Diese Fabrik – von Tesla Gigafactory 4 genannt – hat bislang noch keine abschließende Baugenehmigung. Sollte es die nicht geben, müsste Tesla alles wieder abreißen.
Foto: imago images/Jan Hübner

BerlinDer derzeit bekannteste Schwarzbau der Welt glänzt in der Sonne. Gleich neben dem östlichen Berliner Ring stehen dicht an dicht unzählige Säulen. Selbst aus ein paar Hundert Metern Entfernung ist zu erkennen, wie riesig diese Autofabrik werden soll. Der Beton der Säulen ist so hell, dass die Skelette der Hallen fast weiß wirken. Laster mit Baumaterial rollen an, Kräne drehen sich, als wäre hier alles seit langer Zeit eingespielt. Ist es aber nicht. Vor sieben Monaten stand hier noch ein dichter Kiefern-Forst. Nun ist es die größte Baustelle Deutschlands. Die Asphaltpiste dorthin trägt den Namen Tesla-Straße und ist so jung, dass sie noch gar nicht richtig dreckig ist, sondern fast schwarz.

Willkommen in Grünheide, willkommen auf der Baustelle der sogenannten Gigafactory 4 – kurz: GF4. Es ist die erste Fabrik des amerikanischen Elektroautobauers Tesla in ganz Europa – und die wird ausgerechnet in einem vorher weitgehend unbekannten Ort in Brandenburg gebaut.

Es ist die größte Investition in Ostdeutschland seit Jahrzehnten. Von einer Investitionssumme von bis zu vier Milliarden Euro ist die Rede, und neuerdings kursieren Zahlen, dass irgendwann mal 40.000 Leute hier arbeiten könnten, die jedes Jahr bis zu zwei Millionen Tesla-Modelle bauen. Produktionsstart: Sommer 2021.

Alles auf der Baustelle wirkt so sauber, so korrekt, so ordentlich. Eine Vorbildbaustelle. Dabei ist es – wie gesagt – ein Schwarzbau.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: dpa

Genau darum geht es an diesem Mittwoch ein paar Kilometer entfernt in der Stadthalle von Erkner. In der prosperierenden Stadt im Berliner Speckgürtel ist um 10 Uhr in der Früh der vielleicht entscheidende Termin angesetzt. Es ist der Tag, der letztlich darüber mitentscheidet, ob der halblegale Schwarzbau eine Baugenehmigung bekommt. Bislang gab das Landesumweltamt der Firma Tesla nur ein halbes Dutzend Zulassungen für den vorzeitigen Baubeginn. Der Konzern baut also auf eigenes Risiko und eigene Rechnung. Sollte Tesla-Chef Elon Musk am Ende doch keine Baugenehmigung erhalten, müsste er alles wieder auf eigene Kosten abreißen lassen.

Das kapitalistische Wunderkind Elon Musk

In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit gibt es bei Telsa eigentlich nur Elon Musk – Musk ist Tesla. Dieser Mann ist ein Faszinosum, ein kapitalistisches Wunderkind, der globale Wirtschaftsaufsteiger des Jahrzehnts. Aber er ist auch hoch umstritten: 49 Jahre alt, gebürtiger Südafrikaner, Maschinenbauingenieur und Selfmade-Milliardär, der in den USA früh reich wurde durch seine Beteiligung am Online-Bezahlsystem Paypal; und dessen Vermögen von der Finanznachrichtenagentur Bloomberg in diesem August auf 101 Milliarden US-Dollar geschätzt wurde.

Und in Erkner wird nun bis Freitag auch ein wenig darüber mitentschieden, ob sich der Aufstieg des Elon Musk fortsetzt. Der Einlass soll um 9 Uhr beginnen. Um 9.01 Uhr stehen gerade mal 19 Leute in der Schlange vor der Halle. Doch es werden immer mehr. Insgesamt sind 414 schriftliche Einwendungen eingegangen. Nur diese Personen haben das Recht, an der Anhörung teilzunehmen. Sie dürfen ihre Einwendungen erläutern und Nachfragen beantworten.

Würden alle Einwender kommen, wäre die Veranstaltung sofort zu Ende, denn alle müssen reingelassen werden. Das wäre in normalen Zeiten kein Problem: Die Halle fasst 800 Leute, doch wegen der Corona-Abstandsregeln gibt es nur 150 Plätze. Als es um 10.45 Uhr losgeht, sind 114 Plätze besetzt. Die Anhörung platzt also nicht.

