Die Fabrikarbeiterin wuchs mit vielen Geschwistern auf. Sie ging nur unregelmäßig zur Schule, das fiel zu Hause nicht weiter auf. Sie lernte nie richtig schreiben und lesen. Ihre beiden Töchter, die inzwischen studieren, halfen der Frau beim Entziffern von Briefen oder Behördenpost. Manche Texte lernte sie einfach auswendig. Niemand außerhalb der Familie sollte bemerken, dass sie Analphabetin ist. Ein anderes Beispiel ist der junge Mann aus Serbien, ebenfalls Analphabet. Als andere zur Schule gingen, befand er sich auf der Flucht. Irgendwann verlor er den Anschluss.

Von diesen Fällen berichtete am Dienstag Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). In Berlin gibt es schätzungsweise 320?000 Erwachsene, die nicht oder kaum lesen, schreiben und rechnen können. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von rund 14 Prozent. 58?Prozent dieser sogenannten funktionalen Analphabeten sind deutscher Herkunft.

„Nur ein Prozent der Betroffenen nehmen unsere Angebote an“, sagte Scheeres. Dazu zählen Alphabetisierungskurse in Volkshochschulen. „Da müssen wir besser werden.“ Daher hat der Senat jetzt beschlossen, in den kommenden acht Jahren rund elf Millionen Euro in die ressortübergreifende „Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung“ zu investieren, die mit den Volkshochschulen entwickelt worden ist.

Das Geld stammt vom Land Berlin und dem Europäischen Sozialfonds. Damit sollen drei Leitaktionen mit 31 Einzelmaßnahmen finanziert werden, um die Grundkenntnisse funktionaler Analphabeten zu verbessern und deren Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu stärken.

Erstens soll das Angebot von Alphabetisierungskursen ausgebaut und überarbeitet werden. Der Lehrstoff soll sich künftig stärker an der Praxis orientieren. So soll den Schülern beigebracht werden, wie sie einen Fahrplan oder einen Brief vom Amt lesen. Dazu sollen Qualitätsstandards entwickelt werden. Entsprechende Angebote soll es auch in Justizvollzugsanstalten geben. Damit Analphabeten auf die Kurse aufmerksam werden, sollen Werbespots geschaltet werden. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, auf Webseiten anstelle von schriftlichen Informationen Buttons zu installieren. Per Knopfdruck können dann gesprochene Texte aufgerufen werden. Zudem sind die Behörden aufgefordert, Formulare verständlicher zu formulieren.

Mehr Geld für die Alphabetisierung

Zweitens soll ein „Alphasiegel“ eingeführt werden. Diese Auszeichnung soll Verwaltungen und Unternehmen verliehen werden, die mit Grundbildungsdefiziten ihrer Kunden oder ihrer Belegschaft sensibel umgehen. So sollen Betroffene beraten und ermuntert werden, sich Hilfe zu suchen. „Funktionaler Analphabetismus ist immer noch ein Tabuthema. Dabei ist es keine Schande. Die Menschen können nichts dafür, dass sie als Kinder und Jugendliche diese Fähigkeiten nicht erlernt haben“, sagte die Bildungssenatorin.

Da sich aber, wie erwähnt, viele Analphabeten nicht zu erkennen geben, müssen drittens Volkshochschullehrer, Mitarbeiter in Jobcentern, Bürgerämtern oder Familienzentren geschult werden, damit sie Defizite erkennen. „Da geht es um die Bildung von Vertrauen“, sagte die Senatorin. Mögliche Probleme müssten vorsichtig angesprochenen werden, um die Betroffenen nicht zu verschrecken.

Dazu wurde bereits im vergangenen Jahr ein Runder Tisch zur Alphabetisierung gegründet sowie in Wilmersdorf ein Grundbildungszentrum eingerichtet, in dem Fortbildungen und Schulungen angeboten werden. Außerdem werden in der Anlaufstelle die Aktivitäten im Bereich der Grundbildung koordiniert. In dem Zentrum sind vier Mitarbeiter beschäftigt, es wird mit 200?000 Euro pro Jahr finanziert. Geplant ist, die Mittel aufzustocken.