Berlin - Wie dünn die Haut geworden ist. Fast nackt wage ich mich mitunter nicht auf die Straße, unter Menschen. Wildfremde können mich verletzen bis ins Mark. Wie der Betrunkene mit der Glatze auf der Pappelallee. „Abstand kannste wohl nicht“, röhrt er, als ich ihn mit Distanz umrunde. Seine Fahne reicht bis Zehlendorf. Er selbst dürfte seine Schwierigkeiten haben, die Regeln einzuhalten, hat er doch nicht einmal seine Gliedmaßen im Griff. Trotzdem hallt sein verächtlicher Satz lange nach.

In der Drogerie funkelt mich eine Frau an, weil ich die Maske erst hinter der Türschwelle aufsetze. „Zu doof, die Schilder zu lesen“, sagt ihr Blick. Scharf wie ein Tapeziermesser ist er, aber vorne hat er Widerhaken, damit sie die Worte in meiner Brust hin- und herdrehen kann und dort alles kaputtmachen. Denn dort sticht sie hinein, in die weiche Stelle, da, wo die Rippenbögen sich trennen. Sie macht das nachhaltig, und danach fühle ich mich, als hätte sich ein Tier mit sehr scharfen Krallen in meinem Rumpf ausgetobt. Auch diesen Blick vergesse ich nicht, ich nehme ihn mit nach Hause und hänge ihn zu den anderen Wunden an den dafür vorgesehenen Haken im Flur. Daneben hängen die Verletzungen der Kinder, säuberlich aufgereiht. Es sind viele, viel zu viele, und ich muss weinen.

Lesen Sie doch weiter

Erhalten Sie unbegrenzt Zugang zu allen Online-Artikeln der Berliner Zeitung für nur 9,99 € im Monatsabo.

Jetzt abonnieren

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Oder das E-Paper? Hier geht’s zum Abo Shop.