Schnell war er das Gesicht von Tesla

Elon Musk ist natürlich nicht da. Aber zehn Tesla-Leute sind es. Für seine Fans ist Musk ein Visionär, mit vielen Ideen zur Rettung der Menschheit. Er lässt an Künstlicher Intelligenz forschen und träumt davon, das menschliche Gehirn mit Maschinen zu vernetzen. Er will mit den Raketen seines privaten Raumfahrtunternehmens Space X zum Mars fliegen. Schon jetzt ist er Weltmarktführer, wenn es darum geht, Satelliten ins All zu schießen. Und dann ist da noch Tesla, die Firma, bei der Musk 2004 einstieg. Schnell war er das Gesicht des Unternehmens. Der Börsenwert erreichte im Sommer mit 180 Milliarden Euro seinen Höchststand. Das ist mehr als Volkswagen, BMW und Daimler zusammen. Musks Fans jubeln, dass Tesla nun einer selbstzufriedenen Branche im Autoland Deutschland gehörig in den Hintern tritt – mit den Elektroautos Made in Grünheide.

Tesla-Fans sind nicht nach Erkner gekommen. Aber sie sind ab und an an der Baustelle zu treffen. Manche halten Musk für einen technikgläubigen Revolutionär, dem es gelingt, das 20. Jahrhundert mit dem 21. zu versöhnen. Sie meinen: Mit Tesla können die Leute weiterhin ganz individuell mit einem leistungsstarken Auto umherfahren, dabei aber auch ökologisch sein. Einige seiner Fans scheuen nicht mal davor zurück, Elon Musk mit Einstein oder Da Vinci zu vergleichen, wobei sie Musk eine Stufe höher stellen.

Ein paar Kilometer entfernt gibt es in der Stadthalle von Erkner sofort Streit. Die Gegner wollen, dass ein Wortlautprotokoll geführt wird. Das Landesumweltamt lehnt dies ab, weil es nicht vorgeschrieben ist. Unmut, Buh-Rufe. Dann sagt der Verhandlungsleiter Ulrich Stock, dass Tesla eine Firma beauftragt hat, das Protokoll zu führen. Pfiffe, Buhrufe. Sofort folgt der Antrag, eine andere Firma zu nehmen. Dann wollen einige Gegner, dass Stock die Verhandlungsleitung entzogen wird. Er hatte schon Anfang September in einem Fernsehinterview gesagt: „Nach jetzigem Stand können wir keine grundsätzlichen Genehmigungshindernisse erkennen.“

Die Anhörung muss abgebrochen werden. Das Landesumweltamt muss über den Befangenheitsantrag entscheiden. Um 12.02 Uhr wird verkündet: Antrag abgelehnt.

Bürgermeister schließen Wasservertrag mit Tesla

Das ist eine Niederlage für die Gegner. Sie haben bereits am Vorabend eine Schlappe hinnehmen müssen. Einer ihrer Hauptkritikpunkte ist, die Fabrik verbrauche so viel Wasser, dass die Wasserversorgung der gesamten Region gefährdet sei. Also demonstrierten in Strausberg 20 Gegner, während drinnen beim Wasserverband die Bürgermeister den Wasservertrag mit Tesla absegneten.

Auch für Musk war der Tag davor kein reiner Glückstag. Ein paar Tausend Kilometer von Erkner entfernt hatte er in den USA einen Battery Day ausgerufen. Seine Fans und die Börse hatten erwartet, dass er eine Revolution beim Bau von preiswerten Batterien verkündet. Doch er musste sie vertrösten und kündigte den Durchbruch erst in etwa drei Jahren an. Der Tesla-Kurs sackte an dem Tag um 13 Prozent ab.

Am Tag vor der hermetisch abgeschirmten Anhörung sitzt Manuela Hoyer in dem Garten hinter dem Mehrfamilienhaus ein paar Kilometer von der Fabrik entfernt. Sie ist die Chefin der Bürgerinitiative Grünheide. Von vorn sieht das Haus recht schlicht aus, aber hinten erstreckt sich ein weiter wilder Gemeinschaftsgarten, die Spree fließt vorbei. Der sanfte Wind weht erste gelbe Blätter von den hohen schattigen Bäumen.

Chefin der Bürgerinitiative: „Die Natur wird hier definitiv zerstört werden“

Manuela Hoyer schaut auf die beiden Paddler, die vorbeigleiten. „Ich bin in Berlin geboren, habe immer an lauten Hauptstraßen gewohnt“, erzählt die 60-Jährige. Sie hat 35 Jahre für die Gewerkschaft gearbeitet, war auch ein paar Jahre in einem 260-Seelen-Dorf im Schwarzwald. „Anfangs konnte ich dort nicht einschlafen, weil es so ruhig war. Dort habe ich gelernt, die Natur und die Ruhe zu genießen.“

Auch deshalb engagiert sie sich gegen Tesla. Sie weiß, wie sich das Umfeld einer riesigen Autofabrik verändert, wie die Wälder verschwinden, wie sich um einen solchen „Jobmotor“ immer mehr Firmen ansiedeln, wie die Grundstückspreise steigen. Es geht um den Verkehr, um den Lärm. „Die Natur wird hier definitiv zerstört werden“, sagt sie.

