jahren als Museumsleiter seinen Hauptwohnsitz immer noch in West-Berlin hat, keine Präsenz in Schulen oder auf Empfängen zeige.

Die Stadt lenkt nun ein und will das Museum für zwei Jahre offenhalten, ohne finanziellen Zuschuss, mit Minimalbetrieb, um den Besucherverkehr zu regeln. Eineinhalb Stellen sind dafür vorgesehen. Über den Vorschlag und die Frage, ob ein neues Trägerkonzept erarbeitet wird, soll am Mittwoch abgestimmt werden. Die im Frühjahr eröffnete Dauerausstellung wurde mit 800 000 Euro vom Bund gefördert, sie soll zehn Jahre zu sehen sein. Würde sie vorher geschlossen, müsste die Stadt das Geld zurückzahlen.

„Tod auf Raten“

Andreas Ludwig hält diese Lösung für den „Tod auf Raten“. Es gebe keine fachliche Betreuung und keine Weiterentwicklung mehr. Im Internet kursiert eine Petition, die sich gegen die Übernahme durch die Stadt ausspricht, unterschrieben von zahlreichen Kulturwissenschaftlern. Eigentlich müsste es auch im Interesse des Landes sein, dass Eisenhüttenstadt mit seiner einmaligen Geschichte einen besonderen Platz in der Kulturlandschaft bekommt – ähnlich wie die Schlösser in Potsdam für die Hohenzollern.

Doch das Land lehnt weitere Verantwortung ab und unterstützt die Lösung der Stadt. Es müsse ein neues Konzept erarbeitet werden. Wer das aber machen soll, ist völlig unklar. Unsicher ist auch, was mit der Sammlung passiert. Weil das bisherige Depot von der Stadt verkauft wird, soll ein Großteil der nicht gezeigten Objekte in Containern verstaut werden.