Elif Demirezer: Perfekt getarnt

Wenn die Berliner Sängerin Elif mal nicht erkannt werden möchte, dann funktioniert das derzeit auch ohne Hilfsmittel ganz gut. Der Ruhm ihrer Teilnahme an der Castingshow „Popstars“ ist nach vier Jahren längst verflogen. Allerdings könnte es gut passieren, dass sie schon bald ihren echten Durchbruch feiert. Und dann würde es sich wohl als praktisch erweisen, dass sie sich immer ohne ihre Brille fotografieren lässt. Wenn sie die aufsetzt, ist Elif perfekt getarnt.

Am Freitag wurde das Video zu ihrer Single „200 Tage Sommer“ veröffentlicht und am 30. August kommt ihr erstes Album „Unter meiner Haut“ heraus. Das Video wird bestimmt Aufmerksamkeit erregen, denn die Sängerin hat sich dagegen entschieden, darin mit einem Mann die übliche Video-Liebesgeschichte zu spielen. Stattdessen geht sie mit einem Elefanten durchs Filmchen. „Ich mag keinen Mann im Video haben. Ein Elefant ist kitschig, aber ein Mann wäre noch kitschiger.“ Außerdem macht sie jede Mücke zum Elefanten und kann – wie der Dickhäuter – nichts vergessen. „Das passt doch!“

Kein Typ für peinliche Shows

Als Elif (damals auch noch unter ihrem Nachnamen Demirezer – inzwischen muss der Vorname genügen) 2009 den zweiten Platz bei „Popstars“ belegte, hätte die Plattenfirma das bisschen Kohle aus ihr quetschen können, das sich mit Zweitplatzierten auf die Schnelle verdienen lässt. Es gehört keine große prophetische Gabe dazu, um zu begreifen, dass sie nach einem eilig zusammengeschusterten Album jetzt wohl schon längst wieder vergessen wäre (der Typ für peinliche Dschungel- oder Wüstenshows wäre Elif nämlich nicht).

Stattdessen trat die Plattenfirma auf die Bremse. „Die haben gesagt: Finde dich erst mal. Ich habe dann Stück für Stück herausgefunden, worüber ich wie singen will.“

Das Ergebnis klingt erstaunlich erwachsen. So gar nicht nach einer 20-Jährigen, die die Lieder mit 17 bis 19 Jahren geschrieben hat. Die Texterin Jasmin Shakeri, ein Vorbild von Elif, hat eine Erklärung dafür. „Sie sagt, dass sie in mir manchmal eine alte Seele sieht.“ Aber dann rutscht Elif so ein sehr junger Satz heraus: „Jasmin ist 34. Ich habe viel mit älteren Leuten zu tun.“ Sie ist kurz von den amüsierten Gesichtern ihrer noch älteren Zuhörer irritiert, dann fällt ihr auf, was sie da gesagt hat, und es ist ihr ein wenig peinlich.

Auftritt im Lido

Im Januar will Elif auf Tournee gehen (die auch im Kreuzberger Lido gastieren soll). Bis dahin muss sie noch Lieder schreiben, denn für 90 Minuten reicht ihr bisheriges Repertoire noch nicht. Oder sie trickst ein wenig: „Man kann Lieder dehnen oder Gäste einladen, mit denen man zusammen singt.“ Die Frage, seit wann sie weiß, dass sie deutsche Texte singen will, lässt die in Moabit aufgewachsene Tochter von türkischen Einwanderern keinen Moment zögern: „Schon immer! Schon als ich acht Jahre alt war, habe ich gemerkt, dass mich deutschsprachige Musik, deren Texte ich verstand, viel mehr berührte.“ Wenn im Radio ein deutschsprachiges Lied läuft, kann sie sich nicht mit jemandem unterhalten: „Ich muss dann auf den Text achten.“

Elif brennt für die Musik, sie mag ihr Schicksal allerdings nicht davon abhängig machen, ob sie bis ans Ende ihrer Tage ihren Lebensunterhalt mit der Singerei verdienen kann. „Wenn alles schief läuft, werde ich wie früher kellnern oder eine Ausbildung machen. Ich bin jung.“ Protest kommt dazu aus einer Ecke, aus der sie ihn nicht erwartet hätte. Am Anfang zweifelten die Eltern, ob sich ihre Tochter in das Abenteuer stürzen soll, das eine Musikkarriere ja zweifellos darstellt. Inzwischen ist das gekippt. Als Elif ihrem Vater am Donnerstag beiläufig sagte, sie wisse noch nicht genau, ob sie immer Musik machen würde, hat der protestiert: „Ich bin jeden Monat mit dem Entschuldigungszettel in die Schule gegangen, jetzt ziehst du das durch!“

Mit einem kleinen Trick macht Elif, die ihren Beziehungsstatus als „mit der Musik verheiratet“ umschreibt, sich immer wieder den Wert ihrer Barmittel klar. „Ich rechne mein Geld oft in Stunden um, die ich dafür kellnern müsste.“ Seit sie selbst erlebt hat, wie sauer man in diesem Job seine Kröten verdient, gibt es bei ihr keine Diskussionen mehr: „Immer zehn Prozent Trinkgeld geben!

Im Internet unter www.elif-musik.de