Potsdam - Der Elch hat eine ziemlich blöde Angewohnheit: Bei ihm funktioniert der Fluchtreflex anders als bei den meisten heimischen Wildtieren. Die flüchten sofort, wenn sie etwas hören oder sehen, das sie als Gefahr empfinden. Nicht so der Elch – der Elch ist stur, er bleibt einfach stehen und beobachtet erst einmal nordisch gelassen die herannahende Gefahr.

Er macht das sogar, wenn er mitten auf der Autobahn steht. So geschehen am 1. September auf dem östlichen Berliner Ring zwischen Rüdersdorf und Erkner. Ein kapitaler Elch stand auf der Piste, ein Autofahrer konnte nicht mehr ausweichen und rammte das Tier. Der Fahrer wurde schwer verletzt. Der Elch – ebenfalls schwer verletzt – lag auf der Fahrbahn, wurde dann von einem Lastwagen angefahren und starb.

Bis zu 800 Kilo schwer

Zwar gibt es alljährlich etwa 1 200 Wildunfälle im Land – und dies war der einzige mit einem Elch in diesem Jahr –, doch es ist eine Realität, dass Autofahrer in Brandenburg künftig potenziell mit einem Elch-Crash rechnen müssen: Immer mehr Elche wandern aus Polen ein.

Der größte Hirsch der Welt ist nicht nur wegen seiner Sturheit ein ernstzunehmendes Hindernis im Straßenverkehr, sondern auch wegen seiner schieren Masse. Ein ausgewachsener Bulle wird mehr als drei Meter lang, hat eine Schulterhöhe von 2,40 Metern und wiegt bis zu 800 Kilogramm. Bislang gab es drei schwere Elch-Unfälle im Land. Bei einem Zusammenprall mit einem Schulbus im Spreewald starb ein Elch, der Fahrer wurde schwer verletzt und der Bus hatte Totalschaden.

„Der Elch ist und bleibt zwar weiterhin ein exotisches Tier in unserer Region“, sagt Jens-Uwe Schade, Sprecher des Infrastrukturministeriums. „Aber er ist nun mal wieder da.“

Wie groß der Bestand tatsächlich ist, weiß niemand genau. Seit 1990 wurden landesweit 72 Elch-Sichtungen registriert. Anfangs waren es pro Jahr nur drei, doch allein von April 2011 bis Oktober 2012 wurden 41-mal Elche gesehen. Für die Förster ist klar, dass dabei ein und der selbe Elch mehrfach gesehen wurde. Fachleute gehen davon aus, dass mindestens fünf der riesigen Einzelgänger inzwischen in Brandenburg heimisch sind. Bislang wurden acht tote Elche gefunden.

Das Infrastrukturministerium lässt seit einigen Monaten einen sogenannten Elch-Managementplan erarbeiten. Es geht um die Frage: Ist der Elch nur kurzzeitig zu Besuch oder ist er bereits heimisch? Das soll wissenschaftlich untersucht werden. Brandenburg ist nach Bayern das zweite Bundesland, das diese Problematik ernsthaft angeht. „Dieser Plan dient ausdrücklich nicht dazu, die Ansiedlung der Elche aktiv zu befördern“, sagt Minister Jörg Vogelsänger (SPD). „Auch wenn derzeit niemand sicher sagen kann, ob der Elch wieder in Brandenburg heimisch wird, wollen wir uns gut und so früh wie möglich auf vorhersehbare Konfliktpunkte vorbereiten.“

Ähnlich wie beim Wolfsmanagement geht es vor allem darum, in den betroffenen Gebieten die Bevölkerung über potenzielle Gefahren aufzuklären und bei Bedarf vor Ort zu handeln. Ein wichtiger Punkt ist dabei die Sicherheit an Autobahnen. Die sind zwar landesweit mit Wildzäunen versehen, doch diese sind viel zu niedrig für Elche. Die schweren Tiere können sie problemlos eindrücken und so auf die Straße gelangen. Deshalb könnte es irgendwann nötig werden, an bestimmten Strecken auch Elch-Warnschilder aufzustellen, breitere Randstreifen neben der Fahrbahn zu bauen oder höhere Zäune.

Brandenburg hat nun den Status eines Elch-Erwartungslandes, und am beliebtesten ist der Osten des Landes, denn die „Könige der Wälder“ wandern aus Polen ein. Dort vermehren sie sich prächtig, weil sie seit elf Jahren nicht mehr geschossen werden dürfen. Seither stieg die Population von 1500 auf schätzungsweise 16.000 Tiere.

Weil Elche als Pflanzenfresser große Mengen Biomasse vertilgen, müssen ihre Reviere recht groß sein. Deshalb herrscht ein Verdrängungswettbewerb und einige Tiere ziehen auf uralten Wanderrouten westwärts Richtung Oderbruch, durchschwimmen die Oder und suchen in Brandenburg nach neuen Revieren.

Doch auch hier haben sie ein großes Problem: Das Gebiet ist viel dichter besiedelt und es gibt viel mehr Straßen. Oft enden ihre Wanderungen an den Autobahnen zwischen Berlin und Frankfurt (Oder), am Berliner Ring oder an der Strecke nach Cottbus und Dresden.

Wälder werden eingezäunt

Der Elch zählt laut Bundesjagdgesetz zu den jagdbaren Arten, genießt jedoch eine ganzjährige Schonzeit. Deshalb bleibt er unbehelligt und frisst reichlich Grünzeug. Das wiederum ärgert die Waldbesitzer. „Im Sommer vertilgen sie bis zu einem Zentner leicht verdaulicher und energiereicher Blätter, Zweige und Triebe sowie Rinde“, sagt Ministeriumssprecher Schade.

Doch auch ohne den Elch müssen schon jetzt immer mehr Neuanpflanzungen eingezäunt werden. Denn in vielen Wäldern gibt es einfach zu viele Rehe und Hirsche, die vor allem junge Baumtriebe fressen.
Der Elch hat also auch im neuen Revier reichlich Futterkonkurrenz. Außerdem bevorzugt er vor allem Laubbäume. Aber in Brandenburg stehen noch immer in 70 Prozent der Wälder nadlige Kiefern.