Berlin - Jean-Michel Jarre redet wie ein Wasserfall – und das auf Englisch. Zumindest in diesem Punkt ist er ein recht untypischer Franzose. Aber der Pionier der elektronischen Musik, der vor gut 40 Jahren mit „Oxygène“ die erfolgreichste französische Platte aller Zeiten herausbrachte, hat gut zu tun und viel zu erzählen. Gerade ist der 68-jährige Soundmeister von einer US-Tour wiedergekommen, am Dienstag gibt er ein Konzert in der Zitadelle Spandau. Dazwischen holte er sich noch einen besonderen Preis ab.

Monsieur Jarre, erst einmal: Glückwunsch! Im Juni wurden Sie in Norwegen mit der „Stephen Hawking Medaille“ für Ihren außerordentlichen Beitrag zur Wissenschaftskommunikation ausgezeichnet.
Danke! Es ist eine unfassbare Ehre für mich, den Preis von Stephen Hawking erhalten zu haben. Er ist der Einstein des 21. Jahrhunderts. Ich plane jetzt auch noch eine Musikkollaboration mit ihm.

Haben Sie sich jemals selbst wie ein Wissenschaftler gefühlt?
Nein, aber ohne die Wissenschaft würde elektronische Musik ja gar nicht existieren. Musik basiert auf Mathematik – oder wie der Schriftsteller Paul Claudel einmal sagte: „Die Musik ist der Geist der Geometrie.“ Das gefällt mir. Auch wenn ich kein Wissenschaftler bin, wurde ich immer damit in Verbindung gebracht – speziell mit dem Weltall. Vor 30 Jahren habe ich in Houston das erste Konzert unter Mitwirkung der Nasa gegeben. Und wer weiß, vielleicht spiele ich irgendwann ja doch noch auf dem Mond?

Erst einmal spielen Sie aber in Berlin. Als Sie im Herbst durch Deutschland tourten, waren Sie in bestuhlten Arenen unterwegs. Diesmal ist das Ganze unbestuhlt im Freien. Macht das einen Unterschied?
Das hoffe ich doch. Meine Show ist gemacht für stehendes Publikum. Das Ganze hat etwas von einem EDM-Techno-Konzert (EDM heißt Electronic Dance Music, die Autorin), bei dem man sich bewegen sollte, mit Klassikern wie „Oxygène“ und „Équinoxe“, aber für heute reproduziert. Für den Zuschauer ist es ein visuelles Erlebnis. Da bin ich genauso ambitioniert wie vor 40 Jahren.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Aufenthalt in Berlin?
Das war lange bevor ich Musiker wurde. Berlin ist für mich verknüpft mit meiner Kindheit. Mein Onkel war nach dem Krieg verantwortlich für die Lebensmittelausgabe an die französischen Soldaten in Berlin. Ich war in den späten Sechzigern in den Sommerferien oft bei ihm. Meine Erinnerungen daran gleichen einem Spionage-Film. Wenn wir Kinder in Ost-Berlin aus dem Zug stiegen, fühlten wir uns wie Geheimagenten; es hatte etwas von einem fantastischen Abenteuer.

Und die Mauer hat Sie nicht eingeschüchtert?
Als Kind siehst du nicht nur die dunkle Seite. Ich erinnere mich an die Graffiti an der Mauer. Für mich war sie deshalb auch ein Symbol von Freiheit und Rebellion. Meine Mutter wurde während des Französischen Widerstands deportiert. Ich bin aufgewachsen mit der Idee von Rebellion und wurde so erzogen, die Mächtigen zu hinterfragen.

Welches Bild verknüpfen Sie mit dem heutigen Berlin?
Die zerstörte Kirche am Kurfürstendamm. Für mich ist die Gedächtniskirche das Image des 21. Jahrhunderts, nicht etwa des 20. Jahrhunderts. Sie hat etwas von dem Science-Fiction-Film „Blade Runner“ und verkörpert mit ihren zwei Architekturen den Gegensatz aus Vergangenheit und Zukunft.

In welcher Dekade war Berlin am Spannendsten?
Der Underground-Vibe und die Coolness, für die Berlin geliebt wird, ziehen sich durch die Jahrhunderte. Wenn ich an die Künstler des Bauhaus denke oder an das Schwarz-Weiß-Kino, muss Berlin vor 100 Jahren ein fantastischer Ort gewesen ein! Das hatte immensen Einfluss auf Werbung, Architektur, Musik, Malerei und Grafikdesign. Die Bauhaus-Epoche ist für mich die wichtigste Inspiration. Man sieht auch meinen Shows an, dass der Bauhaus-Stil und die visuelle Kreativität der Stadt Einfluss darauf haben.

Hat Berlin Sie schon mal zu einem Song inspiriert?
Oh ja. Vor einigen Jahren lotste mich ein Freund ins Kudamm-Karree. Wir gingen durch die Shoppingmeile, passierten eine Tür und sind die Stufen hinabgestiegen. Vor meinen Augen offenbarte sich einer der größten Atomschutzbunker der Nachkriegszeit und damit einer der außergewöhnlichsten Orte der Welt.