Grundsätzlich sei sie nicht gegen eine Tesla-Fabrik. „Aber doch nicht, wenn sie zum Teil auf einem Wasserschutzgebiet steht und so viel Wasser verbraucht wie eine 40.000-Einwohner-Stadt.“ Wenn auch nur ein Tropfen Öl oder Gift ins Grundwasser gelange, sei das Wasser für fast 180.000 Leute gefährdet. Es gebe doch viel passendere Standorte für solch eine Fabrik, in der Mensch und Natur nicht so massiv beeinträchtigt werden. „Warum geht Elon Musk nicht in die Lausitz, da gibt es große Brachen. Aber er wollte ja unbedingt in die Nähe von Berlin und des Flughafen Schönefeld.“

Zurück vor die Stadthalle von Erkner. Dort geht die Kritik an Tesla auch ins Grundsätzliche. Einige werfen Musk vor, dass er zwar viele Ideen zur Rettung der gesamten Menschheit hat, dass ihm aber einzelne Menschen nicht so wichtig seien, dass ihm zum Beispiel die hiesigen Tariflöhne nicht gefallen. Andere Kritiker wiederholen den grundsätzlichen Vorwurf: Teslas Autos stellen keine Rettung dar, da Musk keine kleinen wendigen Großstadtautos baut, sondern große Brummer, fast zwei Tonnen schwer mit riesigen Batterien. Es sind also Autos von gestern, nur mit einem Antrieb von morgen. Immer wieder sagen die Leute: „Wir wollen doch eine Verkehrswende. Wir wollen weniger Autos.“

In der Stadthalle geht es dann in den ersten Stunden nur um Verfahrensfragen. Die Journalisten sehen nicht, was passiert, sondern sitzen in einem großen Zelt auf dem Parkplatz und können nur zuhören. Es geht um juristische Fragen. Was ist wichtiger, die Zahl der Einwendungen oder die Zahl der Einwender. Es sind ewige Debatten. Die Gegner klingen wütend, enttäuscht, manche auch verzweifelt.

Wer draußen mit ihnen spricht, merkt schnell: Die meisten halten Musk zumindest für einen schrägen Typen, etwas durchgeknallt, recht egomanisch. Es ist zu lesen, dass er tatsächlich ein Mann ist mit einem wechselvollen Privatleben, ein sechsfacher Vater, der seinem jüngsten Sohn den Namen XAEA-12 gab. Ein Workaholic, der zugibt, auch mal Schlafmittel nehmen zu müssen, um von seinem Dauerstress runterzukommen.

Eine Frau sagt: „Der ist doch gar nicht so erfolgreich, wie es immer scheint.“ Tesla sei zwar Marktführer bei Elektroautos und mache mehr als sechs Milliarden Euro Umsatz, aber zuletzt auch weiterhin Verluste. 

Das sind tatsächlich Werte, die sich im Internet finden lassen. Jedenfalls für das Jahr 2019. Später teilt ein Sprecher des Unternehmens mit, Tesla habe trotz der Corona-Pandemie seit vier Quartalen durchgängig nur Gewinne gemacht.

In Erkner ist zwar noch gar keine Pause, aber Manuela Hoyer stapft aus der Halle. „Ich bin total genervt. Ich könnte schreien. Sehr viel und sehr laut.“ Die Chefin der Bürgerinitiative beschwert sich, dass die Gegner vorher nicht die Tagesordnung bekommen haben, sich nicht richtig vorbereiten konnten, dass ihnen das Wort abgeschnitten werde, dass einer Wortführerin sogar das Mikro abgestellt wurde.

Auf dem Parkplatz gleich gegenüber vom Infostand der Bürgerinitiative sind vier Polizisten damit beschäftigt, zwei Männer zu bändigen. Es geht aber nicht um Tesla, sondern um einen Streit zwischen zwei Parkplatzsuchern.

Hoyer erzählt derweil ihren Leuten, was drinnen passiert. Dann sagt sie: „Die ziehen das durch. Die Politik in Brandenburg hat doch bisher alles im Sinne von Tesla gemacht – und das, obwohl der zuständige Umweltminister von den Grünen ist. Ich habe das Vertrauen in die Politik verloren.“ Sie sagt, dass sie weiter kämpfen wird. „Wir haben eigentlich nur noch die Hoffnung, dass die EU die Sache stoppt. Oder dass genug Geld für eine Klage zusammenkommt.“

Auf dem Tisch steht eine Sammelbox mit der Aufschrift: „Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit.“ Noch ist die weiß-rote Box recht leer.