Berlin - Wie dünn die Haut geworden ist. Fast nackt wage ich mich mitunter nicht auf die Straße, unter Menschen. Wildfremde können mich verletzen bis ins Mark. Wie der Betrunkene mit der Glatze auf der Pappelallee. „Abstand kannste wohl nicht“, röhrt er, als ich ihn mit Distanz umrunde. Seine Fahne reicht bis Zehlendorf. Er selbst dürfte seine Schwierigkeiten haben, die Regeln einzuhalten, hat er doch nicht einmal seine Gliedmaßen im Griff. Trotzdem hallt sein verächtlicher Satz lange nach.

In der Drogerie funkelt mich eine Frau an, weil ich die Maske erst hinter der Türschwelle aufsetze. „Zu doof, die Schilder zu lesen“, sagt ihr Blick. Scharf wie ein Tapeziermesser ist er, aber vorne hat er Widerhaken, damit sie die Worte in meiner Brust hin- und herdrehen kann und dort alles kaputtmachen. Denn dort sticht sie hinein, in die weiche Stelle, da, wo die Rippenbögen sich trennen. Sie macht das nachhaltig, und danach fühle ich mich, als hätte sich ein Tier mit sehr scharfen Krallen in meinem Rumpf ausgetobt. Auch diesen Blick vergesse ich nicht, ich nehme ihn mit nach Hause und hänge ihn zu den anderen Wunden an den dafür vorgesehenen Haken im Flur. Daneben hängen die Verletzungen der Kinder, säuberlich aufgereiht. Es sind viele, viel zu viele, und ich muss weinen.

In der Bahn bewegt mich jeden Tag der Anblick der vermummten Menschen. Dass sie es einfach tun, ob aus Einsicht oder für sich oder für den anderen. Für den Fremden. Es schnürt mir die Kehle zu. Vor allem die Kinder mit ihren kleinen ernsten Gesichtern hinter den lustig bedruckten Masken. Wie rührt mich die Hilflosigkeit, mit der die Stoffteile heiter wirken wollen. Und das Wissen, dass sich mir in diesem Augenblick überall auf der Welt dasselbe Bild böte, raubt mir manchmal den Verstand.

Überhaupt, das Globusumspannende dieser Lage. Seit Wochen erleben die Menschen in aller Herren Länder dasselbe, wenngleich zeitversetzt und natürlich unterschiedlich dramatisch. Da ist sie, die „eine Welt“. Wir wollten sie doch. Haben sie uns gezimmert, gradlinig, Zweifel hatten keinen Platz im großen Plan. Mich macht das Ganze atemlos, auf eine schräge Weise glücklich. Obwohl niemand weiß, welche Sorte Welt aus all dem wiederauferstehen wird. Denn so etwas Ähnliches ist das doch, nicht wahr? Ein kleiner Tod. Eine Art Wachkoma.

Hat es das jemals gegeben in der Geschichte der unbedeutenden Menschheit? Nicht mal an den großen Kriegen waren alle beteiligt. Jedes Land erlebte das Grauen anders. Das stille Grauen, das zurzeit oft die hellen Straßen füllt, ist überall ähnlich. Von Kapstadt bis Konstanz. Von Lima bis Lüneburg. Hinter seiner hässlichen Fratze verbirgt es viel Gutes, doch halten wir das aus? Oder haben wir die Demut verlernt?

Der kleine Junge, der mich ansieht unter wirren Locken, sieht aus, als ob der die Antwort wüsste. Seine Augen sind zwei Teiche. Außer ihnen kann man hinter der Snoopy-Maske kaum etwas sehen von seinem Gesicht. Und auch wenn mich wieder die Kralle der Traurigkeit packt über all diese unterbrochenen Kindheiten, versöhnt mich sein unschuldiger Ernst ein wenig mit dem verbalen Tritt des Betrunkenen und dem Klingenblick der Frau, und ich beschließe, mir für besonders nackte Tage einen Elefantenmantel zu kaufen.