Und wie war das mit dem Lied?
Dort stand eine fantastische Maschine, mit der man den Räumen Frischluft zuführen kann. Sie machte so ungewöhnliche Geräusche, dass ich sie aufnehmen musste. Die Aufnahme habe ich als Soundeffekt in einem Song mit dem Berliner DJ Boys Noize verwendet. Ich finde sowieso, dass Berlin sehr besonders klingt.

Wie meinen Sie das?
Berlin bei Nacht ist sehr speziell – die Straßen, die Autos, der Hall – ich behaupte, selbst mit geschlossenen Augen würde ich die Stadt heraushören können. Außerdem gibt mir Berlin von allen Metropolen am ehesten ein Gefühl von Raum.

Wenn Berlin ein Sound wäre, wie würden sie ihn beschreiben?
Es wäre der Sound von kleinen Kindern, die auf dem Platz vor dem Reichstag spielen. Ich habe damals selbst dort gespielt und erinnere mich gut, welchen Widerhall das massive Steingebäude erzeugte. Wenn sich der Hall mit dem Klang der lachenden Kinder verbindet, ist das eine gute Dokumentation dessen, wie Berlin ist: Die Stadt ist stark, riesig und schwermütig – auch wegen ihrer mächtigen Vergangenheit. Im Kontrast dazu hat sie aber auch etwas Unbeschwertes und Fröhliches durch die vielen jungen Menschen, die ihr frisches Blut geben.

Waren Sie in letzter Zeit mal in den Clubs der Stadt unterwegs?
Ja, im Berghain. Für mich zeigt die Berliner Clubszene auf, wo die elektronische Musik gerade steht. Der Sound dort ist ziemlich hart, energetisch und düster, dabei aber cool. Berlin ist immer noch eine Insel und abgekapselt von der restlichen Musikszene Deutschlands. Ich meine das positiv. Es ist anders als bei Paris und London, die auch geografisches Zentrum ihrer Länder sind. Auch deshalb hat sich in Berlin seit den Neunzigern diese starke Underground-Szene für elektronische Musik entwickelt.


Sie sollen einen Synthesizer in „SchneidersLaden“ in Kreuzberg gekauft haben. Warum dort?
Der Musikladen ist einzigartig in Europa, vermutlich sogar in der Welt. Dort konzentrieren sie sich auf Synthesizer. Es gibt eine riesige Auswahl – darunter auch nerdige Antik-Modelle. Man könnte es auch für eine Kunstgalerie mit Synthesizern halten. Ich könnte dort Wochen verbringen, denn sie lassen dich mit den Instrumenten experimentieren. Als ich das letzte Mal dort war, habe ich Boris Blank von Yello getroffen, der an einem Geräte rumfriemelte. Wir mussten beide lachen, uns dort zu sehen. Wir sind nun mal echte Nerds.

Kommen Sie als Franzose auch mit deutschem Essen klar?
Manches ist schon gewöhnungsbedürftig. Ende der Siebziger arbeitete ich mit dem Regisseur Peter Fleischmann am Soundtrack zu seinem Film „Die Hamburger Krankheit“. Wir werkelten die ganze Nacht im Studio. Morgens lud er mich zum Frühstück in ein Café ein. Er bestellte zum Bier ein paar Würste, die er in Senf tauchte. Er tat dies so selbstverständlich wie wir Franzosen Croissants in den Kaffee tauchen. Ich muss gestehen, dass der Anblick am frühen Morgen ein ziemliches Trauma bei mir auslöste.

Gibt es auch Klischees, die Sie widerlegen möchten?
Es wird ja behauptet, dass die Berliner schroff und uncharmant seien, aber das kann ich nicht bestätigen. Besonders die Frauen haben etwas erfrischend Unschuldiges und eine gute Energie. Aber in landestypischen Klischees denke ich sowieso nicht. Ich betrachte mich als Europäer. Egal, ob ich in Berlin, Paris oder London bin – als Europäer fühle ich mich in diesen Städten immer Zuhause.

Glauben Sie, dass mit dem neuen Präsidenten Emmanuel Macron die Beziehung zwischen Paris und Berlin verbessert wird?
Definitiv! Jemanden als Kopf eines Landes zu haben, der 39 Jahre alt ist, sendet ein positives Signal – ein Signal der Hoffnung! Es fühlt sich an wie die französische Revolution, aber ohne Blutvergießen.

Waren Sie bei der Wahl in Paris?
Nein, in Amerika. Aber dort habe ich gemerkt, dass Europa wieder begann, cool zu sein. Die politische Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland war doch oft eher ein Witz – und Fassade, um die Europäische Union zu erhalten. Ich denke, da wird es positive Impulse geben. Ich bin jedenfalls sehr glücklich über den Wandel.