Auf diese Schule gehen fast nur Jungen und schon im Schulfoyer sind Autogetriebe, Motoren und ein E-Bike ausgestellt. Weiter hinten in den Werkstätten bieten Schüler sogar einen Reifenwechsel an, samt Einlagerung der Winterreifen – gegen eine Spende für den schulischen Fördererverein.

Auf das Oberstufenzentrum Kraftfahrzeugtechnik unweit des Schlosses Charlottenburg gehen rund 2000 Berufsschüler. Sie werden dort zu Kraftfahrzeug- oder Zweiradmechanikern ausgebildet. Manch einer von ihnen erscheint aber nicht regelmäßig. Man könnte auch sagen: Er schwänzt lieber. Das sind vor allem jene, die in speziellen Klassen überhaupt erst einmal auf eine Ausbildung vorbereitet werden sollen. „Einige Schüler haben Mühe, sich an einen geregelten Tagesablauf zu halten“, sagt Schulleiter Ronald Rahmig. Der Mann trägt Zopf, die Manschettenknöpfe seines Jacketts stellen silbrige Totenköpfe dar. Weil das Schwänzen in einigen Klassen ein handfestes Problem ist, wird das Oberstufenzentrum nun das elektronische Klassenbuch einführen. Denn zu den Problemfällen gehören auch die älteren Fachoberschüler.

Gemeinsam mit der Walter-Gropius-Gemeinschaftsschule in Neukölln und der Wolfgang-Borchert-Sekundarschule in Spandau gehört das Oberstufenzentrum zu den Versuchsschulen für ein groß angelegtes IT-Projekt der Senatsbildungsverwaltung. In Charlottenburg sollen 26 Lehrer jeweils einen Laptop des US-Konzerns Hewlett-Packard erhalten. Ziel ist es vor allem, einen engeren Draht zu den Schülern aufzubauen. Schwänzt ein Schüler, wird der Lehrer ihm mit Hilfe des Laptops umgehend eine SMS auf dessen Handy schicken.

„Es ist 8.30 Uhr. Wir vermissen Dich“

Bisher tragen Lehrer das unentschuldigte Fehlen eines Schülers mit dem Kugelschreiber in das alte Klassenbuch aus Papier ein. Das Klassenbuch wird immer durch das Schulgebäude dorthin getragen, wo die Klasse gerade Unterricht hat. So dauert es oft lange, bis der Klassenlehrer mitbekommt, dass einer seiner Schützlinge fehlt. Und der Schüler wird in Ruhe gelassen.

Künftig soll der Schwänzer sofort eine Reaktion erhalten. Das soll aber nur für diejenigen gelten, die schon häufiger in der Schule gefehlt haben. „Eine SMS erhält nicht, wer das erste Mal auffällt“, sagt Rahmig. Für die Nachricht auf das Handy stehen den Lehrern einige Textbausteine zur Verfügung. „Es ist 8.30 Uhr. Wir vermissen Dich. Komm bitte zur Schule“, ist eine Variante. Schulleiter Rahmig gefällt dieser Satz ganz gut. Schülern, die schwänzen, fehle oft die Erfahrung, dass sich wirklich jemand dafür interessiert. Rahmings Lehrer arbeiten derzeit an weiteren Formulierungen.

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An Oberstufenzentren sind viele Schüler bereits volljährig und nicht mehr schulpflichtig. Trotzdem sollen auch Eltern und gegebenenfalls der Ausbildungsbetrieb eine weitere SMS erhalten. Die Schulkonferenz hat dem bereits zugestimmt. An den beiden anderen Pilot-Schulen sollen die Informationen ausschließlich an die Eltern gehen.

„Wir sind die letzte Institution, die noch auf die Bildungsbiografie dieser jungen Menschen einwirken kann“, begründet Rahmig, warum er die Idee mit dem elektronischen Klassenbuch gut findet. Gerade hatte er einen Schüler getroffen, der deutlich zu spät kam. Der Schüler rechtfertigte sich damit, dass er bis nach Mitternacht im Dönerimbiss seines Onkels mitgearbeitet hat und deshalb zu müde war, um schon gegen acht Uhr in der Schule zu sein.

Datensicherheit ist ein Problem

Die Lehrer müssen sich allerdings ohne Laptop auf das elektronische Klassenbuch vorbereiten. Die Geräte sind noch nicht da, auch weil Datenschützer und vor allem die Personalvertretung noch Klärungsbedarf haben. Strittig ist beispielsweise, ob auch die Schulnoten von Schülern gespeichert werden dürfen. Ein weiteres Problem ist die Datensicherheit. Eine „Daten-Center-Box“ soll alle Schuldaten zentral speichern, und zwar auf einem Server in Österreich. Nun ist die Frage, ob dieser Server von Hackern geknackt werden kann. Und auch technisch passt noch nicht alles zusammen: Die Software für das elektronische Klassenbuch heißt Untis und stammt von einer österreichischen Firma, gleichzeitig arbeitet die Bildungsverwaltung daran, eine zentrale Schülerdatei für alle Schulen zu etablieren – mit der in Köpenick entwickelten Software Magellan. Beide Softwares harmonieren noch nicht miteinander.

16 Schüler- und Elterndaten sollen dort gespeichert werden: Name, Geburtsdatum, Befreiung von der Zuzahlung für Schulbücher, Migrationshintergrund, Förderbedarf, Fehltage und andere. Auch bisher erfassen die Schulen diese Daten in ihrer Kartei, allerdings kann niemand darauf zugreifen. Piraten-Bildungspolitiker Martin Delius warnt vor dem „gläsernen Schüler“, obwohl es für die Schülerdatei klare Regeln gibt: Die Polizei soll etwa einen aufgegriffenen Schüler durch die Datei schnell einer bestimmten Schule zuordnen können, nicht aber Einblick erhalten, ob die Eltern Sozialleistungen beziehen. Die Schulverwaltung soll Daten nur verschlüsselt und nicht personenbezogen erhalten, um den Lehrereinsatz besser planen zu können.

Schüler reagieren positiv

Mit den Laptops sollen die Lehrer aber noch mehr machen können, etwa den Unterricht dokumentieren. Auch Klassenarbeiten oder Arbeitsblätter soll man darauf virtuell hinterlegen können. Die Lehrer am Oberstufenzentrum erwarten, dass ihnen das elektronische Klassenbuch so einige Vorteile bringt. „Ein Vertretungslehrer muss dann nicht mehr abends den Kollegen anrufen, um zu erfahren, was in der vorherigen Stunde durchgenommen wurde“, sagt ein Lehrer. Ein Kollege findet es gut, wenn er ohne Aufwand im Laptop auch mal schauen kann, welche Noten die Schüler in anderen Fächern so haben. „So nach dem Motto: Wenn es bei der Rechtschreibung hapert, kann er ja vielleicht Mathe.“

Und was sagen die potenziellen SMS-Empfänger zu der Neuerung? „Ich find es cool, wenn mein Lehrer künftig auf mein Smartphone textet“, sagt ein Schüler. Angst vor Überwachung scheint er offenbar nicht zu haben. Vielleicht ändert sich das ja noch – wenn die Laptops erstmal da sind.